DER SPIEGEL, 3.11.2003, S. 102-104
Es gibt Tage, da erwecken Nachrichten, die aus Unternehmen, von Gewerkschaften und Arbeitgebern kommen, den Eindruck: Die Wirtschaft ist ein riesiges Irrenhaus. Aus jedem Zimmer dringen andere Rufe, die für sich genommen schon schwer verständlich sind, zusammen genommen aber scheinbar überhaupt keinen Sinn mehr ergeben.
Vergangene Woche war es mal wieder so weit. Unternehmer, deren Verbände seit Jahren über die viel zu kurzen Arbeitszeiten in Deutschland klagen und darin eine wesentliche Ursache für die Standort-Misere sehen, fordern plötzlich kürzere Arbeitszeiten.
Tatsächlich wird es aber immer mehr unterlaufen. Vor allem Politiker aus den beiden größten Volkswirtschaften des Eurolands, Deutschland und Frankreich, geben sich alle Mühe, den Pakt und seine berühmte Obergrenze für das Staatsdefizit von höchstens drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auszuhebeln.
Opel-Chef Carl-Peter Forster will, dass seine Belegschaft im Stammwerk Rüsselsheim nur noch 30 statt 35 Stunden in der Woche Autos montiert. Utz Claassen, Chef des Energieversorgers EnBW, würde gern die Vier-Tage-Woche einführen. Und der Personalchef der Telekom, Heinz Klinkhammer, will die Arbeitszeit von 38 auf 34 Stunden verringern.
Und wie reagieren die Gewerkschaften, die jahrzehntelang für kürzere Arbeitszeiten stritten und streikten? Sie sind empört. Franz Treml, stellvertretender Vorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, sagt: Der Vorschlag des Telekom-Vorstands, weniger Arbeit und weniger Lohn, ist "für uns schlicht indiskutabel".
Unternehmer sind für, eine Gewerkschaft ist gegen eine Arbeitszeitverkürzung - damit hat die verquere Debatte darüber, wie lange die Deutschen arbeiten müssen, einen skurrilen Höhepunkt erreicht.
Ja, was denn nun? Ist Deutschland nicht, wie Wirtschaftswissenschaftler und Arbeitgeber seit langem sagen, Freizeitweltmeister und hat mit die niedrigsten Arbeitszeiten aller Industrienationen? Setzte sich nicht in den vergangenen Monaten bei CDU und CSU sowie SPD gleichermaßen die Erkenntnis durch, dass die Deutschen wieder länger arbeiten müssen?
Unter den OECD-Staaten hat Deutschland die drittniedrigsten Arbeitszeiten, sagt Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts. Vier Stunden länger sollten die Deutschen arbeiten, 42 statt 38 Stunden in der Woche, fordert der Ökonom. Für die Arbeitnehmer wäre dies zumutbar, meint Sinn, und das Land könnte so wieder wettbewerbsfähig werden.
Politiker greifen die Argumente der Wissenschaftler seit einiger Zeit auf, auch wenn sie damit bei der eigenen Wählerklientel nicht unbedingt Punkte sammeln. Oppositionsführerin Angela Merkel sagt: "Wir müssen für dasselbe Geld länger arbeiten." CSU-Chef Edmund Stoiber assistiert: "Wir müssen unsere wöchentliche Arbeitszeit um bis zu drei Stunden verlängern." Und der sozialdemokratische Wirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement stellt die Streichung von Feiertagen zur Diskussion.
Den möglichen Effekt könne man im kommenden Jahr beobachten. Dann werde die Wirtschaft allein deshalb bereits um 0,6 Prozent wachsen, weil viele Feiertage auf Wochenenden fallen und es entsprechend mehr Arbeitstage gibt. Das müsse doch, sagt Minister Clement, allen zu denken geben.
Der kollektive Ruf nach Mehrarbeit erinnert an den Hit der Deutsch-Rocker Geier Sturzflug aus den achtziger Jahren: "Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt."
Die Melodie ist eingängig, die Forderung nach pauschaler Mehrarbeit ebenso. Doch bei näherer Betrachtung ist sie genauso schlicht wie die pauschale Ablehnung einer Arbeitszeitverlängerung durch die Gewerkschaften, die DGB-Chef Michael Sommer am vergangenen Donnerstag wieder zu Protokoll gab: "Dadurch wird kein einziger Arbeitsplatz geschaffen."
Tatsächlich ist die Diskussion um Arbeitszeiten nur eine Scheindebatte. Entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und der Nation ist weniger, wie viel Zeit die Menschen in Fabriken und Büros verbringen, sondern wie produktiv sie dabei sind und wie viel Lohn ihre Arbeitgeber dafür zahlen müssen.
