Financial Times Deutschland, 26.09.2006, Nr. 187, S. 25
VON NINA KLÖCKNER, LIMBURG/MÜNCHEN
Hier wird also Stimmung gemacht. Der Teppich ist gefleckt, rot und blau, die Büroschränke grau, der Schreibtisch aus hellem Holz, an der Wand hängt eine Kinderzeichnung. In der Ecke steht, etwas traurig, eine Pflanze. Und mittendrin sitzt Gerhard Theis, grauer Anzug, grau-rot gestreifte Krawatte, links die Kaffeetasse, rechts die Maus und vor sich auf dem Bildschirm die Aussichten für Deutschlands Zukunft: gut, befriedigend, schlecht. Jeder einzelne Klick von ihm kann die Richtung ändern.
Heute veröffentlicht das Münchener Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung wieder seinen monatlichen Konjunkturtest, den Ifo-Index für das Geschäftsklima. Jene Zahl, die in Deutschland regelmäßig für Wehklagen oder Euphorie sorgt. Gerhard Theis wird an der Gemütslage seiner Landsleute nicht ganz unschuldig sein. Denn der Vertriebsleiter der Blechwarenfabrik Limburg ist einer von etwa 7000 Menschen in Deutschland, die alle vier Wochen den Fragebogen des Münchner Instituts ausfüllen, anhand dessen der Index errechnet wird.
Der Angestellte des mittelständischen Betriebs in der hessischen Kleinstadt ist mit dafür verantwortlich, ob die Menschen glauben, dass es in der deutschen Wirtschaft bergauf oder bergab geht.
Eine solch wichtige Aufgabe kann man nicht irgendwann erledigen. Theis braucht den goldenen Zeitpunkt, an dem er keinen Druck hat, sich nicht von irgendwelchen Launen leiten lässt und nicht zu schnell aus dem Bauch heraus antwortet: „Man muss den Moment dafür haben", sagt er.
Jetzt ist so ein, Moment, Theis sitzt in seinem Büro, das ihn durch eine Glasscheibe von seinen. Mitarbeitern trennt. Die Tür ist zu, der Vorhang auch. Er gibt sein Kennwort ein. „Jetzt versuche ich mich in die Stimmung des Unternehmens hineinzuversetzen", sagt er, schließt kurz die Augen und fasst sich an die Stirn. Er hat sich vorbereitet, ein paar Fakten ausgedruckt, Kurven über den Umsatz und die Auftragslage.
Die ersten zwölf Fragen sind immer die gleichen, unterteilt in drei Bereiche: die aktuelle Situation, die Tendenzen im vorangegangenen Monat und die Erwartungen für die Zukunft. Wie beurteilen Sie die Geschäftslage des Unternehmens? Gut, befriedigend, schlecht? Wie werden sich die Geschäfte in den nächsten sechs Monaten konjunkturell entwickeln? Eher günstiger, etwa gleich bleiben, eher ungünstiger? Die Geschäftslage ist gut, klick. Der Auftragsbestand gleich geblieben, klick. Die Zahl der Beschäftigten wird trotzdem abnehmen, klick. Früher hat Theis den Fragebogen per Fax beantwortet, inzwischen erledigt er das online. Meistens braucht er dafür eine halbe Stunde.
„Es ist nicht so, dass ich vor Stolz platze", sagt Theis, „aber ich bin mir der Verantwortung schon bewusst." Schließlich entstehe durch sein Mitwirken ein viel beachteter Index. Und auch wenn sein Anteil daran noch so klein sei: „Wichtig ist, dass ich mir sage, du musst das ordentlich machen und gewissenhaft."
In der Blechwarenfabrik in Limburg werden Metallverpackungen für die chemischtechnische Industrie und Kronkorken gefertigt. Größe Schilder erinnern die Angestellten daran, worauf es hier ankommt: Sauberkeit, Ordnung, Sicherheit. Es darf nur noch in den offiziellen Rauchpausen geraucht werden. Vor jeder Produktionshalle gibt es Spender für Ohrenstöpsel gegen den Lärm. 280 Mitarbeiter hat das hessische Unternehmen heute, vor der Jahrtausendwende waren es noch 360.
Diese kann sich das Unternehmen nicht mehr leisten. Die Umsätze sind zwar immer noch stattlich, jährlich 55 Mio. €, das Geld fließt derzeit aber vor allem in neue Maschinen, die den Vorsprung vor der Konkurrenz sichern sollen. Das aktuelle Prunkstück der Firma ist eine Maschine, die das Blech mit einer Kunststoffschicht überzieht, die vor Rost schützt. „Wir kämpfen uns ganz gut durch", sagt Geschäftsführer Hugo Trappmann. An diesem Tag muss er eine Delegation aus Südafrika durch sein Werk führen.
Gerhard Theis arbeitet seit 17 Jahren für die Firma, er ist inzwischen Leiter des Vertriebsbereichs für chemisch-technische Produkte. Und seit acht Jahren ist er der Herr des Fragebogens. Die Firmenleitung hat ihm diese Aufgabe anvertraut. „Wir schließen uns nicht gemeinsam zwei Tage ein", sagt er. Er mache das alleine. Nur in Ausnahmefällen müsse er sich bei seinen Vorgesetzten rückversichern.
Einige Hundert Kilometer weiter südlich, im vornehmen Münchner Stadtteil Bogenhausen. Hier ist der Sitz des Ifo-Instituts, hier wird aus den gemischten Gefühlen von Gerhard Theis eine Zahl. Seit über 50 Jahren werden die Einschätzungen aus den Unternehmen gesammelt, seit Anfang der 70er werden sie in einer Kurve, dem Geschäftsklimaindex, gebündelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es keine amtlichen Statistiken, also wurde überlegt, wie man an Informationen kommen könne. Inzwischen sind so umfangreiche Zeitreihen entstanden.
