Die Literatur über Bildung und Bildungssysteme wächst unaufhörlich. Manche Autoren haben allerdings nicht viel mehr zu bieten als einen Aufruf zu mehr Disziplin und schwelgen auch sonst überwiegend in Fragen der Methodik. Einen völlig neuen Ansatz bietet der Bildungsökonom Ludger Wößmann. Der Volkswirt an der Uni München und im ifo-Institut für Wirtschaftsforschung hält die Schulpolitik in Deutschland für weitgehend ideologiebefrachtet und ideologiegetrieben. In seinem neuen Buch "Letzte Chance für gute Schulen" macht er nicht weniger als zwölf große Schulirrtümer aus. Sandra Pfister hat sich mit dem Autor und seinem Buch befasst.
Wer das deutsche Schulsystem durch die "kalte" Brille der Ökonomie betrachtet, muss sich rechtfertigen:
Die Länder, die vor einigen Jahrzehnten die besseren Schulsysteme hatten im Sinne von: wo die Schüler tatsächlich mehr gelernt haben, ist empirisch bewiesen, dass die seither wesentlich höheres Wirtschaftswachstum und damit höheren Wohlstand erzielt haben.
Und weil Bildung der beste Schutz gegen Arbeitslosigkeit ist, steigt nicht nur der gesellschaftliche, sondern auch der persönliche Nutzen höherer Bildung.
Die ökonomische Perspektive ist vor allem die, zu sagen: Menschen reagieren auf Anreize, und die Anreize werden eben durch die Rahmenbedingungen des Systems definiert, das heißt wenn das Schulsystem so ausgerichtet ist, dass Leute davon profitieren, wenn sie mehr für das Lernen der Schüler beitragen, dann werden sie das auch tun.
Mehr Anreize also für gute Lehrer - das ist eine Kernforderung des Bildungsökonomen Wößmann, der übrigens auch Vater zweier kleiner Kinder ist. Bevor er aber Lösungen präsentiert, schärft der 33-Jährige den Blick für die Probleme. Zwölf deutsche "Bildungsirrtümer" macht er aus, drei prägnante seien hier stellvertretend genannt.
Mit mehr Geld könnte man mehr Lehrer einstellen, und versprechen kleinere Klassen nicht bessere Betreuung? Wößmann widerspricht dem vehement.
Fähige Lehrer kommen in großen Klassen genauso gut zurecht wie in kleinen. Nichts in dem umfangreichen vorliegenden Datenmaterial deutet darauf hin, dass höhere Ausgaben, etwa für kleinere Klassen oder zusätzliche Computer, für sich genommen eine Verbesserung der tatsächlichen schulischen Leistungen der Kinder bringen würde. Länder mit höheren Bildungsausgaben oder kleineren Klassen schneiden im Durchschnitt nicht systematisch besser ab.
Es ist in der Tat so, dass Länder, die ein ausgebauteres System frühkindlicher Bildung haben, systematisch die Chancengleichheit der Kinder erhöhen, das heißt es profitieren gerade diejenigen Kinder davon, die aus bildungsfernen Schichten stammen.
Irrtum Zwei: In unseren Schulen stehen allen die gleichen Chancen offen.
Die Textpassagen legen nahe, dass im Volkswirt Wößmann ein sozialdemokratisches Herz schlägt - dabei lässt er sich wiederum nur von wirtschaftswissenschaftlichen Studien leiten.
Ein Kind, dessen Eltern zwei Bücherregale voller Bücher besitzen, ist in Deutschland im Durchschnitt also einem Kind, dessen Eltern nur ein Bücherregal füllen können, um ein ganzes Schuljahr voraus. Und ein Kind aus einer Familie mit mehr als zwei Bücherregalen ist einem gleichaltrigen Kind aus einer Familie ohne Bücher vier Schuljahre voraus.
Auch die Vereinten Nationen und die OECD haben uns das ins Hausaufgabenheft geschrieben: Ob die Familie gebildet ist oder nicht, das darf nicht länger über die Schulkarriere entscheiden. Dass uns bei der Bildung seit unseren mittelmäßigen PISA-Ergebnissen so viele reinreden, lässt viele nostalgisch werden - früher hatte das deutsche Gymnasium immerhin noch einen exzellenten Ruf. Zu Unrecht, sagt der Autor:
Irrtum Drei: Früher war alles besser.
Stimmt nicht: Unsere Schulen sind schon lange nur unteres Mittelmaß.
Schon in internationalen Vergleichsstudien aus den 60er und 70er Jahren schnitt Deutschland nur unterdurchschnittlich ab. Die Konsequenz:
Nach dem dürftigen Abschneiden in den ersten internationalen Tests nahm Deutschland 25 Jahre nicht mehr teil.
Vieles wissen wir also schlichtweg gar nicht über Deutschlands Schulen - doch auch das, was die Schulforschung beisteuert, werde in Kultusministerien selten beherzigt, konstatiert Wößmann. Schade: Denn die Lösungsansätze des Münchner VWL-Professors sind zwar nicht immer brandneu, aber durchaus geeignet, den aktuellen Debatten um Zentralabitur, Gemeinschaftsschule oder Beamtenbesoldung einen neuen Dreh zu geben. Denn sie kommen faktengesättigt daher. Wettbewerb im Schulsystem ist nichts Verwerfliches, lautet Wößmanns Credo, das zeigten viele andere Länder. Die Schulen müssten selbständiger werden: Sie sollten Lehrer selbst aussuchen können, statt sie planwirtschaftlich zugewiesen zu bekommen. Die staatlichen Schulen sollten miteinander konkurrieren - und mit Privatschulen, von denen sich Wößmann eine ganze Reihe mehr wünscht, allerdings öffentlich finanziert.
