Brigitte, 12.03.2008, Nr. 07/2008, S. 122-124
Sobald in Deutschland über Pro und Contra unseres Schulsystems diskutiert wird, kochen auf allen Seiten die Emotionen hoch. Wir haben mit dem Bildungsökonomen Prof. Dr. Ludger Wößmann gesprochen – einem Experten, der sich auf Fakten beruft.
BRIGITTE: Professor Wößmann, als Wirtschaftswissenschaftler betrachten Sie die Dinge nüchtern. Trotzdem schreiben Sie in Ihrem Buch, Sie seien wütend darüber, wie in Deutschland die Schuldiskussion gerührt werde.
Ludger Wößmann: Mich macht wütend, dass die Schuldiskussion als Spielfläche für ideologische Grabenkämpfe genutzt wird. Dabei ist die Frage nach einer guten Schule keine Glaubensfrage, sondern eine sehr reale Frage, bei der es um reale Kinder geht: Unter welchen Bedingungen lernen sie am besten? Darüber braucht man nicht zu philosophieren, wir verfügen über genug Daten, um das zu beantworten. Wenn wir uns weiter gegenseitig die Köpfe einschlagen, statt uns an Fakten zu orientieren, werden wir nie Lösungen finden, die unseren Kindern wirklich weiterhelfen.
Kritiker werfen Ihnen vor, Bildung sei ein Thema, das man nicht nur aus wirtschaftlicher Perspektive betrachten darf.
Als Wirtschaftswissenschaftler kann ich feststellen, welche Schulreformen aus ökonomischer Sicht sinnvoll wären und welche nicht. Dann kann man darüber diskutieren, ob diese Sicht die einzig wichtige ist. Aber wenn wir wollen, dass unsere Kinder eine gute Zukunft vor sich haben, dass sie Arbeit finden, dass möglichst wenig Menschen am Existenzminimum leben müssen, müssen wir die wirtschaftliche Perspektive in die Diskussion mit einbeziehen. Ein entscheidender Faktor wird sein, ob es uns gelingt, eine gut qualifizierte Bevölkerung hervorzubringen. Das klappt nur mit einem guten Bildungssystem.
Angenommen, es gäbe keine Länderhoheit in Sachen Bildung, sondern ein Bundesbildungsministerium, und Sie wären der Chef: Was würden Sie als Erstes ändern?
Als Erstes würde ich bundesweit einheitliche Abschlussprüfungen einführen, auch bei der mittleren Reife. Es lässt sich belegen, dass solche Zielvorgaben die Leistungen steigern: Die Schüler wissen, dass es sich lohnt, sich anzustrengen, und die Lehrer wären gezwungen, einen Unterricht zu machen, der wirklich jedes Kind mitnimmt.
Das klingt nach noch mehr Druck. Wir wollen doch gerade keine Schule, in der es nur noch darum geht, die Schüler zu drillen.
Es ist sehr wichtig, dass die Kinder Freude am Lernen behalten. Andererseits muss es möglich sein zu sagen: Wir wollen, dass aus allen etwas wird, dass jeder Schüler messbare Fortschritte macht, also etwas leistet. Alles andere hieße, den Grundgedanken von Schule aufzugeben. Gerade dann, wenn externe Leistungskontrollen schon vor der Abschlussprüfung fester Bestandteil des Schulalltags sind, werden Panikattacken zwei Wochen vor der Prüfung unnötig. Entscheidend ist, wie die Prüfungen gestaltet sind: Es darf nicht reines Abfragewissen geprüft werden, das man durch tausendmaliges Durchkauen in die Köpfe bekommt. Die Tests müssen Auskunft darüber geben, inwieweit Schüler grundsätzliche Kompetenzen erworben haben.
Was würde der Bundesbildungsminister Ludger Wößmann außerdem am deutschen Schulsystem ändern?
Ich würde die einzelnen Schulen selbständig entscheiden lassen, mit welchen Methoden und Lehrkräften sie die vorgegebenen Leistungsziele erreichen. Außerdem würde ich die Privatschulen finanziell gleichstellen: Jede Schule mit staatlicher Genehmigung erhält genauso viel Geld pro Schüler wie eine öffentliche - vorausgesetzt, sie erhebt kein hohes Schulgeld und steht allen Kindern offen. Die Fakten belegen, dass Länder, in denen das geschieht, im Bildungsvergleich systematisch besser abschneiden. Ein Beispiel: In den Niederlanden besuchen drei Viertel aller Schüler Schulen in privater Trägerschaft. Privat heißt dabei nicht, dass es sich um gewinnmaximierende Unternehmen handeln muss, meist sind das Schulen in gemeinnütziger Trägerschaft, kirchliche Schulen etwa. Dort muss sich eine Schule, an der immer weniger Eltern ihre Kinder anmelden, überlegen: Entweder wir werden besser - oder wir machen zu. Wenn Eltern unabhängig vom Einkommen die Wahl zwischen Privat- und öffentlichen Schulen haben, entsteht ein Wettbewerb, der allen Schülern zugute kommt. Ebenfalls elementar ist es, ein frühkindliches Bildungssystem verbindlich zu verankern. Alle Untersuchungen zeigen, dass es entscheidend für die Entwicklung eines Kindes ist, ob ihm früh Spaß am spielerischen Lernen vermittelt wurde.
Mit Ihrem Ruf nach Privatisierung treiben Sie die Linken auf die Barrikaden. Womit bringen Sie die Konservativen in Rage?
Kinder sollten nicht nach der Vierten aufgeteilt, sondern viel länger gemeinsam unterrichtet werden. Die bei uns praktizierte frühe Aufteilung auf verschiedene Schularten trägt systematisch dazu bei, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten keine Chance haben aufzusteigen. Anders ausgedrückt: In Ländern, in denen die Schüler nicht so früh aufgeteilt werden, hängt die Bildungsleistung viel weniger vom familiären Hintergrund ab - ohne dass das allgemeine Leistungsniveau darunter leidet. Es ist sogar so, dass die besten Schüler in solchen Ländern tendenziell mehr lernen als die besten Schüler in unserem selektiven System. Deutschland und Österreich sind die letzten europäischen Staaten, in denen Kinder mit zehn getrennt werden. Wenn ich ausländischen Kollegen erzähle, dass bei uns nach der Vierten entschieden wird, was für eine Schulart ein Kind besucht, muss ich das immer fünfmal wiederholen, das kann sich keiner mehr vorstellen. Die Länder, die früher wie wir ein mehrgliedriges Schulsystem hatten, haben das vor 30 oder 40 Jahren abgeschafft. Auch Finnland hatte bis in die siebziger Jahre ein aufgliederndes System...
...das gegen großen öffentlichen Protest in ein eingliedriges Schulsystem umgewandelt wurde. Warum ist es bei uns unmöglich, eine längere gemeinsame Lernzeit sachlich zu diskutieren?
Das liegt wohl an der gescheiterten Idee der Gesamtschule. Weil sie allerorts nur neben das dreigliedrige System gesetzt wurde, statt dieses System von Grund auf zu erneuern, hat sie nicht mehr Chancengleichheit gebracht. Und der Leistungsanspruch lässt an vielen Gesamtschulen zu wünschen übrig. Diese misslungene Reform hat die Schuldiskussion ideologisiert und zum Stillstand gebracht.
In Hamburg werden im kommenden Schuljahr Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu „Stadtteilschulen" zusammengelegt, an denen auch das Abitur erreicht werden kann - daneben wird es weiter die Gymnasien geben. Warum haben Sie als Gegner eines aufteilenden Schulsystems letzten Herbst zusammen mit vielen anderen namhaften Expertinnen und Experten in der „Zeit" einen Appell unterzeichnet, der dieses zweigliedrige System als bundesweit vorbildliches Modell begrüßt?
