Financial Times Deutschland, 19.12.2005, Nr. 246, S. 30
Wenige Sachthemen harten in diesem Jahr eine so gute Konjunktur wie die Frage, was zu tun ist, um Deutschlands katastrophal niedrige Geburtenrate zu steigern. Allerorten fanden Demografiekongresse statt. In Funk, Fernsehen und Print warnten echte und selbst ernannte Experten davor, dass die Deutschen aussterben könnten. Alles wurde durchleuchtet: die Rolle der Frau. Die Rolle des Geldes. Und die Rolle des Mannes. Letztere beide Faktoren auch in der jüngst erschienenen, sehr lesenswerten Studie „Starke Familie" der Robert Bosch Stiftung*.
Nun ist alles, wie so oft in Deutschland, ziemlich gut durchanalysiert. Jetzt kommt der schwierige Part: Was machen wir, um die Situation zu ändern? Einige der Berunde sind altbekannt und unumstritten wie die noch immer weitgehend ungelöste Doppelbelastung Kind und Karriere. Andere sind neu und überraschend. So ist der Bosch-Studie erstmals zu entnehmen, dass es noch viel mehr-kinderlose Männer gibt als kinderlose Frauen. Und dankenswerterweise werden dort auch erstmals der ökonomische Nutzen und die Kosten der Kindererziehung nachvollziehbar und plausibel errechnet.
139 000 Euro mehr Beiträge pro Kind
Wie sich herausstellt, profitiert die Gesellschaft vor allem auf Grund der hohen Umverteilung über die Sozialsysteme beträchtlich von der Erziehungsleistung der Familien. Im derzeitigen Rentensystem wird ein im Jahr 2000 geborenes Kind mit durchschnittlichem Erwerbsverlauf 139 000 € mehr an Beiträgen einzahlen, als es an Leistungen bekommt. Werden alle anderen staatlichen Leistungen und Zahlungen an den Staat über Steuern und Sozialbeiträge eingerechnet, liegt der Vorteil für Bund, Länder und Gemeinden immer noch bei 77 000 €. Hans-Werner Sinn, dessen Ifo-Institut dies für die Bosch-Stiftung berechnet hat: „Der Staat legt jedem Neugeborenen einen Schuldschein in dieser Höhe in die Wiege."
Eine mögliche Handlungsvariante nach diesem Berund wären die deutliche Kürzung und der Umbau der Umlagesysteme zu Gunsten von mehr Spielräumen für jede Familie. So wie das umlagefinanzierte Rentensystem konstruiert ist, ginge das zu Lasten der Älteren. Da dies dauerhaft sinkende Renten bedeuten würde, scheint dieser Weg politisch nicht gangbar. Im Wahlkampf hat die Union stattdessen einen so genannten Kinderbonus in der Rente propagiert: Wer Kinder bekommt, zahlt nach diesem Modell weniger Rentenbeitrag. Nach der Wahl wurde das still und leise wieder einkassiert, weil es zu teuer kommt. Nun gibt es lediglich etwas höhere Kinderzuschläge bei der Riester-Rente.
Mehr Mut zum Risiko zeigt Schwarz-Rot bei einem weiteren Projekt, das die Kosten der Kindererziehung für Familien mildern soll - dem ab 2007 geplanten Elterngeld. Es stellt einen mehrfachen Tabubruch mit der bisherigen Förderpraxis dar. Zum einen wird es einkommensabhängig bis zu einer maximalen Förderung von 1800 € pro Monat bezahlt. Zum anderen werden damit andere gesellschaftliche Forderungen als bisher verbunden. Sie zielen auf eine schnellere Rückkehr von Müttern in den Beruf und eine höhere Erziehungsbeteiligung von Männern. So soll es das volle Elterngeld für einen Partner in der Regel nur für zehn Monate geben. Nimmt der andere es ebenfalls in Anspruch, wird zwei Monate länger gezahlt.
Beides ist in Deutschland noch immer höchst umstritten, wie die empörte Reaktion von Unionspolitikern wie des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers offenbart. Dabei zeigen europaweite Studien ein unbestreitbar klares Bild: Je höher die Frauenerwerbsquote, desto höher die Zahl der Kinder.
Dennoch ist die Diskussion, wie lange Mütter oder Väter zur Betreuung ihrer Kinder zu Hause bleiben sollten, in Deutschland ideologisch so vermint, dass sie völlig unergiebig ist. Im Sinne größtmöglicher Liberalität sollte die Entscheidung ohnehin ausschließlich den Familien selbst überlassen bleiben.
Dass der Staat Väter mit dem Elterngeld dazu ermuntert, auch selbst zwei Monate das neugeborene Kind zu betreuen, ist dabei legitim: Elterngeld ist eine freiwillige staatliche Subvention, auf die es keinen verfassungsgemäß verbrieften Anspruch gibt. So kann der Staat hier genauso lenkend eingreifen, wie er es in anderen Politikbereichen tut.
Anklagende Fragen an Männer
Für Männer ergibt sich damit allerdings eine neue, ungewohnte Situation. Sie werden sich künftig viel öfter als bisher der - möglicherweise anklagenden - Frage ihrer Partnerinnen und der Gesellschaft stellen müssen, warum nicht „wenigstens mal für zwei Monate auf das Kleine aufpassen'' könnten.
Noch mehr Ärger dürfte auf sie zukommen, wenn die Forschungsergebnisse des Berliner Familiensoziologen Hans Bertram breiter bekannt werden. Bislang galten kinderlose Akademikerinnen als die Buhfrauen des demografischen Kollapses, weil so viele von ihnen keine Kinder haben. Bertram hat herausgefunden, dass die Lage bei westdeutschen kinderlosen Akademikern noch viel schlimmer ist. 35,6 Prozent der 40- bis 44-Jährigen waren im Jahr 2003 kinderlos. Bei westdeutschen Akademikerinnen der Alterskohorte waren es 32,7 Prozent. Besser sieht es bei ostdeutschen Hochschulabsolventen aus, aber auch hier gibt es einen klaren Geschlechtsunterschied: 12,5 Prozent der ostdeutschen Akademikerinnen dieser Altersgruppe haben keine Kinder, 24,7 Prozent der Akademiker.
Die Debatte über die Gründe beginnt erst gerade. Ein Ansatz ist, dass junge Männer ihr Elternhaus immer später verlassen und so auch immer später eine Familie gründen. Ein anderer aber, dass sich Männer überfordert fühlen von dem Anspruch, Familienernährer, mithelfender Erzieher und interessanter Partner zu sein. Sollte das stimmen, wäre es außerordentlich schade: Deutschland braucht starke Männer, nicht schwache.
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Margaret Heckel leitet das Politikressort der FTD. Sie schreibt hier jeden zweiten Montag.
• Starke Familie. Bericht der Kommission „Familie und demographischer Wandel", Robert Bosch Stiftung, Dezember 2005
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