Für ein Unternehmen, das nicht genügend Kunden für seine Produkte findet, kann es sinnvoll sein, die Arbeitszeit zu verkürzen - allerdings ohne Lohnausgleich. Der Vorreiter dieser Entwicklung, der VW-Konzern, führte 1993 die Viertagewoche ein: Die Belegschaft arbeitet 20 Prozent weniger und erhält geringere Löhne. Das Unternehmen sparte sofort über 800 000 Millionen Euro. Die Alternative, 30 000 Mitarbeiter zu entlassen, hätte zunächst nur die Kosten in die Höhe getrieben, denn VW hätte einen Sozialplan verabschieden müssen.
In ähnlicher Lage befinden sich derzeit Opel, die Telekom und EnBW. Auch sie wollen ihre Belegschaften weniger arbeiten lassen und dafür entsprechend weniger bezahlen. Ohne Lohnkürzungen würde das Modell keinen Sinn machen. Doch die Hardliner von Ver.di verweigern sich dieser Einsicht und stemmen sich gegen die Pläne der Telekom, für weniger Arbeit auch weniger zu zahlen.
Gewerkschaften, die jahrzehntelang für höhere Löhne kämpften und für Arbeitszeitverkürzungen mit vollem Lohnausgleich, gestehen ungern ein, dass der Zug mitunter auch mal in die entgegengesetzte Richtung fahren muss: Es gibt nicht mehr, sondern weniger Geld, dafür aber sind die Arbeitsplätze gesichert.
Dieses Modell der Arbeitszeitverkürzung bei gleichzeitiger Senkung der Löhne taugt aber nur für den Notfall, für eine vorübergehende Krise eines Unternehmens. Für Konzerne, deren Geschäft floriert, kann es dagegen sinnvoll sein, dass die Belegschaft länger arbeitet.
"Es ist eine Verschwendung von Talent, wenn unsere hoch ausgebildeten jungen Ingenieure nach 35 Stunden in der Woche nach Hause gehen", klagte am vergangenen Mittwoch Manfred Wennemer, Chef des Reifenherstellers Continental. "Das kann nicht sein", sagte er, "das müssen 40, das müssen 45 Stunden werden."
Wennemer will für die zusätzliche Arbeit nur teilweise bezahlen, beispielsweise ein bis zwei Stundensätze für fünf Stunden Mehrarbeit. Die Belegschaft würde mehr verdienen, aber die durchschnittlich gezahlten Stundenlöhne würden sich verringern. Conti könnte seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, Arbeitsplätze sichern und möglicherweise neue schaffen.
Der Reifenhersteller wäre damit das Musterbeispiel für die Thesen von Ökonom Sinn. Seine Analyse: Die deutschen Arbeitskosten pro Stunde sind im internationalen Vergleich zu hoch. "Das kann nicht so bleiben, das stehen wir nicht durch", schreibt Ifo-Chef Sinn in seinem neuen Buch "Ist Deutschland noch zu retten?"
Wenn das Land wieder wettbewerbsfähig werden will, so fordert er, dann müssen die Lohnkosten sinken. Erreichen könnte man dies theoretisch, indem entweder die Lohnkosten um mindestens 11,5 Prozent verringert werden oder indem die Arbeitnehmer die Arbeitgeberbeiträge zur Kranken- und Rentenversicherung übernehmen, damit die Unternehmen eine entsprechende Entlastung bei den Lohnnebenkosten erreichen. Beides ist jedoch utopisch, so Sinn, weil in der Praxis nicht durchsetzbar.
Sein Lösungsvorschlag: Die Arbeitnehmer sollten rund zehn Prozent länger arbeiten, ohne dafür einen höheren Lohn zu erhalten. Die Lohnkosten würden entsprechend sinken, die Arbeitnehmer müssten dennoch keine Gehaltseinbußen erleiden, was sonst möglicherweise zu verringerten Konsumausgaben führen könnte. "Das ist die einzige praktikable Möglichkeit", sagt der Ifo-Chef.
Im Idealfall nutzen die Unternehmen die Kostenersparnis, um den Preis zu senken, was zu einer höheren Nachfrage und zu mehr Absatz führen würde. "Wenn die Löhne im Durchschnitt nur um etwa zehn Prozent unter ihrem heutigen Niveau lägen", so Sinn, "dann könnten unter sonst gleichen Voraussetzungen in Deutschland über vier Millionen wettbewerbsfähige Arbeitsplätze entstehen."
Ein schönes Modell. Aber eben nur ein Modell. Denn es setzt erstens voraus, dass die Firmen die günstigeren Kosten sofort in Form niedrigerer Preise weitergeben, und zweitens, dass die Kunden dann entsprechend mehr Produkte kaufen.
Das sind "zwei heroische Annahmen", sagt Hartmut Seifert vom gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Wenn die Kunden die zusätzlich hergestellten Waren nicht kaufen, weil sie ihr Geld lieber sparen, dann haben die Unternehmen ein Absatzproblem. Sie müssten in dem Fall sogar Arbeitsplätze streichen, weil sie die benötigte Menge mit weniger Beschäftigten, die länger arbeiten, herstellen können.