Das Hamburger Modell ist ein Kompromiss zwischen sozial- und christdemokratischen Positionen: eine erste Überwindung ideologischer Blockaden. Unsere Forschungen zeigen außerdem, dass ein Schulsystem umso mehr Chancengleichheit bietet, je weniger Schularten es gibt - zwei Schulformen sind also besser als drei oder vier, plus Förderschule. Die Stadtteilschule ist ein Schritt, der einigen Schülern helfen wird. Es wäre doch unverantwortlich, ihn nicht zu unterstützen; Diese Kinder brauchen jetzt eine Chance und nicht in 20 Jahren. Abgesehen davon stand in der Textversion, die ich unterschrieben habe, explizit, dass das zweigliedrige Schulsystem nur der erste Schritt im Rahmen einer weitergehenden Schulreform sein sollte. Dieser Passus wurde vor der Veröffentlichung leider gestrichen - für mich muss das Ziel aber letztlich eine verlängerte gemeinsame Schulzeit sein.
Womöglich ist es den deutschen Bildungseliten sehr recht, wenn sie für ihre Kinder kaum Konkurrenz aus den sozial schwächeren Schichten zu furchten haben. Was sagen Sie, wenn die Mutter eines Gymnasiasten fragt: „Und was hat mein Kind davon, wenn alle Schüler faire Bildungschancen bekommen?"
Eltern fürchten, dass ihre Kinder benachteiligt werden, diese Angst muss man ihnen nehmen. Es geht ja nicht darum, das Gymnasium abzuschaffen - das ist eine Behauptung von Politikern und Lehrerverbänden, die Panik stiftet. Es geht darum, dass der frühe Beginn des Gymnasiums nicht sinnvoll ist: Natürlich müssen Schüler irgendwann aufgeteilt und spezialisiert gefördert werden. Aber nicht so früh! Am Ende profitieren doch alle von dem Wohlstand, der von einer hoch qualifizierten Bevölkerung erarbeitet wird.
Sie meinen, es gehe im Grundsatz darum, was für eine Gesellschaft wir uns für unsere Kinder wünschen.
Genau das ist die entscheidende Frage: Will ich zur Elite eines stagnierenden, auseinanderbrechenden Landes gehören? Oder zum oberen Mittelfeld einer sich wirtschaftlich entwickelnden, sozial gerechten Gesellschaft? Als Privatmensch mag man die erste Möglichkeit vorziehen. Aber Aufgabe der Politik ist es, Stagnation und eine gesellschaftliche Spaltung zu verhindern.
Die meisten Pädagogen sind sich darüber einig, dass eine Schule, die Kindern verschiedenster Begabung gerecht werden will, mehr Personal und eine bessere Ausstattung benötigt. Sie behaupten, um das deutsche Schulsystem zu verbessern, seien weder mehr Ausgaben noch kleinere Klassen nötig.
Es kommt immer gut an, wenn Politiker versprechen, mehr Geld ins Schulsystem zu stecken. Aber in einer ineffizienten Schule lernen die Schüler nicht mehr, nur weil man noch mehr Mittel hineinpumpt. Studien zeigen, dass ein guter Lehrer auch mit 25 Kindern zurechtkommt, während ein schlechter Lehrer auch mit 15 Kindern einen schlechten Unterricht macht. Man kann natürlich darüber reden, ob kleinere Lerngruppen das Lernen und Lehren angenehmer machen - und ob man bereit ist, dafür mehr Geld auszugeben. Aus wirtschaftlicher Sicht aber muss man sich die Frage stellen, inwieweit eine solche Investition lohnt: Es ist eine Tatsache, dass die Länder, die bei PISA wesentlich besser abgeschnitten haben als wir, nicht grundsätzlich kleinere Klassen haben oder mehr Geld pro Schüler ausgeben. Heute fließt wesentlich mehr Geld in unser Schulsystem als vor 30 Jahren, ohne dass sich das bezahlt gemacht hat. Wir müssen als Erstes damit beginnen, vorhandene Mittel anders zu nutzen und die Lehrmethoden zu ändern. Ich hoffe, dass wir dann eines Tages ein grundlegend verbessertes Bildungssystem haben - in das zusätzlich zu investieren sinnvoll wäre.
