Deutschland benötige unzweifelhaft ein Konzept für eine moderne Einwanderungspolitik. Sie solle zunächst darauf zielen, die Zuwanderung "von Nicht-EU-Ausländern nach Deutschland bis zum Jahr 2010 restriktiv zu gestalten", sagte Sinn der Financial Times Deutschland. Danach könne man die Restriktionen lockern. Die EU-Erweiterung werde die Immigration nach Deutschland ohnehin schon erheblich ausweiten, da die Lohnhöhe in den zehn Beitrittsstaaten Osteuropas im Durchschnitt nur etwa ein Fünftel des deutschen Niveaus erreiche. "Deutschland ist zu klein, um zusätzlich eine freie Immigration aus der ganzen Welt zuzulassen."
Der Chef des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung gilt als einer der profiliertesten deutschen Wirtschafts-wissenschaftler. Seine Auseinandersetzung mit den Folgen der deutschen Einheit wurde von vielen Re-zipienten zu dem Besten erklärt, was zu diesem Thema erschienen ist. Der 52-Jährige ist seit 1989 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums.
Sinn warnte die Regierung davor, die Folgen der Osterweiterung der EU zu unterschätzen. "Es wird eine Massenemigration nach Deutschland geben, noch stärker, als wir sie in den 60er Jahren aus den Süd-ländern erlebt haben", sagte Sinn. Die ersten fünf Staaten, die der EU 2004 beitreten werden, kämen zum Zeitpunkt ihres Beitritts auf ein durchschnittliches Lohnniveau von kaum einem Fünftel des deutschen Wertes. Die anderen fünf Staaten, die ebenfalls beitreten wollten, erreichten nur ein Zehntel der Durchschnittseinkommen. Bei freiem Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt sei es nur natürlich, dass die Osteuropäer ihre Arbeitskraft in Deutschland anbieten würden. Bis 2010 müsse die Bundesrepublik den Zuzug von Nicht-EU-Ausländern deshalb beschränken.
Sinn schätzte, dass sich bis 2030 elf Millionen Osteuropäer in Deutschland niederlassen würden. Nach 2010 werde sich die Erwerbsbevölkerung "dramatisch verringern", sagte Sinn. Trotz der Zuwanderungen aus Osteuropa werde sich die Zahl der transferabhängigen Pensionäre im Vergleich zur Erwerbsbevölkerung bis 2030 verdoppeln. Vom Jahr 2010 an müsse die Bundesrepublik deshalb schrittweise wieder mehr Einwanderer aus Drittstaaten ins Land lassen. Dabei komme es auf eine gezielte und pragmatische Einwanderungspolitik an. "Es geht nicht an, dass wir nur die Ärmsten der Armen ins Land lassen und nicht die Leute aufnehmen, die die Wirtschaft tatsächlich stärken", sagte Sinn.
Kurzfristig ließen sich Engpässe beim Arbeitsangebot flexibel lösen. Sinn befürwortete die Greencard für ausländische Computerspezialisten und warnte vor Verzögerungen bei der Umsetzung. "Wenn die Fach-kräfte nicht ins Land gelassen werden, gibt es Personalengpässe, die zu Lasten der deutschen Unter-nehmen gehen. Das würde den Standort gefährden", sagte Sinn. Die ausländischen Fachleute würden das Lohnniveau in dieser Branche nicht nennenswert drücken. Sinn sah keinen Grund, die Dauer der Greencard auf fünf Jahre zu begrenzen: "Warum soll der Aufenthalt nach fünf Jahren enden, wenn die Mitarbeiter hier wichtige Aufgaben erledigen und dafür sorgen, dass die Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben".
Trotz der Personalengpässe prognostizierte Sinn kaum Fortschritte beim Abbau der Arbeitslosigkeit. Nur unter optimistischen Annahmen werde die Arbeitslosenzahl bis 2005 um eine Million reduziert. "Ich glaube nicht, dass der Aufschwung die Arbeitslosenzahl auf weniger als 2,8 Millionen verringert." Der Abbau um eine Million setze eine zurückhaltende Tarifpolitik und die Durchsetzung der Steuerreform voraus.
Sinn lobte den Tarifabschluss in der Chemieindustrie, kritisierte aber das Verhalten der IG Metall, die weiterhin Lohnzuwächse um 5,5 Prozent und die Rente mit 60 fordert. "IG-Metall-Chef Zwickel hat den Geist der Zeit nicht erkannt. Er weiß nicht, was notwendig ist, um Deutschland wettbewerbsfähig zu machen", kritisierte Sinn. Mit ihrem Kurs "beschädigt die IG Metall die deutsche Metallindustrie. Er kostet viele Tausend Arbeitsplätze".
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