"Ist Deutschland noch zu retten?", fragt Hans-Werner Sinn in seinem neusten Buch. Seine Antwort: ein "harter ökonomischer Erneuerungskurs" ohne Sozialromantik.
randstadkorrespondent, 12.2003, S. 4
Der Volkswirt Sinn versteht sich als Arzt, nicht als Heilpraktiker, der homöopathische Dosen verabreicht: Er empfiehlt "das Skalpell und harte Medikamente", die er in einem "6 + 1-Programm für den Neuanfang" festhält. Allerdings misstraue der kranke Patient Deutschland, so Sinn, der Diagnose des Arztes, da ihm die bittere Therapie nicht gefalle.
Der Leiter des Münchner ifo-Instituts fordert beispielsweise eine "radikale Steuerreform" mit einer Einfachsteuer, die "nur noch vier Steuersätze und vier Einkommensklassen" umfasst. Gegenfinanziert werden soll dies im Sinne der Marktwirtschaft: mit radikalen Kürzungen bei Subventionen und im Sozialetat sowie einer einheitlichen Besteuerung der Kapitalerträge mit 35 Prozent. Einer Radikalkur unterzogen wird auch der deutsche Arbeitsmarkt: "Die Kosten der Arbeit sind die einzigen relevanten Standortkosten im internationalen Wettbewerb", hält Sinn fest. Bei den Lohnkosten könne "man nur so viel teurer sein, wie man besser ist'. Zudem solle nach dem Vorbild Hollands die wöchentliche Arbeitszeit auf 42 Stunden verlängert werden. Frühverrentung geißelt Sinn als Belohnung für das Nichtstun: Wer früher geht, erhalte bis zu seinem Tod mehr Rente als jemand, der später geht. Dies erhöhe die Lohnansprüche und verfestige die Arbeitslosigkeit.
Sinn versucht in seinem Buch als "Fachökonom" nach eigener Aussage ökonomische Kausalketten "einfacher, unverblümter und frecher zu formulieren". Selbst erklärtes Ziel sei es, "verstanden zu werden". Hierzu wären mehr Grafiken förderlich gewesen. Auch Ärzte benutzten schließlich Fieberkurven zur Visualisierung ihrer Messergebnisse. (ak)
CORINE 2004 International Book Prize in Economics Hans-Werner Sinn: Ist Deutschland noch zu retten?
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