Ihre Forschungen beruhen auf Daten aus internationalen Studien, Sie berufen sich also auf statistische Mittelwerte. Aber in jedem Land herrschen unterschiedliche Gegebenheiten. Finnland zum Beispiel hat viel weniger Einwohner und einen deutlich niedrigeren Ausländeranteil. Wie kommen Sie darauf, dass sich Ihre Ergebnisse auch auf Deutschland übertragen lassen?
Dass hierzulande alles anders ist als woanders, ist noch so ein Argument, das ständig vorgeschoben wird von jenen, denen es in den Kram passt. Effekte wie unterschiedliche Ausländeranteile und vieles mehr haben wir in unseren Analysen herausgerechnet, um nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Außerdem: Alles, was ich bisher erwähnt habe, lässt sich genauso innerhalb Deutschlands im Vergleich zwischen den Bundesländern nachweisen. Berlin und Brandenburg zum Beispiel haben eine sechsjährige Grundschulzeit. In diesen Ländern ist die Chancengleichheit größer als in allen anderen Bundesländern. Dies sieht man ganz besonders, wenn man wiederum Einflussfaktoren wie Wirtschaftskraft und soziale Ungleichheit der jeweiligen Bevölkerung herausrechnet, um die Testergebnisse mit Bayern oder Hamburg seriös vergleichen zu können.
Aber niemand will Berlins oder Brandenburgs PISA-Rang, alle wollen dorthin, wo Bayern ist.
Bayern hat ein Zentral-Abitur, das ist ein wesentlicher Grund für seinen Erfolg. Außerdem hat Bayern die meisten Privatschulen - macht also vieles besser. Wenn man die Ergebnisse vergleichbar macht, indem man diese Unterschiede ebenso berücksichtigt, wie die bessere ökonomische Situation Süddeutschlands, dann kommt heraus, dass es keine Unterschiede hinsichtlich des Leistungsniveaus zwischen Bundesländern mit vier und solchen mit sechs Jahren Grundschulzeit gibt, aber eben eine größere Chancengleichheit. Dasselbe gilt für die Bundesländer mit weniger Schultypen. Auch eine andere Zahl hört das bayerische Kultusministerium nicht gern: In Bayern schaffen nur 19 Prozent eines Jahrgangs das Abitur. Das genau darf nicht das Ziel sein: dass nur wenige durchkommen. Wenn wir insgesamt ein höheres Bildungsniveau wollen, müssen wir es schaffen, möglichst vielen Kindern möglichst hohe Kompetenzen zu vermitteln.
Ihr Buch heißt „Letzte Chance für gute Schulen". Wenn sich nichts Entscheidendes ändert, wie steht es Ihrer Prognose nach um Deutschland in 30 Jahren?
Unser Wirtschaftswachstum, das bereits hinter dem anderer entwickelter Staaten hinterherhinkt, wird sich weiter verringern. Das Wohlstandsniveau wird stagnieren oder sinken, es wird noch größere soziale Ungleichheit geben, die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Geringqualifizierte haben schon heute kaum Chancen auf einen Job, in dem sie genug verdienen, um davon zu leben. Dieser Trend wird sich zuspitzen: Menschen ohne gute Ausbildung werden auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft kaum mehr teilnehmen, sie werden die Sozial- und Rentensysteme noch stärker belasten und keine Chance auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben haben. All jene, die heute behaupten, Bildung sei ein hehres Ziel, um es in wirtschaftlichen Zusammenhängen zu betrachten, sind mitverantwortlich dafür, wenn die nächste Generation unter solchen Bedingungen leben muss.
Ludger Wößmann: Letzte Chance für gute Schulen. Die 12 großen Irrtümer und was wir wirklich ändern müssenZabert-Sandmann: 2007 More Information
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