Financial Times Deutschland vom 21.12.2001, S. 18
Von Thomas Fricke, Berlin
Die Zukunft der Europäischen Zentralbank (EZB) ist gesichert - jedenfalls, wenn man den nicht immer bierernst gemeinten Antworten von mehr als einem halben Dutzend bekannter Ökonomen und Politiker auf Fragen der Financial Times Deutschland Glauben schenkte. Sie könnten sich gut vorstellen, Nachfolger von EZB-Präsident Wim Duisenberg zu werden. Was will man mehr?
Knapp 40 prominente Wirtschaftswissenschaftler haben seit Februar 2001 auf den Fragebogen geantwortet, den die Financial Times Deutschland unter der Rubrik "Der Montagsökonom" jeweils montags veröffentlicht hatte. Sie antworteten unter anderem auf die Frage nach dem EZB-Posten oder danach, welcher Ökonom der größte ist und ob Rezessionen vermeidbar sind. Die Antworten geben ein Bild davon, was die Wissenschaft 2001 beschäftigt hat, auch wenn viele der Staternents (zum Glück) eher witzig gemeint waren.
Immerhin blieben jene Gelehrten in der Mehrheit, die den Uni-Posten ungern gegen die harte Wirklichkeit der EZB-Arbeit tauschen würden. Weil er sonst ja einen Anzug tragen müsse, schrieb US-Ökonom und Buchautor Gregory Mankiw. Oder weil etwa der Chefposten beim Ölkartell Opec auf Dauer viel mehr Macht verspreche als die EZB, so der Brite Andrew Oswald. Und der Chefökonom der DGZ Deka-Bank, Michael Hüther, würde nur unter Bedingungen mitmachen: Wenn die EZB auf eine konsequente Geldmengensteuerung umschaltet".
Weitgehend einig waren sich die Topökonomen zu Beginn des neuen Jahrtausends offenbar darüber, dass Rezessionen zum Wirtschaftsleben gehören. Das wäre in den 60er und 70er Jahren wohl anders gewesen, für viele auch noch während des New-Economy-Booms der 90er. Anders als etwa in den 80er Jahren herrschte allerdings auch weitgehend Einigkeit darüber, dass die Wirtschaftspolitik solche Ausschläge zumindest abfedern kann und sollte. Und dass die Geldpolitik dafür im Zweifel geeigneter sei als die Finanzpolitik.
Was die Wissenschaftler darüber hinaus in diesen Zeiten allerdings plagt, lassen die Antworten darauf vermuten, welche Theorie denn noch erfunden werden müsste: es sind ganz offenbar die Grenzen dessen, was Märkte nach klassischer Lehre eigentlich leisten müssten. Gesucht werden Erklärungen dafür, warum es zu "beschränkt rationalem Verhalten" kommt und welchen Einfluss jenseits von Angebot und Nachfrage das Sozialprestige, die Psychologie oder wechselnde institutionelle Rahmenbedingungenhaben.
Viele kleinere Euro-Volkswirtschaften wie Finnland und Irland, aber auch Luxemburg, Portugal oder Griechenland verzeichneten bis weit in das vergangene Jahr hinein ein weitaus kräftigeres Wachstum als Deutschland, Frankreich und Italien. Diese drei Großen machen allein rund drei Viertel der Wirtschaftsleistung im Euro-Raum aus. Sie verfügen aber im EZB-Rat gemeinsam über weniger Stimmen als die kleinen Länder der Peripherie.
Gleich fünf Ökonomen sehen den größten Bedarf darin, eine stichhaltige Wechselkurstheorie zu entwickeln. Darunter bemerkenswerter Weise auch Martin Feldstein, renommierter US-Monetarist und Schüler jenes Milton Friedman, der einst versprach, dass freie Wechselkurse stets zum Gleichgewicht und mehr oder weniger stabilen Kursen führen würden.
Wie sehr die Wirtschaftswissenschaft mit den Tücken der realen Marktlogik zu kämpfen hat, zeigt sich an der Schwierigkeit, Wechsel-kurse überhaupt noch zu prognostizieren. Ohne Anleihen bei anderen Disziplinen wie der Psychologie scheinen viele ökonomische Rätsel schwer lösbar. Das Dilemma kommt womöglich auch darin zum Ausdruck, dass das ganz große Vorbild heute fehlt. "Es gibt zu viele, das ist unser Problem", antwortete Hypo-Vereinsbank-Chefökonom Martin Hüfner auf die Frage, welcher Ökonom heute den größten Einfluss auf die Wirtschaftspolitik hat.
Noch immer führt zwar der Brite John Maynard Keynes die Einflussliste an. Das meint immerhin jeder vierte FTD-Montagsökonom. Mit Abstand folgen Milton Friedman, US-Notenbankchef Alan Greenspinn und Adam Smith, der Urdenker der "unsichtbaren Hand".
Die restlichen Antworten verteilen sich auf nicht weniger als zehn höchst unterschiedliche Namen: von Jeffrey Sachs über den Geldtheoretiker Lars Svensson bis hin, jawohl, zum deutschen Wirtschaftsminister und Harry Potter, der es laut dem Chef des Ifo-Instituts Hans-Werner Sinn schafft, alle Marktkräfte zu überwinden.
Ob die Ökonomen davon lernen können, wird sich vielleicht in den Ausgaben des Montagsökonomen 2002 zeigen. Und vielleicht lassen sich bis dahin ja auch jene zur Beantwortung bewegen, die sich bislang nicht trauten. "Das klingt ja wie Montagsauto", begründete ein Mitglied des deutschen Sachverständigenrats seine Absage.
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