Neue Zürcher Zeitung, 31.12.2008, Nr. 305, S. 10
Umfragen unter deutschen Firmen deuten darauf bin, dass die Banken bei der Kreditvergabe wählerischer geworden sind. Mit einer «Kreditklemme» sollte man den Befund aber nicht gleichsetzen.
cei. Frankfurt, 30. Dezember. Deutschland nähere sich der «Kreditklemme»: Mit diesen Worten kommentierte der Chef des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo), Hans-Werner Sinn, die Resultate einer Umfrage unter rund 4000 deutschen Firmen über deren Finanzierungsmöglichkeiten. Zwei von fünf Unternehmen gaben im Dezember an, dass die Kreditvergabe der Banken restriktiv sei. Besonders betroffen sind dabei die grossen Firmen, bei denen sogar fast jede zweite dieser Ansicht ist. Innerhalb weniger Monate hat sich bei dieser Grössenklasse der Prozentsatz der Betroffenen verdoppelt. Vom Ifo wird das damit erklärt, dass deutsche Konzerne bei der Beschaffung von Fremdkapital besonders stark auf grosse private Banken und Landesbanken angewiesen seien, die wegen der Finanzkrise stark zu leiden hätten.
Die Diagnose einer «Kreditklemme» geht vielen Ökonomen derzeit allerdings etwas leicht über die Lippen. Sie spielen damit Politikern in die Hände, die dem Staat nicht nur die Rettung einzelner Banken, sondern gleich auch noch die Versorgung der Volkswirtschaft mit Krediten überantworten möchten. Weit differenzierter äusserte sich unlängst der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Triebet. Er sagte, man müsse die Vorsicht der Banken akzeptieren. Es sei ihre Aufgabe, gute Risiken von schlechten zu trennen. Dem ist hinzuzufügen, dass gegenwärtig lohnende Investitionsmöglichkeiten rarer sein dürften als noch vor einem Jahr. Zudem zeigt die Ifo-Umfrage, dass in Deutschland die Praxis der Vergabe zwischen 2003 und 2006 im Schnitt ähnlich restriktiv war, zur Dramatisierung mithin kein Grund besteht. Auch Branchenvertreter wehren sich gegen den Eindruck, die Banken seien zu knausrig. So habe in Deutschland das Kreditvolumen seit Dezember 2007 um mehr als 13% zugenommen, sagte kürzlich Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Die Nachfrage nach Krediten nehme ab, weil weniger investiert und expandiert werde. Damit richtet Ackermann den Fokus von der Angebots- auf die Nachfrageseite des Kreditmarktes. Sukkurs erhält er indirekt von der EZB. So schreibt diese im Monatsbericht Dezember, dass die Banken in den vergangenen Monaten liquide Titel wie Staatsanleihen verkauft hätten, um die Gewährung von Darlehen an Unternehmen und Privathaushalte zu schützen. Bei allem Verständnis für die Banken erinnerte Triebet diese aber auch an die ausserordentlich grosszügige Versorgung mit Liquidität durch die. Notenbanken und die Massnahmen der Regierungen. Diese Anstrengungen gelte es bei Kreditentscheidungen gebührend zu berücksichtigen.
Die am Dienstag von der EZB veröffentlichten Zahlen zur Kreditvergabe im Euro-Raum zeigen eine deutliche Verlangsamung des Wachstums. Im Vergleich zum Vorjahresmonat nahm das Volumen der Buchkredite an Firmen und Konsumenten im November noch um 7,1% zu, nach 7,8% im Oktober. Das ist laut Nachrichtenagentur Reuters der niedrigste Zuwachs seit vier Jahren. In den ersten beiden Quartalen 2008 war die Steigerung jeweils zweistellig ausgefallen. Gegenüber dem Vormonat war nur noch eine marginale Ausdehnung des Volumens um l Mrd. € (auf 10 877 Mrd. €) zu verzeichnen.
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