Sinns Vorschlag und Seiferts Konter zeigen: Ökonomen unterliegen in der Debatte um längere Arbeitszeiten oft dem gleichen Irrtum wie Politiker - sie schlagen für eine hoch differenzierte Wirtschaft einheitliche Lösungen vor. Nötig ist aber eher mehr Vielfalt: In manchen Unternehmen müssen die Beschäftigten länger, in anderen kürzer arbeiten.
Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände tun sich ebenfalls schwer mit der neuen Vielfalt. Der neue IG-Metall-Chef Jürgen Peters verlangt unverdrossen: "Kürzere, nicht längere Arbeitszeiten sind die historisch richtige Antwort auf die steigende Produktivität der Arbeit."
Doch Rhetorik und Realität fallen immer stärker auseinander. In Wahrheit schafft es nicht einmal die mächtige IG Metall, die 1990 mit Warnstreiks erkämpfte 35-Stunden-Woche zu verteidigen. Viele Metaller arbeiten längst wieder 38, 39 oder 40 Stunden die Woche. Nicht selten hat die IG Metall den flexibleren und längeren Arbeitszeiten selbst zugestimmt: etwa in eigenen Haustarifen mit Firmen wie Debis und Jenoptik oder im Rahmen so genannter Bündnisse für Arbeit.
Genauso widersprüchlich sind die Positionen vieler Arbeitgeber-Vertreter. In Interviews und Talkshows fordern sie, dass die Deutschen wieder mehr schuften müssen. Vom "Ärmel hochkrempeln" spricht Infineon-Chef Ulrich Schumacher, "Freizeit opfern" verlangt Siemens-Boss Heinrich von Pierer. Die Deutschen sollen wieder länger arbeiten, bis sie 65 oder 67 Jahre alt sind, fordert der Bundesverband der Deutschen Industrie.
Doch wenn Unternehmen neue Mitarbeiter einstellen, dann dürfen die meist nicht älter als 50 sein. Und wenn Manager die Kosten senken, schicken sie zuerst ihre langjährigen Mitarbeiter in die Altersteilzeit oder in die Frührente. Damit bewirken sie genau das, was sie in ihren öffentlichen Auftritten stets kritisieren: Sie verkürzen die Lebensarbeitszeit und erhöhen das Defizit in den Rentenkassen. Siemens beispielsweise nutzt ganz selbstverständlich Vorruhestandsprogramme, um auch mit ihrer Hilfe über 20 000 Stellen abzubauen.
Vom Vorschlag der Union, die Frühverrentungs-Möglichkeiten weitgehend abzuschaffen, halten die Arbeitgeber-Funktionäre wenig. Bei den anstehenden Verhandlungen um die Renten- und Arbeitsmarktreformen drängen sie darauf, den heutigen Vorruhestand noch für mehrere Jahre aufrechtzuerhalten.
Nur langsam setzt sich bei den Tarif-Verhandlern die Erkenntnis durch, dass die Altersgrenzen steigen und die betrieblichen Arbeitszeiten flexibler ausfallen müssen. Immerhin: Einen ersten Anlauf wollen die Tarifparteien der Metallindustrie bei der anstehenden Tarifrunde Ende des Jahres unternehmen.
So hat Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser vorgeschlagen, den Firmen künftig größere Spielräume für individuelle Regelungen einzuräumen. "Innerhalb bestimmter Bandbreiten" sollten Firmenleitungen und Betriebsräte künftig selbst entscheiden dürfen, wie sie etwa "Arbeitszeitvolumen und zugeordnete Bezahlung" regeln wollten.
So weit will der für die Tarifpolitik zuständige IG-Metall-Vize Berthold Huber nicht gehen. Aber auch er ist überzeugt, dass "wir differenziertere und flexiblere Arbeitszeiten brauchen". Ihm schwebt ein System variabler Arbeitszeitkonten vor, bei dem die Stundenzahl stärker nach den betrieblichen Anforderungen und dem Lebensalter schwanken kann.
Die Idee der Lebensarbeitszeitkonten stammt von VW-Personalvorstand Peter Hartz. Jüngere könnten 40 Stunden arbeiten, ältere nur noch 30 und im Durchschnitt betrüge die Arbeitszeit 35 Stunden in der Woche. Aber selbstverständlich würde die Arbeitszeit dann zusätzlich auch noch innerhalb eines Jahres schwanken, je nachdem, ob gerade mal mehr oder weniger Autos gebaut werden müssen.
So oder so ähnlich wird die Arbeitszeit für die Beschäftigten der Zukunft wohl aussehen. Flexibler geht es kaum. Die Frage allerdings, die uns laut "Bild" alle umtreibt: "Müssen wir alle bald wieder länger arbeiten?", lässt sich dann pauschal gar nicht mehr beantworten.
DIETMAR HAWRANEK, MICHAEL SAUGA, JANKO TIETZ
CORINE 2004 International Book Prize in Economics Hans-Werner Sinn: Ist Deutschland noch zu retten?
Econ Verlag: Berlin 2003 - 2005 More Information
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: