Von Kolja Rudzio
Es klingt eigentlich einleuchtend: "Mit den Billiglöhnen in China können wir sowieso nicht konkurrieren." Man hört diesen Satz - gerne auch mit Indien oder der Ukraine als Beispiel - oft in diesen Tagen. Mal formuliert ihn der IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters, mal Jürgen Kromphardt, Mitglied im Sachverständigenrat, ein so genannter Wirtschaftsweiser. Selbst der Bundeskanzler hat ihn neulich bei der Eröffnung des Innovationskongresses in den Mund genommen. Deutschland sollte erst gar nicht versuchen, "Niedriglohnländern bei der Produktion preiswerter Gebrauchsartikel Konkurrenz zu machen", warnte Gerhard Schröder. Wie gesagt, ziemlich einleuchtend, wie so viele Kanzlerworte. Aber leider auch ziemlich falsch.
Natürlich konkurrieren wir längst mit den Billigarbeitern in China, Indien oder Polen. Wir stehen im Wettbewerb mit Stundenlöhnen, die nur einem Bruchteil unserer Gehälter entsprechen. Übrigens auch bei der Produktion "preiswerter Gebrauchsartikel". In Deutschland werden nicht nur Autos hergestellt, sondern auch Glühbirnen, T-Shirts oder Zigaretten. Tausende Menschen verdienen damit ihr Brot. Dass trotz niedriger Bezahlung nicht alle Arbeit längst nach China oder Polen ausgewandert ist, hat einen einfachen Grund: Der Stundenlohn alleine entscheidet nicht darüber, wo investiert wird. Es kommt noch ein ganzes Bündel anderer Faktoren dazu.
Wie groß ist die Entfernung zum Absatzmarkt oder zu Zulieferern, wie hoch sind dementsprechend die Transportkosten? Gibt es genug qualifizierte Arbeitskräfte? Wie teuer sind Grundstücke, welche Steuern fallen an, wie hoch ist das Wechselkursrisiko? Und: Wie hoch wird der Lohnunterschied in zehn Jahren sein?
Daraus lassen sich eine gute und eine schlechte Nachricht ableiten. Die gute: Wir müssen gar nicht auf chinesisches, indisches oder polnisches Lohnniveau herunter, um gegen diese Konkurrenz zu bestehen. Die schlechte: Es kommt trotzdem auch auf den Lohn an. Er ist nur einer von mehreren Motiven für die Verlagerung von Jobs, aber er ist eben auch ein Faktor. Deshalb spielt es selbst im Wettbewerb mit China oder Polen sehr wohl eine Rolle, ob die Stundenlöhne hierzulande um zehn Cent steigen oder nicht.
Vor allem Gewerkschafter wenden dagegen ein, es komme gar nicht auf die Löhne an, sondern auf die Produktivität der geleisteten Arbeit. Also darauf, welchen Wert ein chinesischer oder deutscher Arbeiter schafft, wenn er eine Stunde malocht. Und da sähe es doch gut aus für uns, wir seien eben viel produktiver als die Chinesen und könnten uns deshalb eine bessere Bezahlung leisten. In dem Maße, in dem die Produktivität weiter steige, dürften wir uns sogar noch höhere Löhne genehmigen. Diese Argumentation hat leider einige Haken.
Erstens ist der deutsche Produktivitätsvorsprung nicht für alle Zeiten garantiert. Wenn Investoren den Arbeitern in Polen oder China moderne Maschinen an die Hand geben und sich dort die Ausbildung verbessert, schrumpft er deutlich. Zweitens kommt es darauf an, woraus der jeweilige Produktivitätsfortschritt resultiert. Im Idealfall ergibt er sich aus technischen Neuerungen oder aus einer Knappheit an Arbeitskräften, die die Löhne in die Höhe treibt und es deshalb für die Unternehmen sinnvoll macht, mehr Maschinenkraft einzusetzen (oft ist die Technik längst vorhanden, aber unwirtschaftlich).
Was aber, wenn der Produktivitätsfortschritt nur darauf beruht, dass die Löhne stark ansteigen und weniger produktive Unternehmen unter diesem Druck auswandern oder schließen? Auch dadurch kann die statistisch erfasste Produktivität tolle Sprünge machen - nur zum Preis ebenfalls sprunghaft steigender Arbeitslosigkeit. Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung in München, führt einen Großteil der Produktivitätsfortschritte in Deutschland auf diesen unschönen Effekt zurück. Zwischen 1982 und 2002, so Sinns Berechnung, sind von dem jährlichen Produktivitätswachstum in Höhe von 1,9 Prozent etwa 0,8 Prozentpunkte ein bloßes Artefakt. Wer auf der Basis solcher Effekte höhere Löhne durchboxt, beschert zwar einigen Glücklichen mehr Einkommen, aber vielen anderen die Arbeitslosigkeit.
Hohe Produktivität um jeden Preis zahlt sich volkswirtschaftlich also nicht unbedingt aus. Sie ist auch nicht mit Wettbewerbsfähigkeit gleichzusetzen. Die manifestiert sich vor allem in geringen Lohnstückkosten - und dahinter verbergen sich zwei Größen, die Produktivität und die Kosten der Arbeit, also vor allem wieder die schlichte Lohnhöhe.
Innovationen, wie sie der Kanzler fordert, sind gut. Nur dürfen sie nicht als bequemes Argument missbraucht werden, um vor dem unbequemen Wettbewerb der Löhne die Augen zu verschließen. Wer wirklich Innovationen (und über sie auch die Produktivität) fördern will, sollte in Bildung, Schulen und Hochschulen investieren oder die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Universitäten unterstützen. Nur zu! Da gibt es zweifellos viel zu tun (anders gesagt: Da wird viel versäumt). Aber weder lassen sich Innovationen erzwingen, noch schließt das Streben nach dem rettenden Vorsprung durch Technik aus, die Löhne auf einem wettbewerbsfähigen Niveau zu halten.
Aus alledem folgt nicht, dass harte Einkommenskürzungen jetzt unabdingbar sind. Zwar gibt es in der Tat viele Unternehmen, in denen schmerzhafte Lohnverzichte geholfen haben, die Verlagerung eines Werkes abzuwenden. Doch deshalb müssen die Löhne nicht flächendeckend fallen. Im Hinblick auf die Massenarbeitslosigkeit in Deutschland dürfte noch nicht einmal entscheidend sein, ob die laufende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie mit ein paar Zehntelprozentpunkte mehr oder weniger endet. Die Arbeitslosigkeit hierzulande ist kein kurzfristiges, konjunkturelles Problem, sondern ein über Jahrzehnte gewachsenes. Eine bescheidene Tariferhöhung in einem Jahr löst es nicht, vor allem wenn sie - wie bei den Metallern - auf zwei Jahre mit deutlich zu hohen Abschlüssen folgt. Es sind diese sprunghaften Tarifeinigungen, die langfristig kalkulierte Investitionen erschweren.
Einzig sinnvoll sind moderate Abschlüsse auf Dauer. Genau darauf haben sich Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände bereits vor drei Jahren geeinigt. Im Bündnis für Arbeit beschlossen sie, eine "langfristige" Lohnpolitik zu verfolgen, bei der Produktivitätszuwächse für "beschäftigungswirksame Vereinbarungen" genutzt werden sollten. Doch das ist längst vergessen. Es geht in der Innovationsrhetorik unter, und viele glauben heute einfach, Lohnzurückhaltung habe sowieso keinen Sinn, denn mit China ...
CORINE Wirtschaftsbuchpreis 2004 Hans-Werner Sinn: Ist Deutschland noch zu retten?
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