Financial Times Deutschland, 26.05.2006, Nr. 101, S. 18
Deutschland hat gute Chancen, dass sich der Wirtschaftsaufschwung trotz des Ölpreis- und Euro-Hochs fortsetzt. Diese Einschätzung äußerten Experten, nachdem das Münchner Ifo-Institut am Mittwoch mitgeteilt hatte, dass sich die Stimmung unter deutschen Unternehmen im Mai trotz der jüngsten Verwerfungen am Öl-, Devisen- und Aktienmarkt nur minimal verschlechtert habe. Der Index zum Geschäftsklima fiel um 0,3 auf 105,6 Punkte. Im April hatte der Indikator den höchsten Stand seit dem Wiedervereinigungsboom 1991 erreicht.
„Die Nervosität ist zwar gestiegen. Bislang scheint aber die Gefahr gering, dass der starke Büro die Erholung abwürgt", sagte Frederic Pretet von der Großbank Société Generale. Ähnlich äußerte sich Silvia Pepino von JP Morgan. Alles weise darauf hin, dass die Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte kräftig wachsen werde.
Damit deutet sich an, dass die wirtschaftliche Erholung in der Bundesrepublik deutlich robuster sein könnte als die Aufschwungversuche vergangener Jahre. Seit Mitte April hat der Euro rund fünf Prozent an Wert zum Dollar gewonnen. Im gleichen Zeitraum kletterte der Ölpreis zudem nachhaltig über die psychologisch wichtige Schwelle von 70 $ pro Barrel (je 159 Liter). Zeitweise erreichte er gar 75 $. Eine rapide Euro-Aufwertung von 2002 bis 2004 kombiniert mit einem kräftigen Ölpreisanstieg hatte damals dazu beigetragen, dass sich die Konjunktur nur schleppend von dem Einbruch 2001 erholte.
„Das Gros der Antworten ist sogar zu einem Zeitpunkt eingegangen, als der Euro-Kurs für die Exporteure noch ungünstiger war als zuletzt", sagte Gernot Nerb, der am Ifo-Institut für die Berechnung des Index zuständig ist. „Umso erstaunlicher ist, dass sich die Exporterwartungen sogar noch etwas verbessert haben."
Auch habe der Ölpreis während des Hauptumfragezeitraums sogar noch etwas höher gelegen als zuletzt, als er auf knapp 70 $ fiel. Auch dies sei ein Indiz, dass die Firmen derzeit die Belastungen recht gut verkrafteten. Üblicherweise gehen die meisten Antworten in den zehn Tagen vor Veröffentlichung des Index ein, die letzten erreichten das Institut diesmal Anfang der Woche. Zuvor waren die Aktienmärkte weltweit auf Talfahrt gegangen.
Die deutschen Unternehmen bewerteten die aktuelle Lage im Mai noch einmal besser als im April. Der entsprechende Teilindex kletterte um 0,9 auf 107,3 Punkte. Dagegen rechnete ein kleinerer Teil der Befragten mit einer weiteren Verbesserung ihrer Geschäfte in den kommenden sechs Monaten. Dieser Teilindex fiel von 105,5 auf 104 Punkte. Beide Indikatoren Hegen damit immer noch deutlich höher als zu Zeiten des New-Economy-Booms im Jahr 2000.
Ifo-Experte Nerb zufolge muss dabei der Rückgang der Erwartungskomponente nicht unbedingt auf eine tatsächliche Wachstumsverlangsamung hindeuten. „Die Firmen werden gefragt, ob sie ausgehend von der aktuellen Situation in den nächsten Monaten eine weitere Verbesserung sehen", so Nerb.
„Es ist deshalb völlig normal, dass der Erwartungsindex etwas nachgibt, wenn sich die Lage von hohem Niveau noch einmal verbessert." Nerb verwies darauf, dass sich der Ifo-Index auch in früheren Aufschwungsphasen ab einem gewissen Niveau stabilisiert habe. Die Chancen seien gut, dass dies auch diesmal der Fall sein werde.
Auch in den einzelnen Branchen zeigt sich zunehmend die Wirtschaftserholung. Die chemische Industrie, viertgrößtes produzierendes Gewerbe in Deutschland, hob nach einem starken ersten Quartal die Umsatz-Prognose für das Gesamtjahr ein weiteres Mal an. Der Branchenverband VCI rechnet nun mit einem Plus von 5,5 Prozent gegenüber 2005, statt wie bisher mit 4,5 Prozent. Schon im März hatte er die Prognose um einen Prozentpunkt erhöht.
Damals wie jetzt speiste sich die Revision aus höheren Verkaufspreisen. Die Industrie profitiert von der höheren Auslastung ihrer Anlagen: Unternehmen können sich die profitablen Kunden aussuchen und so die Preise erhöhen.
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