Financial Times Deutschland, 28.06.2006, Nr. 123, S. 1
Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat im Juni ein 15-Jahres-Hoch erreicht. Der Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts stieg um 1,1 auf 106,8 Punkte, das höchste Niveau seit dem Wiedervereinigungsboom 1991. Dabei profitierte der Einzelhandel nach Einschätzung von Volkswirten von einem zusätzlichen Effekt durch die Fußball-Weltmeisterschaft. Darüber hinaus verbesserte sich auch die Stimmung im Bau und im verarbeitenden Gewerbe-Branchen, die eher von der Weltkonjunktur sowie einem breiten Anziehen der Inlandsnachfrage profitieren.
Der Anstieg des Ifo-Index ist vor allem deshalb beeindruckend, weil der Indikator ohnehin schon auf hohem Niveau lag und die Wirtschaft zuletzt mit einigen Unsicherheiten konfrontiert war. So hatten von Anfang Mai bis Mitte Juni die Aktienmärkte weltweit deutlich nachgegeben. Kapitalabflüsse aus Schwellenländern wie der Türkei hatten zudem Ängste vor Finanzkrisen genährt.
„Die Weltmeisterschaft beflügelt derzeit die Einzelhandelsumsätze", sagte Silvia Pepino von der Investmentbank JP Morgan. „Mit der WM hat eine Welle des Optimismus das Land erfasst", sagte Holger Schmieding, Europa-Chefvolkswirt der Bank of America. „Es ist durchaus denkbar, dass dies auch die Erwartungen der Unternehmen jenseits des Einzelhandels positiv beeinflusst hat." Laut Ifo-Institut bewerteten die befragten 7000 Betriebe im Durchschnitt sowohl ihre aktuelle Lage als auch die Zukunftsaussichten besser als im Mai.
Nach Aussage Pepinos haben sich die Konjunkturaussichten aber auch jenseits des WM-Effekts verbessert. „Die Basis des Aufschwungs wird breiter", sagte Gernot Nerb, der am Ifo-Institut für die Erhebung des Indikators zuständig ist. Dafür spreche, dass sich die Geschäftserwartungen der Industrie verbessert hätten, obwohl die Unternehmen die Exportentwicklung nicht mehr ganz so optimistisch wie im Mai beurteilten. „Die Hersteller von Investitionsgütern spüren das Anziehen der Binnennachfrage", sagte Nerb. Erfreulich sei auch, dass die Dienstleister und der Einzelhandel von Plänen für Neueinstellungen berichteten.
Hoffnung macht den Experten, dass sich auch in anderen Ländern die Stimmung verbessert. Bereits am Montag war der Index zum belgischen Geschäftsklima auf den höchsten Stand seit Beginn der Erhebung 1980 gestiegen. Gestern legten auch die entsprechenden Indikatoren für die Niederlande und Italien kräftig zu. Nach Aussage von Volkswirten könnte sich schon im laufenden Quartal das Wachstum deutlich beschleunigt haben.
Anders als die Volkswirte nahmen die Finanzmärkte das gute Ifo-Ergebnis gelassen auf. Weder Dax noch Euro reagierten spürbar.
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