Financial Times Deutschland 25.11.2005, S. 22
Die Ankündigung höherer Steuern und Abgaben hat bereits in den vergangenen Tagen dazu geführt, dass sich das Geschäftsklima im deutschen Einzelhandel eintrübt. Darauf deuten nach Einschätzung von Experten die jüngsten Umfragen des lfo-lnstituts in den Firmen. Der Saldo aus Optimisten und Pessimisten fiel im Einzelhandel im November um 10,2 auf minus 24,5 Punkte. Wenig verändert hat sich dagegen das Klima in der Industrie und am Bau.
Die lfo-Umfrage nährt die Sorge, dass sich viele Verbraucher bereits jetzt durch die Steuerpläne des Koalitionsvertrags von Ausgaben abschrecken lassen, obwohl etwa die Mehrwertsteuer erst 2007 steigen soll. Die Regierung hatte diesen Termin gewählt in der Hoffnung, dass sich bis dahin Konjunktur und Konsumbereitschaft in Deutschland deutlich erholt haben. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) gerät jetzt stärker unter Druck, weil sie mit Verweis auf eine stärkere Konjunktur die Zinsen anheben will.
Bestätigt wurden die lfo- Erhebungen durch Äußerungen von Metro-Chef Klaus-Joachim Körber, "Wir registrieren seit der Bundestagswahl eher mehr Kaufzurückhaltung als weniger', sagte Körber der Zeitschrift "Cicero". Die Verbraucher sei t " besorgt und vorsichtig. Dies gelte erst recht, wenn die Mehrwertsteuer erhöht wird und weitere Belastungen auf sie zukommen, so Körber. Nach Umfragen wollen die Deutschen dieses Jahr rund neun Prozent weniger für Weihnachtsgeschenke ausgeben als 2004.
Es sei ‚zu befürchten, dass die Händler auf einem Teil der Mehr wertsteuer sitzen bleiben, sagte Andreas Scheuerle von der Deka-Bank. Dies erkläre den Stimmungsabfall. Die zunehmende Skepsis im Handel dämpft auch jüngste Hoffnungen auf einen sehr schnellen Aufschwung der Wirtschaft. Alles in allem fiel der lfo-Geschäftsklimaindex im November von 98,8 auf 97,8 Punkte, was Experten allerdings als Ausreißer einstuften ."Die Wirtschaft wächst im vierten Quartal trotzdem', sagte Lothar Hessler von HSBC Trinkaus & Burkhardt ‚"Der Aufwärtstrend an sich hält an", so Lorenzo Codogno von der Bank of America.
Positiv wirkten der rückläufige Ölpreis sowie der günstigere Euro-Kurs. In der Industrie blieben die Optimisten laut lfo in der Mehrzahl; der Saldo sank nur leicht von 6,7 auf 5,5 Punkte. In der Bauwirtschaft ließ die langjährige Skepsis weiter nach; hier stieg der Saldo aus Optimisten und Pessimisten von minus 32,5 auf noch minus 30,9 Punkte. Das ist der höchste Stand seit Anfang 2001.
Was die Stimmung bremste, war nach Einschätzung von Codogno auch die Erwartung, dass in Kürze die Zinsen steigen werden, wie es EZB-Chef Jean-Clautle Trichet letzten Freitag angekündigt hatte. "Die EZB könnte sich verkalkuliert haben", sagte Andreas von der HypoVereinsbank. ‚Die größere Unsicherheit über den Aufschwung macht das Leben für Trichet sicher nicht leichter', so Stefan Bruckbauer von der Bank Austria. Wie Trichet angekündigt hatte, wird die EZB ihre Zinsen schon nächsten Donnerstag anheben. Ein Begründung ist die Annahme einer stärker anziehenden Konjunktur. Dies war auf teils harsche Kritik von Ökonomen und Regierungsvertretern gestoßen. Der Frankfurter Notenbank wurde vorgeworfen, überhastet zu reagieren und die beginnende Konjunkturerholung zu belasten.
Ifo-Volkswirt Gernot Nerb bestätigte, die Sorge vor steigenden Zinsen habe sich schon jetzt Geschäftsklima niedergeschlagen "Es könnte eine gewisse Rolle gespielt haben", sagte Nerb. Am Mittwoch hatte bereits das belgisch Geschäftsklima nachgegeben. Nur bei den Franzosen verbesserte sich die Stimmung.
Die EZB verteidigte sich indes. Jetzt und in der Zukunft sind die Zinsen kein Hindernis das Wachstum in Deutschland oder dem Rest der Euro-Zone", sagte Bundesbank-Vizechef Jürgen Stark in Tokio. Trichet sagte der Tageszeitung "Welt": Die mittelfristigen Preisrisiken sind gestiegen. Nun geht es darum zu verhindern ‚ dass diese Risiken sich entfalten."
Die Kritiker halten dagegen. "Vergangene Woche erschien die Entscheidung der EZB nachvollziehbar und durch Signale einer deutlich anziehenden Konjunktur gedeckt. Im Lichte der heutigen Daten sieht das anders aus", so Rees.
Als Bestätigung werteten Kritiker gestern auch, dass der Inflationsdruck in Deutschland auf Basis der Daten aus fünf Bundesländern deutlich zurückgegangen ist. Nach Schätzungen von Dresdner Kleinwort Wasserstein sanken die Preise saisonbereinigt im November um 0,3 Prozent zum Vormonat. Grund seien sinkende Energiekosten.
Copyright by Financial Times Deutschland
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
2012 2011 | 2010 | 2009 2008 | 2007 | 2006 2005 | 2004 | 2003 2002 | 2001 | 2000
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: