Finanz und Wirtschaft, 27.02.2008, Nr. 16, S. 13
Die Unsicherheit über die US-Konjunktur prägt auch den Ausblick für Europa. Für die sieben Ökonomen, die sich zur European Economic Advisory Group (EEAG) zusammengeschlossen haben - unter anderem der Leiter der Kof/ETH, Jan-Egbert Sturm -, besteht aber wenig Grund, eine Rezession in Obersee zu befürchten. In den USA würden die rezessiven Kräfte durch das tiefe Zinsniveau und das fiskalpolitisches Stützungsprogramm neutralisiert, ist die EEAG in ihrem am Dienstag präsentierten Bericht überzeugt. Abgesehen von der psychologischen Wirkung werde das Wachstum dank der Massnahmen im zweiten Halbjahr l Prozentpunkt höher ausfällen, als es ohne sie gewesen wäre.
Davon profitieren auch die Länder der Europäischen Union. Im vergangenen Jahr hätten sie zwar ein reales Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 3% erzielt. Frei von Problemen ist die Ausgangslage trotzdem nicht. So sind die realen Lohnsteigerungen niedrig ausgefallen. Sie waren geringer als in den USA und in Japan. Wegen der Wechselkursentwicklung hat sich die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Länder verschlechtert. In Deutschland hat die Mehrwertsteuererhöhung dazu geführt, dass der private Konsum sich trotz der allgemeinen wirtschaftlichen Belebung nicht verbesserte.
Die Aufwertung des Euros wird dazu führen, dass die wirtschaftlich angeschlagenen USA ihre Importe aus Europa drosseln. Im ersten Halbjahr wird daher nach Ansicht der EEAG das europäische Wirtschaftswachstum deutlich abnehmen und auf den langfristigen Potenzialpfad zurückkehren. Auch die Investitionsausgaben werden langsamer expandieren. Dennoch genügt der konjunkturelle Schwung, um für einen weiteren Anstieg der Beschäftigung zu sorgen. Die EEAG geht von 1,8% realem Wirtschaftswachstum in der Eurozone aus, in etwa gleich viel wie für die USA (1,7%). Das Schweizer Wirtschaftswachstum wird mit 2% etwas höher veranschlagt.
Die europäische Wirtschaft tritt zu einem Zeitpunkt in die Abschwachungsphase, an dem restriktive monetäre Rahmenbedingungen vorherrschen. Zum einen erhöhte die Europäische Zentralbank (EZB) zwischen Dezember 2005 und Juni 2007 achtmal die Leitzinsen. Zum anderen wertete sich der Euro auf, allein im Verlauf des vergangenen Jahres mehr als 10% gegenüber dem Dollar.
Trotzdem zog die Inflation an. Sie liegt inzwischen in der Eurozone über 3%. Nach Meinung der Ökonomen wird sie vorerst deutlich über dem Ziel von 2% verharren. Die EZB sei aber nicht zum Handeln gezwungen, da die bestehenden restriktiven monetären Rahmenbedingungen die Teuerung im Jahr 2009 auf den gewünschten Wert zurückführen würden.
In einem separaten Kapitel widmet sich der 150-Seiten-Bericht der Frage, wie weit sich der Dollar abwerten muss, damit sich das enorme aussenwirtschaftliche Ungleichgewicht der USA mit dem Rest der Welt ausgleicht. Ökonomen sprachen in der Vergangenheit von realen Kursverlusten der US-Valuta von 35 bis 50%, um ein Leistungsbilanzdefizit von 5% des BIP abtragen zu können. Die EEAG kommt zum Schluss, dass der Wechselkurs auf 1.48$/€ vermutlich bereits das notwendige Niveau überschritten haben dürfte. Das gelte besonders dann, wenn die asiatischen Staaten ihre offenen oder versteckten Kursanbindungen an den Dollar aufgeben würden.
Die Ökonomen warnen aber davor, auf Grund dieser volkswirtschaftlichen Berechnung auf eine Wende in den Devisennotierungen zu setzen. Der Dollar könnte sich noch deutlich abwerten, beispielsweise wenn Zentralbanken die Währungsreserven auf Kosten der US-Valuta umschichten sollten. Fest steht derzeit nur eines: Jede weitere Abwertung des Dollars wird den wirtschaftlichen Abschwung in Europa verschärfen. AN
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