Financial Times Deutschland, 27.5.2003, S. 16
Von Christiane Karweil, Berlin
Sie sind sich einig. Und auch wieder nicht. Die Ökonomen der Nation. Das könnte erklären, warum es in Deutschland plötzlich gleich zwei Aufrufe gibt, mit denen höchst engagierte Wirtschaftswissenschaftler die Umsetzung der Kanzler-Agenda 2010 in letzter Minute noch unterstützen wollen - obwohl selbst bei den Gewerkschaftern der Widerstand längst geschwunden ist.
Der erste Appell ist noch in Vorbereitung und wurde vom Chef des Sachverständigenrats Wolfgang Wiegard und dem Passauer Wirtschaftsprofessor Gerhard Kleinhenz lanciert, beides SPD-Mitglieder. Der zweite kam am Wochenende an die Öffentlichkeit - initiiert von ebenso prominenter Seite: dem Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann. Nur: Warum beide nicht zusammen aufriefen, bleibt ein wenig rätselhaft. Bei Wiegard und Kleinhenz heißt das Motto der Aktion "Wissenschaftler für die Reform Agenda 2010". Bei den anderen heißt es: "Den Reformaufbruch wagen!" Das kann den Unterschied nicht ausmachen.
Eher schon die Tatsache, dass die Ersten es bei einem Appell ohne Analyse beließen, während sich die Zweiten mühsam auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner einigten - einen Text über Reformen von hohem Allgemeinwert, den möglichst viele zu unterschreiben bereit waren.
Bei Wiegard darf vom Studenten bis zum Ifo-Präsidenten Hans-Werner Sinn jeder seine Unterstützung kundtun. Dennoch sind es deutlich weniger als die zum Teil höchst prominenten Ökonomen von eher links bis rechts, die beim Konkurrenten mitmachten.
Nein, der Aufruf richte sich "nicht an die Elite", so Zimmermann: Aber man brauche halt "einen gewissen Bekanntheitsgrad, um etwas zu erreichen". Zu den 100 Unterzeichnern zählt Zimmermann ganz stolz Vertreter aus fast allen führenden Instituten, wie Henning Klodt vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel, Rüdiger Pohl, der Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle, Viktor Steiner vom DIW und Thomas Straubhaar, Chef des Hamburger HWWA-Instituts. Dazu Kai Konrad vom Wissenschaftszentrum Berlin. Und dann wären da noch Chefvolkswirte von Morgan Stanley, Deutsche Bank oder Commerzbank. Nicht zu vergessen der deutsche Nobelpreisträger Reinhard Selten.
Dissens unter den Ökonomen? Keineswegs. Die Beteiligten sind bemüht, den Verdacht zu zerstreuen. Gestritten habe man sich nicht, so Zimmermann. Doch fällt auf, dass keiner der großen Ökonomen beim jeweils anderen Manifest dabei sein wollte. Man habe erst später von der Initiative Wiegards gehört, heißt es bei Zimmermann. Könnte sein: Konkurrent Kleinhenz erkundigte sich im Gespräch mit der Financial Times Deutschland umgekehrt nach Zimmermanns Adresse im Internet.
Kein Drama: "Meine Frau sehe ich täglich und weiß auch nicht immer, was sie macht", sagt Ifo-Chef Sinn: "Aber deswegen sind wir nicht zerstritten." Und überhaupt habe er sich gegen Zimmermanns Aufruf nur entschieden, weil er weder die Forderung nach einem ökonomisch gestalteten Zuwanderungsgesetz noch die nach einer höheren Gesamtverschuldung stützen wollte.
Es gibt auch Ökonomen, die weder dem einen noch dem anderen Appell folgten, beispielsweise der Würzburger Ökonom Peter Bofinger: weil die Agenda "nichts bringt". Er würde lieber einen Gegenaufruf initiieren, so Bofinger.
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