BARBARA GILLMANN, BERLIN HANDELSBLATT, 17./18.10.2003, S. 3
Zur Buchvorstellung des Ökonomen Hans-Werner Sinn kommt der Laudator zu spät - er war in der Berliner Friedrichstraße in die falsche Richtung gelaufen. Das mag an der mangelnden Ortskenntnis von Oskar Lafontaine liegen, schließlich hat er die hohe Politik ja lange vor deren Umsiedlung an die Spree verlassen. Seither bewegt er sich vorwiegend in der Provinz. Oder war es der innere Kompass, der ihn Richtung Norden trieb, Richtung Macht, Richtung Kanzleramt?
Aber dort will ihn ja keiner sehen; auch zum Geburtstagsfest der Sozialdemokratie war er nicht eingeladen. Ganz anders der Spitzen-Ökonom Sinn: Der pflege nicht diese neue "schlechte Gewohnheit" Andersdenkende auszugrenzen, freut sich der Saarländer. (Sinn ist schließlich Ökonom - zur Buchvorstellung ohne Lafontaine hätten sich wohl viel weniger Journalisten zum Termin aufgemacht.) Und es tut so gut, dass er befreit auflacht, wenn diese Journalisten dann zum tausendsten Mal fragen, ob er denn antrete im Saarland, als Spitzenkandidat. in der Zeitung stehe, die bösen Obersozen - jene die neuerdings so "neoliberal" sind und das Wahlprogramm brechen, wie Lafontaine bitter anmerkt - hätten das dem Heiko Maas schon ausgeredet ja, ja, der Heiko Maas, der junge SPD-Chef an der, Saar, sei auf jeden Fall der "geborene Kandidat", sagt der Mann, der nach der Wahl im September 1998 für knapp sechs Monate der zweitmächtigste Mann der Republik war hinter Gerhard Schröder. Er in seinem Alter hingegen, so der 60-Jährige, plane keine Karriere mehr: "Man kriegt Vorschläge, die nimmt man an oder nicht".
Doch bislang gibt es kein Angebot, und so stellt Lafontaine eben Sinns Buch vor, doziert länger als der Autor selbst über die Ökonomie und müht sich, wenigstens seinen Wert als Enfant terrible auszukosten. Schließlich werde er ja "wegen der Provokation" eingeladen, bemerkt er gleich mehrfach. Glücklich macht es offenbar nicht, dass sich "die Gastgeber immer entschuldigen", wenn er vor Unternehmern spricht. Die Frage, ob Deutschland noch zu retten ist, (wie Sinn titelt), und wenn ja wie, beantwortet Lafontaine naturgemäß anders als der Ökonom: Er geißelt die Macht der Unternehmer und das Lohndumping - deshalb ist er ja eingeladen.
Doch zugleich hat er die 500 Seiten Ökonomie abgescannt, gerastert nach den Stellen, die seine wunde Seele streicheln. "Wohl getan hat es mir", dass auch Sinn die Steuerreform 2000 -geißelt. Und dass sogar der Ökonom von "Pressionen" berichtet, damals, als er die Art des Aufbaus Ost als unsinnig kritisiert habe, gefällt dem studierten Diplomphysiker richtig gut. "Wenn man den ökonomisch Mächtigen näher steht, hat man es leichter."
So wie der Kanzler, könnte er sagen. Aber mit dem will er sich ja angeblich aussöhnen. "Vernünftige Menschen, die Differenzen haben, sollten sich unterhalten", sagt er. Ob er das Schröder denn auch mal persönlich mitgeteilt habe, in Briefform zum Beispiel? Unwillig schüttelt der frühere Parteichef des Kanzlers den Kopf.: "Der liest ja auch Zeitung".
CORINE 2004 International Book Prize in Economics Hans-Werner Sinn: Ist Deutschland noch zu retten?
Econ Verlag: Berlin 2003 - 2005 More Information
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