Insgesamt ist es so, dass wir eben im internationalen Vergleich nicht sehen, dass dort, wo es mehr privat geleitete Schulen gibt, die Chancenungleichheit höher wäre.
Um Qualität zu garantieren, plädiert der 33-jährige Bildungsökonom für eine zentrale Abschlussprüfung.
Würde es gelingen, allen Schulen weiträumige Entscheidungsfreiheit zu übertragen, so entstünden daraus in Ländern mit externen Abschlussprüfungen Leistungssteigerungen, die in ihrer Summe weit mehr als dem entsprechen, was Schüler derzeit im Durchschnitt in zwei ganzen Schuljahren lernen!
Man möchte das Zentralabitur nach der Lektüre lieber heute als morgen eingeführt sehen. Doch damit ändert sich auch die Rolle des Lehrers: Weil der Lehrer nicht mehr für den Inhalt der Klassenarbeiten und Klausuren verantwortlich ist, wird er durch die externen Prüfungen vom "Richter" zum "Coach", der mit seinen Schülern zusammenarbeitet, um diese bestmöglich auf die externen Prüfungen vorzubereiten.
Das hört sich erst mal gut an; allerdings würden die "Coaches", wenn es nach Wößmann ginge, nicht mehr pauschal nach A 12 oder A 13 bezahlt - und Beamte wären sie schon gar nicht mehr. Lehrer, die Schülern besonders viel beibringen, sollen belohnt werden. Allerdings wäre es an dieser Stelle spannend gewesen, zu erfahren, wie man die besonders guten Lehrer ermittelt - durch Schülervotum? Mehr Leistungsanreize an Schulen sind das eine, der Volkswirt Wößmann geht aber noch weiter: Das dreigliedrige Schulsystem gehöre abgeschafft.
Die Evidenz von anderen Ländern, die das anders machen, deutet klar darauf hin, dass wesentlich mehr Kinder aus bildungsfernen Schichten es eben doch schaffen, auch sehr hoch qualifizierte Bildungsabschlüsse zu machen, und das wird bei uns durch die frühe Aufteilung verbaut.
Und womit nimmt Wößmann der bildungsbeflissenen Mittelschicht die Angst vor der Gemeinschaftsschule?
In diesem Fall eines stärker integrierten Schulsystems ist es so, dass wir eigentlich nirgends Evidenz dafür finden, dass sozusagen die besser situierten Kinder darunter leiden, in einem stärker integrierten Schulsystem zu lernen.
Wößmann begrüßt die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen, wie sie beispielsweise im Saarland erfolgte. Im Übrigen redet er keineswegs einem Ausbau der diskreditierten Gesamtschule das Wort.
Ja, weil sie gerade eben nicht die Schule für wirklich alle ist, sondern nur neben die bereits bestehenden Schularten zusätzlich hinzugefügt wurde. Das heißt, letztendlich haben wir dann statt vorher drei Schularten sogar noch eine vierte Schulart und die Selektion, die Aufteilung kann de facto noch stärker erfolgen. Um wirklich gleiche Chancen oder gleichere Chancen für alle zu erzielen, ist es wichtig, dass wirklich alle Kinder länger zusammen lernen.
Der Bildungsökonom Ludger Wößmann hat ein gut lesbares, nahezu angelsächsisches Buch vorgelegt: Wissenschaftlich, aber prägnant formuliert und ebenso schlüssig wie auch für Nicht-Ökonomen eingängig argumentierend. Er fordert von der Kultusbürokratie, Neues erst zu testen. Ein gutes Beispiel sind die Ganztagsschulen, die jetzt vielerorts hektisch eingeführt werden - ob sie den Schülern tatsächlich nützen, dazu gibt es wenig aussagekräftiges Material. Ebenso wenig kann offenbar dazu gesagt werden, ob Kinder mit fünf oder sechs Jahren eingeschult werden sollten, ob es gut ist, wenn sie Fremdsprachen schon ab der ersten Klasse lernen. Wößmann fordert, die Länder sollten sich endlich dem Wettbewerb stellen und bereit sein, voneinander zu lernen.
Noch vor einiger Zeit war ich mir gar nicht so sicher, weil man sich auch gut positive Aspekte des Föderalismus vorstellen kann. Wie zum Beispiel einige Bundesländer probieren was aus und dann lernt man, funktioniert das oder funktioniert das nicht. Und das Problem ist nur, dass wir genau dieses Lernen voneinander nicht zulassen, indem wir eben keine vergleichbaren Untersuchungen haben, wo es denn wie klappt und indem wir auch erstaunlicherweise alles daran geben, dass solche Bundesländer-Vergleiche zum Beispiel vollkommen unterbunden werden.
Der Verfasser der "Bildungsirrtümer" hat viele offene Forschungsfelder umrissen für Pädagogen und Sozialwissenschaftler, aber auch für Bildungsökonomen. Dass deren Erkenntnisse - und damit auch das vorliegende Buch - umfassend zur Kenntnis genommen werden, das bleibt zu wünschen.
Die Fakten zeigen eben auch, dass es nie so ist, dass nur die linke oder nur die konservative Seite Recht hat, sondern in verschiedenen Teilaspekten haben die verschiedenen Lager da eigentlich Recht und es wird wichtig, dass alle sozusagen dort ihre ideologischen Stammhäuser mal verlassen und sich anschauen, was denn wirklich funktioniert und was nicht.
Ludger Wößmann: Letzte Chance für gute Schulen. Die 12 großen Irrtümer und was wir wirklich ändern müssenZabert-Sandmann: 2007 More Information
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