Sonntagszeitung, 15.06.2008, S. 5
Zürich Schüler erzielen bessere Leistungen in Ländern mit freier Schulwahl. Und wo Eltern die Schule selbst wählen können, hat die soziale Herkunft der Kinder weniger Einfluss auf ihren Schulerfolg. Dies geht aus einer unveröffentlichten Studie der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) hervor.
Die Autoren haben die Daten von über 180 000 Schülern aus 27 Ländern anhand der Pisa-Resultate von 2003 analysiert und Ende 2007 zusammengefasst – es ist die aktuellste und umfassendste Studie über freie Schulwahl, Autonomie und Leistungsmessung von Schulen.«Die Chancengleichheit wächst vor allem dort, wo ein hoher Anteil staatlicher Gelder in private Schulen fliesst», sagt Koautorin Gabriela Schütz von der Universität München. Sie ist überzeugt: Mehr Wettbewerb führt zu mehr Druck auf öffentliche Schulen und damit zu motivierteren Lehrkräften und Schulleitungen – «davon profitieren auch Schüler aus sozial schwachen Milieus».
Solche Worte hört man in der Schweiz nicht überall gern. Seit die Elternlobby in elf Kantonen Initiativen für die freie Schulwahl vorbereitet (siehe Kasten), wird darüber ein Glaubenskrieg geführt.
Zu den Kritikern zählt ein Grossteil der Lehrerschaft. Auch die neuen OECD-Befunde überzeugen Lehrerverbandspräsident Beat W. Zemp nicht: Schüler mit tiefem sozioökonomischem Status würden trotzdem weniger stark profitieren als solche mit einem hohen, sagt er.
Zemp verweist auf eine Studie des Zürcher Pädagogikprofessors Jürgen Oelkers – die einzige aktuelle Arbeit, die bisher in der Debatte zitiert wurde. Oelkers, der im Auftrag der Berner Erziehungsdirektion forschte, kommt zum Schluss: Mit der freien Schulwahl werden privilegierte und benachteiligte Kinder getrennt.
Dem widerspricht Stefan C. Wolter, Professor für Bildungsökonomie und Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung: «Im heutigen Schulsystem haben wir die perfekte soziale Trennung – einzig der Wohnort entscheidet über das Schulhaus und verhindert so, dass Kinder in eine andere Schule können, die vielleicht mehr aus ihnen herausholen könnte.»
Die Autoren der OECD-Studie betonen, es brauche staatliche Kontrolle, damit sich keine Eliteschulen bilden. Schütz: «In Frage kommen etwa zentrale Abschlussprüfungen und Aufsichtsbehörden.» Ein aktueller Sonderbericht der OECD zur Chancengleichheit empfiehlt den Schulen, auf soziale Durchmischung zu achten.
Für die Präsidentin der Elternlobby, Pia Amacher, ist klar: «Es ist ungerecht, dass ein Kind nicht an die Schule darf, an der es sich am besten entfalten kann.» Von den kantonalen Erziehungsdirektoren bekommt sie keine Unterstützung. Regine Aeppli (SP) aus Zürich prophezeit den «Anfang des Zweiklassensystems», falls die zusätzlichen Kosten zu Lasten der öffentlichen Schule gingen.
Bedenken hat auch der Aargauer Bildungsdirektor Rainer Huber (CVP): Wenn mehr Wettbewerb zu grösserer Vielfalt führen soll, dann würde dies auch bedeuten, dass es mehr schlechte Schulen gebe, sagt er. «Wir können es uns aber nicht leisten, schlechte Schulen zu haben.»
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