Financial Times Deutschland 26 Jan 2006, Nr. 19, 1
Von Sebastian Dullien, Birgit Marschall, Mark Schieritz, Rene Gribnitz
Die deutsche Wirtschaft blickt so optimistisch in die Zukunft wie zuletzt 1994. Gleichzeitig bewerten die Unternehmen ihre Lage so positiv wie seit dem New-Economy-Boom 2000 nicht mehr. Das geht aus gestern veröffentlichten Umfragen des Ifo-Institutes hervor. Der Index zum Geschäftsklima kletterte um 2,3 Punkte auf 102 Punkte, der Teilindex für die Geschäftserwartungen um 4,0 auf 103,6 Punkte. Der Anstieg folgt auf ein kräftiges Plus im Dezember.
Damit deutet sich an, dass der Aufschwung in Deutschland an Breite gewinnt. Bereits 2002 und 2003 hatten sich zwar die Erwartungen dem Ifo-Index zufolge aufgehellt. Allerdings folgte damals keine Verbesserung der Wirtschaftslage, die Erholung brach wieder ab. Diesmal hat sich auch die Geschäftslage verbessert. Der entsprechende Teilindex kletterte im Januar um 0,8 auf 100,4 Punkte und liegt nun nur noch knapp unter dem Höchstwert des Boomjahrs 2000.
„Die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen steigt seit langem. Die positive Stimmung steht im Einklang mit der wirtschaftlichen Realität“, sagte Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz der FTD. Die deutsche Wirtschaft „erntet die Früchte der Lohnzurückhaltung und der Strukturreformen“, so Holger Schmieding, Europa-Chefvolkswirt der Bank of America. „Deutschland könnte wieder zu einem Vorbild für andere Länder werden“, meinte Jim O’Neill sogar, Chefvolkswirt von Goldman Sachs.
Den Experten zufolge ist vor allem erfreulich, dass sich die Stimmung nicht nur bei den Exportunternehmen weiter verbesserte. Auch die Firmen der Problembranchen Einzelhandel und Bau äußerten sich so optimistisch wie seit Jahren nicht. Ifo-Ökonom Klaus Abberger sagte, dies deute auf eine weitere Erholung der Inlandsnachfrage hin. „Im Jahresverlauf wird der Aufschwung auch am Arbeitsmarkt deutlich sichtbar“, sagte Schmiedling.
Aufbruchstimmung versuchte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer Eröffnungsrede beim Weltwirtschaftsforum in Davos zu verbreiten. „Ich möchte, dass Deutschland, in den nächsten zehn Jahren wieder unter die ersten drei in Europa kommen kann, was Wachstum anbelangt, was Beschäftigung anbelangt und was Innovationen anbelangt.“
Für die nahe Zukunft hält die Bundesregierung dagegen zunächst an ihrer eher vorsichtigen Wachstumsprognose fest. Während einige Großbanken angesichts der guten Konjunkturdaten der letzten Monate inzwischen für 2006 Wachstumsraten von zwei Prozent sehen, geht die Regierung von einem Plus von „spitz gerechnet 1,4 Prozent“ aus, sagte Wirtschaftsminister Michael Glos bei der Vorlage des Jahreswirtschaftsberichts in Berlin.
Glos und auch Finanzminister Peer Steinbrück erklärten, die Regierung habe sich bewusst für eine zurückhaltende Prognose entschieden. „In den letzten Jahren sind die Wachstumsraten vielfach hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Dieses Mal haben wir die Chance, von der tatsächlichen Entwicklung übertroffen zu werden“, sagte Glos. Wenn etwa der Ölpreis deutlich unter die von der Bundesregierung angenommene Marke von 60 $ pro Barrel falle, gebe es Potential für positive Überraschungen, so der minister. Ein Wachstum von „bis zu zwei Prozent“ sei dann möglich.
Die geplante Anhebung der Mehrwertsteuer werde das Wachstum allerdings 2007 wieder auf etwa ein Prozent dämpfen, räumte Glos ein. Dies sei allerdings seine „private Prognose“. Offiziell werde die Regierung im April eine Vorhersage für das kommende Jahr vorlegen.
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