Financial Times Deutschland, 22.09.2004, S. 18
Von Jörg Wagner, Berlin
Dic Unternehmen in Deutsch land halten die Aussichten für die deutsche Wirtschaft insgesamt für deutlich schlechter als die eigenen Zukunftsperspektiven. Während nach einer Umfrage der Beratungsfirma Capgemini lediglich sechs Prozent der Firmen in den kommenden sechs Monaten eine Besserung der gesamtwirtschaftlichen Lage sehen, rechnen 45 Prozent mit steigenden Aufträgen im eigenen Betrieb. Nur sieben Prozent der Firmen erwarten sinkende Arbeitslosenzahlen, 16 Prozent planen aber, neue Mitarbeiter einzustellen.
Das paradoxe Ergebnis deutet darauf hin, dass in den deutschen Führungsetagen derzeit ein übertriebener Pessimismus über die künftige wirtschaftliche Entwicklung herrscht. Problematisch könnte dies sein, weil die Firmen auf ein kräftiges Anziehen der Konjunktur nicht vorbereitet sind. Sie könnten deshalb in den kommenden Monaten in Kapazitätsengpässe geraten. Zudem droht die Skepsis der Unternehmen die Wende auf dem Arbeitsmarkt in die Zukunft zu verschieben.
"Die Situation ist hinsichtlich der Auftragseingänge nicht schlecht, es fehlt aber die positive Grundstimmung, damit sich das in Beschäftigung umsetzt", sagte Antonio Schnieder, Capgemini-Geschäftsführer für Zentral- und Osteuropa.
Fast ein Drittel aller befragten Unternehmer beurteilte die allgemeine Wirtschaftsentwicklung als negativ. Besonders die Konsumgüterindustrie und der Handel sahen kaum Chancen auf eine Verbesserung. Nur in der Medienbranche kam es zu einer radikalen Trendwende. Dort sieht über die Hälfte der Unternehmer eine positive Perspektive, während im Frühjahr noch die Pessimisten in der Mehrheit waren. Nur gut ein Viertel aller befragten Firmen äußerte sich optimistisch zur Konjunkturlage.
In krassem Gegensatz dazu geht es den einzelnen Unternehmen zunehmend besser. Für das vergangene Halbjahr berichteten 75 Prozent der befragten Betriebe von einem gleich hohen oder steigenden Auftragseingang. Für die kommenden sechs Monate erwarten 45 Prozent ein weiteres Anwachsen der Aufträge.
Für Gernot Nerb vom Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) ist das Auseinanderklaffen zwischen der Beurteilung der eigenen und der allgemeinen wirtschaftlichen Lage ein typisches Zeichen für den Beginn einer Aufschwungphase. "Die Unternehmen haben lange die Auffassung, nur bei ihnen laufe es ganz gut, die Wahrnehmung der ganzen Branche läuft dann zeitlich versetzt", so Nerb. Das hänge auch damit zusammen, dass die Unternehmer den eigenen Erfolg direkt fühlten, den der Branche aber nur zeitversetzt etwa durch die Medien wahrnähmen.
29 Prozent der Befragten gaben an, dass sie im kommenden Halbjahr ihre Investitionstätigkeiten ausweiten wollen. Eine Studie des Ifo-Instituts bestätigt diese Tendenz für Westdeutschland. Demnach werden dort in diesem Jahr die Investitionen im Verarbeitenden Gewerbe erstmals seit drei Jahren wieder steigen. Fast ein Drittel der von Capgemini befragten Unternehmen plant jedoch, die eigenen Investitionen im kommenden Halbjahr zu senken.
Überraschend positiv äußerten sich die Unternehmen zu den Folgen der deutschen Vereinigung. Mehr als die Hälfte der Unternehmer erwartet, dass sich das Ende der deutschen Teilung langfristig positiv auf den Wirtschaftsstandort Deutschland auswirkt. Sogar 57 Prozent gaben an, dass die Bilanz des Zusammenschlusses von Ost und West per saldo bereits heute positiv sei.
Regional unterschiedlich antworteten die Unternehmen auf die Frage nach der richtigen Wirtschaftsförderung. Während die Firmen in den Ostländern sowie in Berlin und Bremen sich für höhere Wirtschaftshilfen aussprachen, forderten die Unternehmer im übrigen Westen Subventionskürzungen.
Helmut Haussmann, Capgemini-Vizepräsident und Bundeswirtschaftsminister zu Zeiten der Wiedervereinigung, sieht die Ursachen des Transferbedarfs in einer falschen Wirtschaftspolitik nach der Wende: "Mittelstand und Handwerk sind zu Gunsten kapitalintensiver Fördermaßnahmen vernachlässigt worden." Die Unternehmer teilen in den Umfragen dieses Negativbild. Drei Viertel von ihnen finden, dass die Politik die Aufgaben der Wiedervereinigung schlecht bewältigt habe. Haussmann forderte eine stärkere Einbindung der Kommunen in die Wirtschaftsförderung. Diese sollten künftig einen größeren Teil der Mittel in Eigenverantwortung verwalten.
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