Financial Times Deutschland, 31.05.2002, S. 33
Von Hubert Beyerle, Hamburg
Würde in Deutschland das "Reizwort des Jahres" gekürt, würde es "Saisongemüse" hinauslaufen. Selten zuvor haben Tomaten, Gurken und Zwiebeln die Gemüter der drittgrößten Industrienation der Welt so erregt wie gegenwärtig. Genauer gesagt: deren Preise. Schuld daran soll die Einführung des Euro sein. Die Boulevard-Presse jedenfalls füttert ihre Leser mit immer neuen Horrorbotschaften: "Euro-Schock", "Teuro-Skandal", "Inflationslüge" - und macht mit einem eigens ernannten "Teuro-Sheriff" Jagd auf vermeintliche Abzocker.
Der Preisauftrieb bei Grünzeug, Pizza, Urlaubsreisen oder der rituellen Autowäsche ist zum Politikum avanciert. Und das im Wahljahr. Aus Angst, am 22. September abgestraft zu werden, gestehen der Kanzler und sein Finanzminister demütig ein, man habe sich wohl zu sehr auf die Selbstverpflichtung des Handels verlassen. "Das war möglicherweise ein Fehler", sagt Hans Eichel.
Auch Kanzlerkandidat Edmund Stoiber gibt sich verständnisvoll und fordert regelmäßige Euro-Preisberichte. Und damit es nicht so weitergeht, lädt Ministerin Renate Künast Einzelhändler, Gastronomen, Gewerkschafter und Verbraucherschützer heute zum "Anti-Teuro-Gipfel" ein.
Einziges Problem bei der Panikmache: Statistisch lässt sich die Inflation nicht nachweisen. Die Bundesbank schätzt, dass die Umstellung auf den Euro die Teuerungsrate zum Jahreswechsel gerade mal um 0,2 Prozentpunkte nach oben getrieben hat. Und weil es sich dabei um einen einmaligen Anstieg handele, sei der Effekt zu vernachlässigen.
Im Mai ist die ausgewiesene Inflationsrate gegenüber Vorjahr sogar gesunken: auf magere 1,2 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit fast zweieinhalb Jahren.
Und daran wird sich nur wenig ändern. Experten erwarten, dass der Außenwert des Euro weiter steigt, was die Importe verbilligt - und auf die Preise drückt.
Dennoch hatten in den vergangenen 15 Jahren noch nie so viele Deutsche das Gefühl, sie würden beim Konsumieren abgezockt. Laut Umfragen der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). klaffte die Schere zwischen der "objektiven" Inflation und der subjektiven Inflationswahrnehmung noch nie so weit auseinander wie in diesem Frühjahr. Das Wort "gefühlte Inflation" macht die Runde. Selbst EZB-Chefökonom Otmar Issing scheint mit seinem Latein am Ende: Seine Frau glaube ihm nicht, dass der Euro kein Teuro sei.
Wie kommt es zu dieser Diskrepanz in der Wahrnehmung? Ist die Art und Weise, wie die Inflationsrate gemessen wird, reformbedürftig? Oder sind die Deutschen einfach nur ein Volk von Euro-Hypochondern?
Unstrittig ist, dass es bei einigen Dienstleistern vor allem Hotels, Kneipen und Gaststätten, zu deutlichen Preiserhöhungen kam. Eine Autowäsche kostet statt 10 DM jetzt 7 €. Für das Musical "Mozart" in Hamburg bezahlt der Besucher statt 99 DM nun 59 €. Für einen Döner verlangt der Türke an der Ecke statt: 5 DM heute 3 €.
Auch die Statistiker in Wiesbaden haben einzelne Preisschübe registriert. So wurde H-Milch im März um 12,9 Prozent teurer, Chemische Reinigung um 4,1 Prozent und die Kinokarte um 5,3 Prozent.
"Von einem Teuro kann keine Rede sein" Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts
Ökonomen sind sich aber einig, dass es sich dabei um "schwarze Schafe" handelt. Nicht um Inflation. Wissenschaftler unterscheiden streng zwischen dem Anstieg einzelner Preise, wenn der Anbieter Intransparenz oder Engpässe ausnutzt, und einem allgemeinen Preisanstieg. Ausreißer, die nicht durch Leistung gedeckt sind, würden von selbst verschwinden. Dafür sorge der Wettbewerb. Der Anti-Teuro-Gipfel ähnele dem Versuch, "Zahnpasta zurück in die Tube zu drücken"', lästert Klaus Friedrich, Chefvolkswirt der Allianz-Gruppe. "So schnell wie die Konsumenten kann der Gesetzgeber gar nicht reagieren."
