Financial Times Deutschland, 25.06.2004, S. 18
Von Mark Schieritz, Berlin
Die Weltwirtschaft brummt, der Export boomt - und in Deutschland steigt die Arbeitslosigkeit. Das ist schlecht und bringt Politiker durchaus in Erklärungsnot. Immerhin: Die Zunft der Volkswirte scheint von der Entwicklung zu profitieren - schafft sie doch jede Menge Erklärungs- und Theoriebedarf.
So eine Erklärung für die deutsche Misere hat auch "Deutschlands klügster Ökonom" (Bild) und Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, geliefert. Die Republik, sagt er, verkomme zu einer "Basar-Ökonomie" - ein immer geringerer Teil der Ausfuhren werde auch tatsächlich hier produziert, statt dessen finde die Wertschöpfung in Osteuropa statt. Hierzulande werde dann nur noch zusammengeschraubt. Die guten Exportzahlen signalisieren deshalb nicht etwa glänzende Geschäfte des Autobauers in Wolfsburg, sondern einen Boom beim Zulieferer in Bratislava. Die HypoVereinsbank, ebenfalls aus München, hat sich jetzt des Themas angenommen. Die klassische Lehre, wonach die Aufschwungdynamik vom Export auf die Binnenwirtschaft überspringe, gelte - Basar-Ökonomie sei Dank - nicht mehr, schreiben die Experten. Das deutsche Übel, so scheint es, hat endlich einen Namen - alles andere als sicher ist nur, ob es auch der richtige ist. Fast alle Industrieländer tummeln sich im Basar, der für viele Experten lediglich ein Spiegelbild der Globalisierung ist. Die Differenz zwischen Produktion und Bruttowertschöpfung in der Industrie - ein Maß für die Bedeutung von Vorleistungen aus dem Ausland für die Wirtschaft - ist in den USA fast genau so groß wie in Deutschland. Und dort boomt der Arbeitsmarkt.
"Die Bedeutung von Jobverlagerungen wird übertrieben" Commerzbank
Auch Analysen der Bundesbank lassen an der These vom Jobkiller Osteuropa zweifeln. Die Beschäftigung in der Autoindustrie sei zwischen 1997 und 2002 um 2,6 Prozent gestiegen, obwohl die Firmen stärker auf Produkte aus dem Osten zurückgegriffen haben. Statt Kabelstränge zu montieren, füttern Deutschlands Autowerker Bordcomputer. "Die Bedeutung von Produktionsverlagerungen für die wirtschaftlichen Entwicklung in Industriestaaten ist in jüngster Zeit stark übertrieben worden", so das Ergebnis einer aktuellen Studie der Commerzbank. Die Effekte auf die Beschäftigung seien "nicht dramatisch", so die Experten - die Suche nach dem passenden Begriff ist noch nicht abgeschlossen.
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