Handelsblatt, 07./08./09.03.2008, Nr. 48, S. K4
Zumindest in einem sind wir uns doch alle einig: Früher hatten wir die besten Schulen der Welt. Wirklich? Schon 1964 rief Georg Picht "die deutsche Bildungskatastrophe" aus und wies darauf hin, dass der Anteil deutscher Jugendlicher mit Hochschulreife weit hinter dem anderer europäischer Länder herhinkte. Kurz danach wurden die ersten internationalen Vergleichstests durchgeführt, die offenlegten, was die Jugendlichen wirklich lernten. Das Ergebnis der ersten Mathematikstudie: Am Ende der Sekundarstufe II belegten deutsche Schüler den siebten von elf Plätzen. Zur ersten Naturwissenschaftsstudie Anfang der 1970er-Jahre titelte die "Zeit": "Die deutschen Schüler auf dem letzten Platz - Im internationalen Vergleich schneidet das Bildungswesen der Bundesrepublik miserabel ab" Unteres Mittelfeld bis letzter Platz - das erinnert irgendwie verdächtig an die Pisa-Ergebnisse.
Wichtigste Konsequenz aus dem dürftigen Abschneiden damals: Deutschland nahm für die nächsten 25 Jahre an keinem internationalen Vergleich mehr teil! Vor diesem Hintergrund macht es Angst und Bange, dass einige Bildungspolitiker nun wieder fordern, Deutschland solle sich an Pisa nicht mehr beteiligen. Noch schlimmer: Es ist bereits beschlossene Sache, dass ab der nächsten Pisa-Runde kein Vergleich der deutschen Bundesländer untereinander mehr möglich sein wird. Offensichtlich wollen sich unsere Bildungspolitiker lieber gar nicht gegenseitig vergleichbar und damit für ihre Politik verantwortlich machen lassen.
Statt immer wieder den Kopf in den Sand zu stecken, müssen wir endlich echte Konsequenzen ziehen und unser Bildungssystem grundlegend reformieren, wie es viele andere Länder auch geschafft haben. Eine Glorifizierung der Vergangenheit hilft da sicherlich nicht weiter. Das Problem der schwachen schulischen Leistungen ist nicht erst ein Problem der letzten paar Jahre. Unsere Schulen sind schon lange nur unteres Mittelmaß. Vermutlich ist das Einzige, was früher besser war, die Tatsache, dass derjenige, der es feststellt, damals noch jünger war. Die Vergangenheit ist halt auch nicht mehr das, was sie einmal war.
Ludger Wößmann: Letzte Chance für gute Schulen. Die 12 großen Irrtümer und was wir wirklich ändern müssenZabert-Sandmann: 2007 More Information
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