Financial Times Deutschland 27 Jan 2006, Nr. 20, 16 Von Sebastian Dullien, Thomas Fricke
Dank des kräftigen Aufschwungs erwartet Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland 2006 um rund 200 000 Personen zurückgehen wird. Schon seit Sommer 2005 habe sich der Abbau der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in einen Aufbau verwandelt sagte der Chef des Münchner Ifo-Instituts gestern der FTD.
Ungeachtet dieser konjunkturellen Besserung ist nach Sinns Einschätzung allerdings „keine langfristige Verbesserung des jahrzehntelangen Aufwärtstrends der Arbeitslosenzahl“ zu erkennen. „Das Problem Deutschlands bleibt die Konkurrenz aus Osteuropa und China.“ Wenn dieser Konjunkturaufschwung vorbei sei, werde die Arbeitslosigkeit weiter zulegen, so Sinn.
In den letzten Jahren hatte Sinn immer wieder sehr düstere Prognosen zur deutschen Wirtschaft aufgestellt. Seine Hauptthese ist, dass die deutschen Löhne zu hoch sind, um in einer globalisierten Welt mithalten zu können. Die Firmen würden deshalb vor allem im Ausland, kaum aber in Deutschland investieren. Bis vor kurzem hatte Sinn auch das Ausbleiben eines Konjunkturaufschwungs mit diesen strukturellen Problemen erklärt.
Sinn betonte nun, dass Deutsch land „einen Aufschwung mit verstärkter Investitionstätigkeit“ erlebe. Die Nachfrage nach Ausrüstungsgütern sei „ein Zeichen des inneren Aufschwungs ‚ so Sinn. „Die Unternehmen sind wieder gewillt, am Standort Deutsch land zu investieren.“
Nach Sinns Interpretation ändert dieser konjunkturelle Aufschwung aber nichts am längerfristig schwachen Wachstumstrend. Insgesamt werde immer noch zu wenig investiert. „Zunächst halte ich an der Schätzung fest, dass die Wirtschaft im Trend nur mit 1,1 Prozent wächst.“ Schon 2007 drohe sich die Konjunktur wieder abzuschwächen - unter anderem wegen der Mehrwertsteuererhöhung.
Eine Hintertür hält sich Sinn den noch offen. „Natürlich sind wir stets bereit, unsere Prognosen zu revidieren, wenn es neue Daten gibt.“
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