Dresdner Neueste Nachrichten, 11.02.2004
Leipzig. Hans-Werner Sinn ist ein kluger Mensch. Er hat zwei Doktortitel und ist Präsident des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts ifo. Er hat ein Buch geschrieben, es heißt "Ist Deutschland noch zu retten?". Auf 500 Seiten legt der Volkswirt dort dar, wie die neuen Bundesländer aus der Wirtschaftsmisere herauskommen könnten. Die Redakteure des MDR haben das Kunststück vollbracht, Sinns Thesen auf zwei Wörter zu verknappen: "Ostlöhne runter!"
Mit diesem Slogan wird Sinn in der Montags-Talkshow "Elis und Escher" den Zuschauern vorgestellt, zu diesem Slogan werden Passanten im Leipziger Hauptbahnhof interviewt. Die Reaktionen sind nicht überraschend. "Das kann doch nicht wahr sein, ich verdiene jetzt schon nur drei Euro die Stunde." - "Herr Sinn sollte mal im Osten arbeiten." - "Früher haben uns die, Kommunisten beschissen, jetzt tun es die Wessis."
Dabei hat der 48-jährige Westfale alles andere im Sinn, als die Ostdeutschen um ihr Geld zu betrügen. Aber: "Das einzige, was einen Standort sichern kann, ist Lohnzurückhaltung. Die Kapitalisten gehen dorthin, wo die Löhne niedrig sind. Der Markt ist nicht gerecht, das ist leider so." Doch niedrige Löhne sind nicht seine einzige Arznei, und nach der dritten Suggestivfrage von Escher an Passanten platzt dem Volkswirt der Kragen: "Könnten Sie meinen Vorschlag bitte so wiedergeben, wie ich ihn gemacht habe?"
Der Moderator ist etwas verdutzt; "Na, dann sagen Sie doch einmal verständlich, was Sie vorschlagen." Und Hans-Werner Sinn führt aus, dass der Staat sein Zuschusssystem umbauen muss. Dass er nicht mehr Sozial- und Arbeitslosenhilfe fürs Nichtstun zahlen solle, sondern auf Niedriglohnjobs etwas zugeben müsse. Noch ein weiteres Reform-Element fordert Sinn: "Mitbeteiligung der Arbeitnehmer am Produktivkapital". Da schaut Angela Elis schon ängstlich zur Seite und meint: "Das ist aber kompliziert." Doch Rettung ist schon in Sicht. "Die Sendezeit ist leider gleich um, wir müssen hier einen Punkt machen."
Nach der Sendung kommt noch ein Rentner auf den Wirtschaftsforscher zu: "Wir sind hier nicht Deutsch-Ostafrika, wir sind keine Sklaven des Westens! Irgendwann knallt das hier." Hans-Werner Sinn lässt es über sich ergehen und meint dann: "Das war eine der schwierigsten Talkshows, die , ich je mitgemacht habe."
Wie gesagt, Hans-Werner Sinn ist ein kluger Mensch. Jetzt ist er vielleicht noch klüger.
Uwe Krüger
CORINE 2004 International Book Prize in Economics Hans-Werner Sinn: Ist Deutschland noch zu retten?
Econ Verlag: Berlin 2003 - 2005 More Information
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