Financial Times Deutschland vom 26.06.2002, S. 16
Von Sebastian Dullien und Christian Schütte, Berlin
Kurz vor Beginn des G8-Gipfels der Staats- und Regierungschefs in Kanada haben sich einflussreiche Ökonomen gestern besorgt über den Zustand der Weltwirtschaft geäußert. "Ich rechne mit einem Krisensommer", sagte, Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. "Die Situation erinnert an die dunklen Tage der letzten globalen Finanzkrise 1998", schrieb der Chefvolkswirt der Investmentbank Morgan Stanley, Stephen Roach.
Zwar haben sich die Signale einer globalen Konjunkturerholung in den vergangenen Wochen gemehrt. Als Risiken gelten jetzt aber vor allem die jüngsten Turbulenzen an den Börsen und Devisenmärkten. Diese Unsicherheiten könnten nach Einschätzung von Experten auch die realwirtschaftliche Erholung gefährden. Das Thema dürfte auch auf dem G8-Treffen der führenden Industrieländer in den kanadischen Rockies erörtert werden.
Nach Ansicht von Walter zeigt sich momentan, dass die Erholung der Finanzmärkte nach dem Terrorschock vom September 2001 verfrüht war. "Wir bekommen eine Wachstumspause, weil die Investitionen nicht wie erwartet anspringen." Zudem gebe es das Risiko, dass es zum Krieg gegen Irak kommen könne.
Michael Heise, Chefvolkswirt der DZ Bank, sieht darin auch einen Unterschied zur Finanzkrise 1998: "Heute gibt es tatsächlich fundamentale Risiken." Politisch sei die Situation durch den 11. September, die Spannungen im Nahen Osten und die Eskalation an der indisch-pakistanischen Grenze höchst unsicher. Als Gefahr stufte Heise auch die Entwicklung Brasiliens ein, dessen Staatsanleihen massiv unter Druck geraten sind: "Der Schuldenstand ist hoch, und große Summen müssen kurzfristig refinanziert werden."
Das lateinamerikanische Land könnte laut Klaus Friedrich, Chefvolkswirt der Allianz Gruppe, zum ersten Dominostein einer globalen Krise werden: "Sollte Brasilien den Schuldendienst einstellen, so würden über Nacht viele Schwellenländer kein Kapital mehr bekommen." Die Folgen wären auch für die industrialisierte Welt schmerzhaft. "In der Summe sind die Emerging Markets wichtig für den Export."
Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut in München zeigte sich dagegen optimistisch, dass Europa eine Krise in Brasilien relativ unbeschadet überstehen würde: "Unsere Handelsverflechtungen mit Lateinamerika sind gering."
Auch die Dollar-Abwertung stellt nach Aussage von Sinn kein Problem dar: "Bei unseren Prognosen sind wir ohnehin immer von einem Kurs von einem Dollar zu einem Euro ausgegangen." Dem stimmte auch Heise zu: "Die Euro-Aufwertung ist nur eine Korrektur zu einem fairen Wert."
Als problematisch könnte sich dagegen die Schwäche der Aktienmärkte erweisen. "Viele Konsumenten haben heute Aktien", sagte Friedrich. Die jüngsten Kursverluste könnten die Verbraucher zur Zurückhaltung verleiten. Die Nachfrage bliebe verhalten und das Wirtschaftswachstum schwach.
Ob das ausreicht, um einen Krisensommer herbeizuführen, bleibt umstritten. Laut Heise sind die Folgen kontrollierbar. Zwar werde es keinen dynamischen Aufschwung geben. "Solange es keinen Krieg gibt, gibt es jedoch auch keinen neuen Absturz."
Copyright by Financial Times Deutschland
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
2012 2011 | 2010 | 2009 2008 | 2007 | 2006 2005 | 2004 | 2003 2002 | 2001 | 2000
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: