Financial Times Deutschland, 26.10.2006, Nr. 208, S. 20
Gut zwei Monate vor der Mehrwertsteuererhöhung berichten Deutschlands Einzelhändler über so gute Geschäfte wie zuletzt am Ende des Einheitsbooms. Wie das Ifo-Institut in seiner monatlichen Konjunktur Umfrage ermittelte, stufte im Oktober erstmals seit Februar 1992 eine Mehrheit der Betriebe ihre eigene Geschäftslage als „gut" ein. Angesichts einer verbesserten Lage am Arbeitsmarkt setzen die Händler zudem auf steigende Vorziehkäufe im Weihnachtsgeschäft. Allerdings stieg zugleich der Anteil derjenigen, die für die nächsten sechs Monate mit einer Verschlechterung der Geschäfte gegenüber jetzt rechnen.
Unter Ökonomen ist bisher umstritten, wie stark sich Vorziehanreize auf den Konsum auswirken - und wie hoch im Januar 2007 der negative Effekt der höheren Mehrwertsteuer ausfällt. Das Gros der Analysten wertete die neuen Ifo-Daten gestern als positives Signal. Die Eintrübung werde 2007 nur von kurzer Dauer sein.
Die jüngste Entwicklung im Handel lasse vermuten, dass Verbraucher bereits Käufe vorziehen. Dazu komme, dass der Rückgang der Ö1preise zu Kaulkraftgewinnen geführt habe, hieß es. Wie das Statistikamt Destatis gestern meldete, stieg die Inflation im Oktober zwar von 1,0 auf 1,2 Prozent. Dies lag aber vor allem an der Anhebung der Tabaksteuer. Positiv wirkt auf die Konsumlaune auch die verbesserte Lage am Arbeitsmarkt. Die Geschäfte dürften sich in den nächsten Wochen weiter verbessern, so Holger Schmieding, Europa-Chefvolkswirt bei der Bank of America.
Auch die sinkenden Erwartungen wurden von Analysten eher gelassen bewertet. „Die Erwartungen des Einzelhandels waren aufgrund der WM sehr hoch, jetzt setzt eine Normalisierung ein", sagte Schmieding. „Die Branche wird derzeit arg hin- und hergeworfen", bestätigt auch Andreas Scheuerle von der Deka-Bank.
Das Ausbleiben der vorgezogenen Käufe wird sich im Januar zwar negativ auswirken. Absehbar ist zudem, dass die Konsumenten sich Anfang 2007 erst einmal zurückhalten, da die Regierung ihnen Einkommen entzieht. Die Wirtschaftsforschungsinstitute gehen insgesamt von realen Einbußen der Haushalte von 0,1 Prozent aus. Schmieding hält es allerdings für durchaus möglich, dass die Realeinkommen steigen. Bei der guten Konjunktur sei ein Anstieg der Löhne um rund ein Prozent drin. Bei anhaltend steigender Beschäftigung „dürfte die Party auch für die Konsumenten weitergehen", sagte Alexander Koch von der HypoVereinsbank.
Dass die Party für die gewerbliche Wirtschaft insgesamt weitergeht, lässt auch der Gesamtindex des Ifo-Instituts vermuten. Die Firmen der gewerblichen Wirtschaft bewerteten ihre Geschäftslage so positiv wie seit 15 Jahren nicht. Auch die Erwartungen für die nächsten sechs Monate stiegen wieder. Der entsprechende Teilindex lag im Oktober über dem Durchschnitt der Jahre seit 1990.
Die positive Stimmung wird vor allem von der Industrie getragen, die mit 57 Prozent in den Index einfließt. Einzel- und Großhandel sowie Bau spielen mit je 14 Prozent eine geringere Rolle.
Der erneute Anstieg des Ifo-Indikators ist für einige Ökonomen bereits Grund, über eine Revision der Wachstumsprognosen für das vierte Quartal nachzudenken. Schmieding sieht gute Chancen, dass die Wirtschaft stärker wächst als bislang vielfach vermutet. Seine Bank hatte die Schätzung zum Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im dritten Quartal gerade erst von 0,4 auf 0,7 Prozent hochgesetzt. Das Finanzministerium rechnet gar mit fast einem Prozent. Viele Beobachter waren davon ausgegangen, dass Deutschland nach der WM und wegen einer schwächeren US- Konjunktur im zweiten Halbjahr an Schwung verliert. Nach der Ifo-Umfrage sind aber die Exporterwartungen noch einmal gestiegen, statt zu fallen. „Wir haben die Bedeutung der US-Immobilienkrise und den Mehrwertsteuerschock für die deutsche Wirtschaft überschätzt", so Schmieding. Finanzmarktanalysten machten sich wohl von Berufs wegen zu viele Sorgen. Es sei einfach ungewohnt, die deutsche Wirtschaft in so robuster Verfassung zu sehen. Nach Umfragen des ZEW sind die Finanzanalysten weit pessimistischer als die Unternehmen laut Ifo.
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