Format, 27.04.2007, Nr.17, S. 32 - 35
In Hohenau an der March fühlt man sich nicht als Globalisierungsgewinner. Im Jänner 2006 wurde in der kleinen Gemeinde direkt an der slowakischen Grenze das Werk des Zucker-, Frucht- und Stärkekonzerns Agrana geschlossen. 136 Bürger aus der Region verloren ihren Job. Bürgermeister Robert Freitag: „Durch die Schließung des Werkes haben wir bei der Kommunalsteuer einen Ausfall von 220.000 Euro." Außerdem, so Freitag, ist die Arbeitslosigkeit in der gesamten Region durch die Abwanderung spürbar gewachsen. Viele der ehemaligen Agrana-Mitarbeiter sind sogar aus der Gemeinde weggezogen und arbeiten heute in Wien. Freitag: „Agrana war die letzte Lebensader." Schon in den Jahren zuvor sind Unternehmen wie die OMV, Siemens und die ÖBB aus Hohenau abgewandert. „In der Zwischenzeit hat die Agrana neue Werke in Rumänien und Bosnien eröffnet", ärgert sich Bürgermeister Freitag.
Der Tristesse im niederösterreichischen Hohenau stehen die zunehmende Internationalisierung der österreichischen Wirtschaft und Erfolgsmeldungen der Exportwirtschaft gegenüber, die 2006 ein neues Rekordergebnis verzeichnet hat. Im vergangenen Jahr kletterten die heimischen Warenausfuhren auf 275 Milliarden Euro und machten damit mehr als 40 Prozent des österreichischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus (siehe Grafik rechts). Der augenscheinliche Gegensatz zwischen den Abwanderungen ins Ausland und dem Exportboom besteht nur auf den ersten Blick. Denn wie eine aktuelle Studie der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) im Auftrag der Arbeiterkammer (AK) zeigt, sinkt sowohl die relative Beschäftigung als auch die Wertschöpfung im Exportsektor. Und auch die Löhne steigen im Vergleich zu den enormen Unternehmensgewinnen nur äußerst bescheiden. AK-Wien-Chef Werner Muhm: „Der Exportboom zeigt auch negative Tendenzen."
Im Wesentlichen werden vier Punkte in der Untersuchung behandelt:
• So ist laut den Studienautoren vor allem die Beschäftigung im Exportsektor in den vergangenen Jahren relativ gesehen zurückgegangen. Während 1995 eine Million zusätzliche Exportnachfrage noch 13 Arbeitsplätze schuf, waren es 2002 nur mehr acht Stellen. Grund dafür sind Produktivitätssteigerungen einerseits und Produktionsverlagerungen ins Ausland andererseits. Vor allem in Branchen, in denen ein großer Teil der Unternehmen im Besitz eines ausländischen Konzerns steht - wie etwa in der Papierindustrie -, sind Verlagerungen besonders häufig. ,Bei zunehmender Internationalisierung kommt es zu einer intensiveren Arbeitsteilung, sowohl im Inland als auch im Ausland", sagt auch WKO- Außenwirtschaftschef Walter Koren.
• Auch die vom Export generierte inländische Wertschöpfung hat im Zeitvergleich abgenommen. 1995 generierte eine Million mehr Export 680.000 Euro inländische Wertschöpfung, sieben Jahre später waren es nur mehr 620.000 Euro.
• Parallel dazu stiegen auch die Importe, die wieder exportiert werden. Vor allem der Anteil der für den Export bestimmten Direktimporte verdreifachte sich. Das sind Importe, die ohne Be- und Verarbeitung sofort wieder ausgeführt werden. (siehe Grafik oben). „Die Fertigungstiefe der Produktion nimmt ab, was bedeutet, dass der Prozentsatz der heimischen Wertschöpfung am industriellen Endprodukt zurückgeht. Diesem Prozess sind alle westlichen Länder unterworfen", bestätigt Werner Sinn, Wirtschaftsprofessor am Münchner Ifo-Institut im FORMAT- Interview.
• Negativ fällt auch die Verteilungswirkung des Exportbooms aus. Während die Löhne nur gering stiegen, schnellten die Unternehmensgewinne in die Höhe (siehe Grafik unten). AK-Chef Muhm: „Die Osterweiterung hat vor allem den Unternehmen und Kapitaleignem Vorteile gebracht."
Trotz der aufgezeigten negativen Tendenzen überwiegen derzeit die Exporterfolge. Der Grund: Obwohl Beschäftigung und Wertschöpfung relativ sinken, entwickeln sich die absoluten Zahlen aufgrund des Booms positiv: Die Wirtschaftskammer rechnet etwa, dass alleine 2006 durch die Exportwirtschaft 32.000 neue Arbeitsplätze geschaffen wurden und 1,9 Prozent des 3,2-prozentigen Wirtschaftswachstums von der Außenwirtschaft stammt. „Die negativen Impulse werden mengenmäßig ausgeglichen", bestätigt Andreas Reinstaller, Experte am Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO). Die Gefahr: Gerät die Weltwirtschaft in eine Rezession, wäre auch die Exportdynamik in Österreich gebremst.
Was die Arbeiterkammer vor allem beunruhigt, ist die Lohnzurückhaltung in den vergangenen Jahren in Österreich, aber auch in Deutschland. Das Argument dafür war bisher immer die internationale Wettbewerbsfähigkeit. „Um wettbewerbsfähig zu bleiben, werden auch die anderen europäischen Länder gezwungen, ihre Löhne nur moderat zu erhöhen", sagt AK-Wien-Chef Werner Muhm. Die Folge: Die Binnennachfrage in Europa könnte bald stagnieren und damit auch die österreichischen Exporte, denn immerhin gehen 80 Prozent der heimischen Ausfuhren noch immer in den EU-Raum. Fazit der Arbeiterkammer: Österreich muss über Lohnerhöhungen die Binnennachfrage stimulieren.
Auch ÖVP-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein sieht in der sinkenden Lohnquote ein Problem und will dem Koalitionspartner SPÖ das Modell der Mitarbeiterbeteiligung schmackhaft machen: „In Österreich sind nur sechs Prozent der Mitarbeiter an ihrem Unternehmen beteiligt. In Frankreich und Großbritannien liegt diese Quote zwischen 20 und 30 Prozent." Trotz aller Kritik habe die österreichische Wirtschaft in den letzten Jahren ihre Konkurrenzfähigkeit in einer globalisierten Wirtschaftswelt unter Beweis gestellt. Bartenstein:, „Jeder zweite Euro des österreichischen BIP wird im Ausland erwirtschaftet."
Sein Gegenüber in der Regierung, SPÖ- Finanzstaatssekretär Christoph Matznetter, teilt die Ansicht, dass die Leistungen der Exportwirtschaft in den vergangenen Jahren eine Erfolgsgeschichte darstellen. Aber der Sozialdemokrat betont, dass unter der blau-schwarzen Regierung zu wenig auf die gerechte Verteilung des Wohlstands geachtet worden sei: „Daher wird es in Österreich in den nächsten Jahren keine weiteren Einschnitte ins Sozialsystem geben. Und wir werden alles dafür tun, dass die Einkommen wieder stärker steigen."
Ein gutes Beispiel, auf den Globalisierungsdruck positiv zu reagieren, liefert die Gemeinde Traiskirchen. 2002 wurden durch die Schließung des Semperit-Reifenwerkes knapp 1.000 Mitarbeiter gekündigt, heute arbeiten dort nur noch knapp 300 in der Reifenmischung. Bürgermeister Fritz Knotzer: „Die Produktion hat Semperit nach Slowenien und Rumänien ausgelagert. Hier in Traiskirchen arbeiten heute ausschließlich Fachkräfte, weil die Mischung von Rohgummi spezielle Kenntnisse voraussetzt." Bereits 1985, nachdem in der Textilindustrie in Wöllersdorf 1.500 Mitarbeiter ihren Job verloren hatten, leitete Knotzer die langsame Wandlung der Gemeinde von einer Industriegemeinde in eine Handels- und Dienstleistungsgemeinde ein. Heute gibt es im Betriebszentrum Traiskirchen Süd mehr als 1.500 Arbeitsplätze. Tendenz steigend. Agieren statt resignieren: derzeit noch eine seltene Ausnahme.
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