Ein weiterer Grund für die intensiv wahrgenommenen Preissprünge ist die Tatsache, dass es in einigen Branchen besonders umständlich ist, Preise zu erhöhen. Einer Analyse des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) zufolge ändern bestimmte Anbieter ihre Listen nur in längeren Intervallen - dann aber umso stärker. Da zum Beispiel Gaststätten und Kneipen ihre Menükarten zum 1. Januar 2002 ohnehin neu drucken lassen mussten, hoben sie gleich die Preise mit an. Und zwar alle gleichzeitig. Das fiel dann besonders auf.
Das Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) hat ermittelt, dass ein verkleinerter Warenkorb mit Gütern des täglichen Bedarfs tatsächlich stärker gestiegen ist als die Lebenshaltungskosten insgesamt. So verteuerten sich im ersten Quartal 2002 Gemüse um 14,3 Prozent, Flugreisen um 11,4 Prozent und Molkereiprodukte und Bier um sieben Prozent zum Vorjahr. "Dass sich ein großer Posten der Lebenshaltungskosten hingegen gar nicht verändert hat, registrieren die meisten Menschen kaum", heißt es in der Studie. "Die simple Formel Euro gleich Teuro ist also falsch."
Im Warenkorb der Statistiker, die jeden Monat die Preise von 750 Waren und Dienstleistungen auswerten, machen die Ausgaben für den Friseur nur 1,2 Prozent aus. Für einen Tee oder Mocca im Café geben die Deutschen im Schnitt 0,1 Prozent ihres Einkommens aus, ebenso für Frischmilch. Mehr als ein Viertel geht hingegen für die Warmmiete weg. Und diese Kosten wurden zum Kurs von 1:1,95583 umgerechnet.
Ganz auf der Höhe der Zeit ist die Maßeinheit allerdings nicht mehr. Der derzeit benutzte Warenkorb orientiert sich am Konsumverhalten des Jahres 1995. Der Handy- und Internetboom ist darin nur unzureichend berücksichtigt, ebenso wie die um sich greifende Lust am Fliegen. Erst Anfang 2003 kommt das neue Wägungsschema zum Einsatz, das sich dann auf das Jahr 2000 bezieht.
Jürgen Chlumsky vom Statistischen Bundesamt sieht in dieser zeitlichen Verzögerung kein Problem. Das Verbrauchsverhalten habe sich statistisch gesehen seither kaum verändert. Eine Umschichtung gebe es allenfalls in Nuancen.
Zweifel an der Seriosität der Zahlenkolonnen: sind also nicht angebracht. Einige Ökonomen glauben sogar, dass die offizielle Inflationsrate den tatsächlichen Preisanstieg eher über- als unterschätzt. So würden etwa Tomaten, die sich im vergangenen Winter extrem verteuerten, oftmals einfach durch billigeres Gemüse ersetzt. Und auch der technische Fortschritt bei Computern und Waschmaschinen wird bei der Inflationsberechnung üblicherweise zu gering angesetzt, die Inflation überschätzt.
Bleiben somit nurmehr Zweifel an der Wahrnehmung. "Es geht halt im wirklichen Leben nicht immer so rational zu, wie die reine ökonomische Theorie es erfordert", sagt Reinhard Selten. Der emeritierte Wirtschaftsprofessor, als Nobelpreisträger ein eher unverdächtiger Zeuge, hat beobachtet, dass sich die Menschen allenfalls eingeschränkt rational verhalten.
Anstatt täglich im Supermarkt die Preise von Milch, Mineralwasser und Spülmittel zu vergleichen, entwickelten die Leute vielmehr ein Gefühl dafür, welcher Preis akzeptabel ist und welcher nicht. Die üblichen Anhebungen, die sich zeitlich und über die Warengruppen verteilen, würden nicht wahrgenommen. Erst der Euro hat die Konsumenten zum Rechnen gezwungen. Nur hätten sie in der neuen Währung noch kein Preisgefühl. Es macht sich das Gefühl breit, alles würde immer teurer - auch wenn das laut Statistik immer schon so war. Allein die erhöhte Aufmerksamkeit führt zu stärkerer Wahrnehmung.
In einem ähnlichen Dilemma steckte schon Dustin Hoffmann alias Raymond Babbit im Filmklassiker "Rain Man". Der Autist vollzieht zwar die kompliziertesten Rechnungen im Kopf. Aber es fehlt ihm das Gefühl dafür, dass die Luxuskarosse teurer sein muss als die Tafel Schokolade.
Copyright by Financial Times Deutschland
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
2012 2011 | 2010 | 2009 2008 | 2007 | 2006 2005 | 2004 | 2003 2002 | 2001 | 2000
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: