VDI-Nachrichten, 02.05.2008, Nr. 18, S. 8
Sie gelten als elitäre Einrichtungen, gewinnen aber immer mehr Anhänger. Der Boom der Privatschulen ist dabei nicht allein mit besseren Lehr- und Lernbedingungen zu begründen, sondern vor allem mit der schwindenden Akzeptanz der öffentlichen Schulen bei den Eltern. Der Staat vernachlässige seine Bildungspflichten, lautet ein Vorwurf.
Pisa-Studie, staatliche Flickschusterei an der Bildung und Abwertung von Haupt- und Realschulen verunsichern Eltern, die in ihren Kindern reformpolitische Versuchskaninchen sehen und vor dem sozialen Abstieg ihrer Sprösslinge bangen.
Von Privatschulen versprechen sich Erziehungsberechtigte eine bessere und kalkulierbarere Bildung. Der Trend in Zahlen: Im Schuljahr 2006/07 gab es mit 4711 allgemeinbildenden und beruflichen Privatschulen 45,8 % mehr als noch 1992/93, wobei vor allem Ostdeutschland einen enormen Anstieg verzeichnet, da es vor der Wende nur wenige Schulen dieses Typs gab. Im Westen beträgt der Zuwachs 16,4 %.
Auch Fachkenner glauben an die Heilungskraft der Privaten. Der Berliner Erziehungswissenschaftler Henning Schluss meint, die staatliche Einheitsschule sei die ungeeignetste Antwort auf das durch Pisa und andere Studien dokumentierte Bildungsdilemma, denn die Staatsschule "stellt ihr Versagen täglich neu unter Beweis". An Schulen in freier Trägerschaft würden die "spannendsten pädagogischen Konzepte" gelebt.
Der Münchner Bildungsökonom Ludger Wößmann sieht die Privaten als belebendes Element auf dem Bildungsmarkt. Der Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Bereichsleiter Humankapital und Innovation am Institut für Wirtschaftsforschung (ifo), weist darauf hin, dass Bundesländer mit einem größeren Privatschulanteil beim Pisa-Test besser abgeschnitten hätten.
Dabei habe eher das Konkurrenz-Prinzip als eine bessere Pädagogik den Ausschlag gegeben. Private Schulen hätten den staatlichen Dampf gemacht. Sie gäben den Eltern Wahlmöglichkeiten, "sodass unter den Schulen ein Wettbewerb um die besten Ideen und Konzepte entsteht".
Der Nachteil: Privatschulen sind meist Schulen der Besserverdienenden. "Bildungsferne" Schichten könnten am Kuchen beteiligt werden, "indem die privaten Schulen genauso wie die öffentlichen Schulen finanziert werden", erläutert Wößmann den VDI nachrichten. Wenn der Staat die Finanzierung aller Schulen übernähme, wie es die Niederlande vormachten, hinge es nicht vom Portemonnaie der Eltern ab, ob sich den Kindern Alternativen bieten. "Und erst dann kommt auch wirklicher Wettbewerb zwischen den Schulen auf."
Die Überführung staatlicher in "Selbstständige Schulen" und ihre damit verbundene "qualitätsorientierte Selbststeuerung" in NRW hält Wößmann für einen gangbaren Weg. Größere Autonomie in Personalfragen und in Fragen des täglichen Geschäfts führten bei externer Überwachung zu einer Verbesserung der schulischen Leistungen, ist der Bildungsökonom überzeugt. "Dies ist ein erster Schritt in Richtung Wettbewerb."
Jochen Krautz sieht die Privaten dort im Vorteil, wo sie über bessere Unterrichtsbedingungen verfügten. Der Kunstpädagoge an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn, hält allerdings wenig davon, dieses Privileg vorzugsweise gut betuchten Familien zu ermöglichen und Bildung unter Benchmarking-Aspekten zu bewerten. "Im Bildungswesen hat der Wettbewerbsgedanke nichts verloren, weil sich Pädagogik damit nicht verbessern lässt."
Um das Recht auf gute Bildung der breiten Masse zugänglich zu machen, seien keine politischen Verrenkunken nötig, sondern mehr Geld, mehr Zeit und bessere Konzepte. Stattdessen herrsche in der Bildungspolitik Aktionismus und Testgläubigkeit. "An öffentlichen Schulen sind sehr engagierte Lehrer tätig, die aber in kürzester Zeit durch die Arbeitsbedingungen demoralisiert werden", klagt Krautz.
Das, was von der Politik als "Verbesserungen" verkauft werde, etwa in Form von Vergleichsarbeiten und Zentralabitur, führe zu unsinnigen Mehrbelastungen aller Beteiligten. "Für die wirklich schwerwiegenden pädagogischen Aufgaben bleiben keine Zeit und kein Raum. Letztlich liegt die Fokussierung auf Tests und anderen Outputs und nicht auf Fragen wie: Was hat das mit mir zu tun und was mit den Problemen der Welt?"
Über "instrumentelles Schmalspurdenken" ihrer Studenten klagten auch Professoren-Kollegen aus den Ingenieurwissenschaften, berichtet Jochen Krautz. Mangelnde Allgemeinbildung und fehlende Verantwortungsbereitschaft seien Kennzeichen dieser Fehlentwicklung.
Mit der Propagierung "selbstständiger Schulen" entzöge sich der Staat seiner Verantwortung und öffne ökonomischen Interessen Tür und Tor. Krautz betont die gesellschaftlichen Zuständigkeiten: "Es geht nicht um Wirtschaftsfeindlichkeit, sondern um die Frage: Wer bestimmt, was im Bildungswesen passiert? Da wird dem Staat, also den Bürgern, immer mehr aus der Hand genommen." W. SCHMITZ
Ludger Wößmann: Letzte Chance für gute Schulen. Die 12 großen Irrtümer und was wir wirklich ändern müssenZabert-Sandmann: 2007 More Information
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