Saarbrücker Zeitung 29.06.2004, S. D7
"Der Patient Deutschland ist krank", sagt Hans-Werner Sinn, Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo (München), bei einem Vortrag in Saarbrücken. Da helfe nur noch eines, meint Sinn: das Skalpell.
VON SZ-REDAKTEUR UDO RAU
Saarbrücken "Ist Deutschland noch zu retten?" Im Prinzip ja. Aber so wie es derzeit in dieser Republik läuft, wohl nicht mehr. Wie es um Deutschland steht? "Schlimm," sagt Hans-Werner Sinn, Präsident des renommierten Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo und Wirtschafts-Professor an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (Foto: dpa).
Die Diagnose des ökonomischen Zustands der Bundesrepublik Deutschland im Sommer 2004 sei mehr als alarmierend. Und die saarländischen Unternehmer aus der Metall- und Elektroindustrie, die Sinns blendend und spannend vorgetragener Diagnose lauschten, müssten an diesem Abend auf dem Saarbrücker Schloss Halberg eigentlich den Spaß an ihrem Job für immer verloren haben.
Der bärtige Professor ist mit seinem Ifo-Institut in den Medien einer der meistzitierten deutschen Wirtschaftsforscher. Mit seinem Buch "Ist Deutschland noch zu retten?" machte er im vergangenen Jahr Furore. So unverblümt, mutig und scharf in der Diagnose, aber auch bei der nötigen Therapie, hatte sich lange niemand aus der Wissenschaft mehr geäußert.
"Der Patient Deutschland ist krank. Die Behandlung wird kein Vergnügen sein, denn sie braucht das Skalpell und harte Medikamente", sagt Sinn. An einem harten, ökonomischen Erneuerungskurs, "der die Sozialromantik beiseite lässt und den Realitäten ins Auge schaut", führe kein Weg vorbei.
Die deutsche, Wirtschaft hätte fünf große Schocks zu verdauen, von denen sie sich bis heute nicht erholt habe: Die Globalisierung, der europäische Binnenmarkt, die Einführung des Euro, die EU-Osterweiterung und die deutsche Wiedervereinigung.
Die Globalisierung habe bisher vor allem gering qualifizierte Arbeitnehmer getroffen, deren Löhne die Produktion hier zu Lande unrentabel machten. "Der Euro hat die deutschen Firmen des Vorteils der langfristig niedrigen Kreditzinsen im Schutz einer starken Mark beraubt", so Sinn. Im Klartext: Die Zinsen haben sich in Euroland weitgehend angenähert. Die EU-Osterweiterung hat die Länder vor der Haustür zum scharfen Lohnkonkurrenten gemacht. Sinn: "Dort liegen die Löhne derzeit bei vier Euro, in Ostdeutschland bei 19,50 und in Westdeutschland bei 27,15 Euro." Jetzt wandern, so Sinn, auch die kleinen Firmen aus: Die großen sind schon lange unterwegs."
Was also ist zu tun? Sinn belässt es nicht bei der Diagnose, sondern liefert die Therapie gleich mit: "Unsere Schulausbildung können wir besser machen. Pisa ist noch frisch. Wir müssen billiger werden. Und mehr arbeiten. Wenn alle mehr arbeiten, entsteht mehr Wertschöpfung", so Sinn. Und weiter: "Eine Arbeitszeitverlängerung könnte einen sofortigen Wachstumsschub in Deutschland auslösen." Schließlich ist ihm "im Freizeitparadies Deutschland", wo der "Arbeitsmarkt im Würgegriff der Gewerkschaften" eingeklemmt ist, der Flächentarifvertrag als "Kartellvereinbarung" ein Dorn im Auge.
Und der überbordende Sozialstaat mit seiner Fülle von Lohnersatzleistungen sei am Arbeitsmarkt selbst Konkurrent, weil sich für etliche die Arbeit gar nicht erst lohne. Sinn: "Der Lohnersatz des Sozialstaates ist ein Jobkiller." Und was machen die Politiker, die Vertreter von Verbänden und Gewerkschaften? Sie nähmen es vielleicht zur Kenntnis - "und wursteln so weiter wie bisher". Wie lange noch?
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