Tages Anzeiger, 27.02.2008
«Eine Rezession in den USA können wir nicht ausschliessen, aber es ist für uns nicht das wahrscheinlichste Szenario», betont Jan-Egbert Sturm, Leiter der ETH- Konjunkturforschungsstelle. Die Wachstumsprognosen, die Sturm gestern zusammen mit seinen sechs europäischen Kollegen der European Economic Advisory Group (EEAG) veröffentlichte, zeichnen ein überraschend optimistisches Bild der Weltkonjunktur.
Die Experten gehen zwar davon aus, dass die Finanzmarktturbulenzen, der Ölpreis und der schwache Dollar die Investitions- und Exportaktivitäten in Europa belasten. Für den privaten und öffentlichen Konsum rechnen sie 2008 aber weiterhin mit einer leichten Belebung gegenüber dem Vorjahr. Für den EU-Raum sagen die EEAG-Ökonomen einen Anstieg des Bruttoinlandprodukts um 2,1 Prozent voraus, nach einem Plus von 2,9 Prozent im vergangenen Jahr. Analog erwarten sie für die Schweiz dieses Jahr eine Wachstumsverlangsamung von 2,9 auf 2,0 Prozent.
«Wenn man die Zeitungen liest, könnte man aber meinen, wir befänden uns in einer Weltwirtschaftskrise», stellt Sturm fest. Doch (noch) sei das Wachstum im historischen Vergleich überdurchschnittlich. Wenn sich auch die Situation in den USA in den letzten Monaten durch die Hypothekenkrise stetig verschlechtert hat, sprechen für Sturm die nach wie vor relativ gute Lohn- und Investitionsentwicklung gegen eine Rezession. Das wäre offiziell dann der Fall, wenn das Bruttoinlandprodukt zwei Quartale in Folge schrumpft. Die Zuversicht der EEAG fusst auch auf den kräftigen Zinssenkungen der .amerikanischen Notenbank sowie dem geplanten Konjunkturpaket.
Ob Washington mit diesem Vorgehen reüssiert oder nicht, kann Europa laut Sturm keineswegs gleichgültig sein: «Ich glaube nicht an die Entkopplungsthese, wonach sich Europa einem Konjunktureinbruch in den USA wirklich entziehen kann.» Zu stark seien die einzelnen Weltregionen wirtschaftlich miteinander verknüpft. Eine allfällige Rezession dürfte entsprechend mit einer Verzögerung von sechs bis zwölf Monaten auch auf den europäischen Kontinent überschwappen.
Doch namentlich für die Schweiz ist Sturm dank den ausgabenfreudigen Konsumenten und der guten Auftragslage bei den KMU weiterhin zuversichtlich. Wegen der grossen Ungewissheit über die weitere Entwicklung in den USA verzichtet der Bericht aber auf eine Prognose über das laufende Jahr hinaus: «Im Moment ist das noch sehr schwierig abzuschätzen».
Neben der aktuellen Konjunkturlage untersuchten die EEAG-Ökonomen auch die Konsequenzen der fortschreitenden Globalisierung. Ihr Fazit: Der zunehmende Handel sowie das Outsourcing von Arbeitsplätzen führe unter dem Strich nicht zu Stellenverlusten oder Lohnsenkungen, aber zu einem flexibleren Arbeitsmarkt. Die Autoren müssen indes eingestehen, dass auch die Schere zwischen Arm und Reich sich weiter öffnet. Da sei die Politik gefordert. Der Bericht plädiert dabei für marktverträgliche Massnahmen: Mindestlöhne seien beispielsweise nicht geeignet, hingegen staatliche Umschulungsprogramme oder .Lohnzuschüsse.
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