Wiener Zeitung, 29.06.2007
Wien. (wak) "28 Prozent der Menschheit leben in ex-kommunistischen Ländern. Zählt man Indien dazu, die immerhin eine Zentralverwaltungswirtschaft nach sowjetischem Vorbild hatten, kommt man auf 45 Prozent", rechnet Hans-Werner Sinn vor. Der renommierte Volkswirt und Chef des Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo zögerte bei einer Globalisierung-Veranstaltung des Wirtschaftsbundes in Wien nicht, die Menge mit blanken Zahlen aufzurütteln: "45 Prozent der Menschheit wollen jetzt mitspielen in einer Wirtschaft, die bisher von 15 Prozent der Menschheit dominiert worden ist. Die Welt wird noch ein halbes Jahrhundert brauchen, bis sie den Fall des eisernen Vorhangs verdaut hat."
Für die westlichen Länder bedeutet das nun, dass sie sich gegen die schleichenden Prozess der Globalisierung wappnen müssen – "er wird nämlich nicht einfach weggehen."
Die enormen Lohnunterschiede haben laut Sinn ökonomische Folgen: "Wer günstiger produzieren kann, gewinnt. Ob es uns nun gefällt oder nicht. Und die Verbraucher der Produkte merken gar nicht, welche Teile der Produktion schon längst verlagert worden sind. Eine Endproduktionsstufe bleibt bei uns. Aber es wird ein immer kleinerer Wertanteil bei uns produziert." Damit bleiben die Unternehmen wettbewerbsfähig, "die Aktienkurse jagen von einem Rekord zum nächsten", erklärt der Ökonom. "Die Kehrseite ist aber, dass die Arbeiter Schwierigkeiten haben, ihren Job zu halten." Betriebswirtschaftlich ist diese Entwicklung ein Segen, volkswirtschaftlich ein Desaster. "Denn der Löwenanteil der Arbeiter wird nicht umgeschichtet für andere Sektoren, sondern fällt in den Sozialstaat."
Eine neue "Unterschicht" sei im Entstehen. Gewinner seien nur die, die etwas der Globalisierung entgegensetzen können, und die hohen Löhne der westlichen Welt "rechtfertigen". Bildung könnte so ein Faktor sein – Sinn plädiert für eine in Österreich und Deutschland verpflichtende Vorschule. Doch dieser Effekt werde sich erst langfristig einstellen. Um den westlichen Sozialstaat zu halten, sieht Sinn einzig die Möglichkeit im Kombilohn – in staatlichen Zuschüssen für die Arbeiter in der Privatwirtschaft: Nur so könne man die Löhne der wenig Gebildeten auf einem westlichen Niveau halten. Denn der jetzige Sozialstaat könne sich die Unterstützung für all die vielen, die künftig sonst vom Arbeitsmarkt fernbleiben, nicht leisten.
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