Den Index berechnen die Wissenschaftler immer erst an dem Tag, an dem sie die Zahlen auch veröffentlichen. „Damit nichts zuvor nach außen dringt", sagt Klaus Abberger, Bereichsleiter der Unternehmensbefragung, diplomierter Betriebswirt und promovierter Statistiker.
8 Uhr: Die Zahlen liegen auf dem Tisch, auch die Antworten von Thies. 8.45 Uhr: Abberger trifft sich mit dem zuständigen Kollegen aus der Branchenforschung, um die Ergebnisse zu diskutieren, später noch mit der Konjunkturabteilung und dem Institutsleiter Hans-Werner Sinn. 10.30 Uhr: Die Öffentlichkeit wird informiert. Eine Zahl, und das Land weiß, wie es ihm geht.
Gerhard Theis in Limburg ist froh, dass es jeden Monat die gleichen Fragen sind, weil er nicht weiß, ob er sonst noch Lust hätte, den Bogen auszufüllen. Aber nach acht Jahren kennt er auch die Risiken, de Gefahr, ungenau öder nachlässig zu werden. Das sei wie in einer Ehe. „Klar, die Gewohnheit ist da", sagt er, „es geht schon manchmal ziemlich schnell." Und dann trommelt er etwas verlegen mit den Fingern auf dem Schreibtisch.
Im letzten Drittel des Fragebogens werden unterschiedliche Themen abgefragt. Diesmal geht es um Überstunden, Personalbestand und den Jahresüberschuss. Theis überlegt, schaut noch einmal in seine Unterlagen und setzt erst dann sein Kreuz. Er findet, dass es wichtig sei, „klare Tendenzen zum Ausdruck zu bringen".
Es ist nicht immer leicht für ihn, die richtige Antwort zu finden. Zwar werden keine konkreten Zahlen gefragt, sondern Tendenzen - das senkt die Hemmschwelle. Doch die Teilnehmer sind nach Branchen unterteilt, Theis füllt beispielsweise einen Bogen für das Blechwarengewerbe aus. So lassen sich leicht Entwicklungen für einzelne Geschäftszweige herausfiltern.
Kreuzt der Vertriebsleiter an, dass die Preise steigen, könnte er einen potenziellen Auftraggeber dazu bringen, sich für eine Lösung aus Kunststoff zu entscheiden. Gibt er an, dass die Preise eher sinken, fehlen seinem Arbeitgeber bei einer möglichen Preiserhöhung die Argumente. Deshalb ist Theis froh, dass es in dem Fragebogen des Ifo-Institut auch Fragen gibt, die man nach Gefühl beantworten kann. „Es geht ja vor allem darum, einen Puls abzufragen", sagt Geschäftsführer Hugo Trappmann. Und gerade deshalb hält er Theis für den richtigen Mann. Durch seinen Job im Vertrieb kenne er nicht nur die Lage in der Firma.
„Ich habe das Ohr nach innen und nach außen", sagt Theis selbst.„Selbst wenn die Fakten und Zahlen noch gar nicht da sind, spürt er sie draußen schon am Markt", schwärmt Trappmann.
Und was Theis und andere Manager spüren, darauf warten die Wissenschaftler in München. Monat für Monat. 20 Mitarbeiter sind für die Unternehmensbefragung zuständig, Informatiker, Techniker, Volkswirte. Sie kümmern sich um den Fragebogen, suchen Ersatz, wenn ein Mitglied aussteigt, und pflegen den Kontakt zu wichtigen Teilnehmern, den Branchenriesen aus der Autoindustrie etwa oder Marktführern.
Früher haben die Mitarbeiter des Instituts regelmäßig eines der teilnehmenden Unternehmen besucht und sich ein Bild von der Lage vor Ort gemacht. Doch diese Tradition ist inzwischen eingeschlafen. Heute sehen die Münchner Wissenschaftler nur noch auf dem Papier, welche Probleme die Unternehmen haben.
Chefbefrager Klaus Abberger fiebert dem monatlichen Ritual entgegen. „Man sagt ja immer, dass Ökonomen es lieben, pessimistisch zu sein", sagt er. Aber „wir freuen uns schon, wenn es bergauf geht. Wir schweben ja auch nicht über den Dingen". Ein wenig wird auch in Limburg heute gefiebert. Mit Spannung wartet Gerhard Theis auf die Ergebnisse und wird dann überprüfen, ob „wir im Trend liegen oder voll daneben". Er sieht die Ergebnisse der Blechwarenbranche und weiß, was er selbst angekreuzt hat.
Am Tag darauf wird er dann in der Zeitung lesen, was seine Kreuze bedeuten, und ein gutes Gefühl haben, dass er da mitmacht. Aber allzu wichtig nimmt er seinen Beitrag nicht. „Ein Mitarbeiter von Blechwaren Limburg ist verantwortlich für die Stimmung in der deutschen Wirtschaft?", fragt er, macht eine kurze Pause und schüttelt den Kopf. Wenn das so wäre, dann säße er nicht hier, in seinem Büro m Limburg. „Dann", sagt Theis und lacht herzhaft, „dann wäre ich Bundeskanzler."
WWW.IFTO.DE/IFO-INDEX
Copyright by Financial Times Deutschland
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
2012 2011 | 2010 | 2009 2008 | 2007 | 2006 2005 | 2004 | 2003 2002 | 2001 | 2000
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: