Financial Times Deutschland 25 Jan 2006, Nr. 18, 16 Von Thomas Fricke
Für die Sprachhüter steht fest: Mit dem positiv besetzten Beiwort Produktivität versuchen listige Betriebswirte zu verschleiern, dass die, die nach Entlassungen noch einen Job haben, eine „übermäßige Mehrbelastung“ haben. So lautet die Begründung zur Unwort-Wahl 2005. die von der „unabhängigen Jury aus fünf Sprachfachleuten“ gestern verbreitet wurde. Das geht nicht, finden die Geistesexperten und leisten dabei originelle Beiträge zur Ökonomie: Das Unwort suggeriere, „dass Unternehmen entlassen und trotzdem ihre Produktivität steigern“. So was. Steigt Produktivität nicht gerade weil dasselbe von weniger Leuten gemacht wird? Ist das bei Sprachwissenschaftlern anders? Und ist das nur ein Leid? Hat es nicht irgendwie etwas Gutes, dass heute nicht mehr 70 Prozent der Deutschen in der Landwirtschaft arbeiten? Das wäre ohne Entlassungsproduktivität unmöglich gewesen.
Interessant ist, warum auch deutsche Ökonomen keinen Gefallen an der Entlassungsproduktivität finden. Das sei jene, zu der es komme, weil Beschäftigte zuvor zu viel Lohn verlangt hätten und (arme) Betriebe nicht anders als entlassen könnten, stellte Hans-Werner Sinn vom Ifo-lnstitut nach der Unwort-Deklaration gestern klar.
Nun ist auch solches Klagen eine deutsche (Ökonomen-)Eigenart, zumal es seit Jahren keine überhöhten Lohnabschlüsse gab und damit auch keine solche Entlassungsproduktivität mehr geben kann. Die heimliche Botschaft von Basarökonomie-Autor Sinn ist dennoch klar: Die Löhne sollten am besten sinken. Dann bräuchten Betriebe gar nicht mehr entlassen, um an Effizienz zu gewinnen. Schluss mit Entlassungsproduktivität. So einfach ist das bei deutschen Gelehrten.
Es könnte allerdings sein, dass die fünf ritterlichen Sprachforscher nächstes Jahr dann ein neues ökonomisches Unwort beklagen. So etwas wie negativer Lohnzuwachs. Oder Lohndeflation.
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