Financial Times Deutschland, 20.12.2002, S. 30
Von Thomas Fricke
Es kommt vor, dass Konjunkturexperten das Wachstum mal zu hoch einschätzen, mal zu niedrig. Warum sollte es einfacher sein, die Entwicklung einer Volkswirtschaft vorherzusehen als den Umsatz einzelner Betriebe? Nur ist das, was den Experten 2002 passierte, spektakulärer. Selten deuteten bewährte Frühindikatoren und Prognosen bis ins Frühjahr so klar auf Aufschwung hin. Selten kam es so völlig anders. Statt Wachstum gab's Stagnation in Deutschland.
Die Mär vom Wankelmut der Firmen
Wie das kommen konnte, scheint rätselhaft Dabei wäre eine Erklärung dringend nötig. Nur so ließe sich beurteilen, ob noch Verlass auf die konjunkturellen Frühindikatoren ist und auf Prognosen für 2003, die allmählich zuversichtlicher werden. Womöglich steckt hinter dem Patzer von 2002 mehr als nur ein Ausrutscher, den viele auf die Schocks und Gegenschocks des 11. September zurückführen.
Wären es nur ein paar nationale Hoffnungswerte gewesen, die Anfang 2002 auf Besserung deuteten, wären Aufschwungprognosen in der Tat gewagt gewesen. Es gab aber weltweit kaum einen Frühindikator, der nicht rasant stieg, als sich die Angst vor Anschlägen legte. "Das sah nach Bilderbuch-Aufschwung aus", sagt Holger Schmieding, Chefökonom bei der Bank of America.
Ganz klassisch folgte laut Ifo-Umfrage das deutsche Geschäftsklima dem US-Einkaufsmanagerindex. Optimisten sahen das deutsche Wachstum bei 1,5 Prozent - es wurden mickrige 0,2.
Für viele Bankvolkswirte liegt die Schuld bei wankelmütigen Managern, die ihre Geschäftsaussichten unter dem Schock des Terrors erst zu pessimistisch beurteilten; und später viel zu optimistisch, angeblich weil die Erleichterung so groß war. Die Manager hätten sich so in eine Erwartungsblase hineingesteigert - und die Volkswirte zu überhöhten Wachstumsprognosen verleitet.
So weit die Legende. Was daran verwundert: Würden sich die Firmen in ihrer sonst soliden Einschätzung so schnell durch externe Schocks und Esoterikphänomene beeinflussen lassen, hätte dies in der Vergangenheit öfter passieren. müssen - an Ölschocks und Kriegen fehlte es nicht. In Wahrheit war es 2002 das erste Mal seit Beginn der Ifo-Umfragen, dass verbesserten Erwartungen keine Besserung der Geschäfte folgte (siehe Grafik).
Gegen die These vom unternehmerischen Wankelmut spricht zudem, dass auch jene Frühindikatoren hochschossen, die auf ökonomischen Wirkungsketten und Erfahrungen statt allein auf Umfragen basieren, etwa auf investitionsentscheidenden Zinstrend. Und die Firmen registrierten zwischenzeitlich in der Tat höhere Aufträge.
Es mag sein, dass sich Erwartungen gegenseitig etwas hochschaukelten. Nur war die Zuversicht aus damaliger Sicht womöglich gar nicht so falsch. Es kam nur einiges dazwischen, was schwer vorhersehbar war. Hier liegt ein gewichtiger Unterschied.
Im April weitete sich die Talfahrt der Börsen dramatisch aus. Die Bilanzskandale ließen die US-Wirtschaft sinnkriseln. Die Angst vor dem Irak-Krieg trug dazu bei, dass der Ölpreis von 18 auf 30 $ je Barrel stieg, macht plus 70 Prozent. Der Euro wertete um fast 20 Prozent auf. All das mag zwar in der Luft gelegen haben, .etwa weil die Aktienkurse überbewertet waren. Nur: Wann die Korrekturen einsetzen würden, war kaum zu ahnen. Es hätte 2002 auch noch gutgehen können.
So brach aber die angelegte konjunkturelle Erholung in Deutschland ab, bevor sie in der Realwirtschaft richtig spürbar wurde; der Zuspitzung der Börsenkrisen folgte ab Juni die Wende der Konjunkturindizes nach unten.
Wäre es nur die vorübergehende Benebelung der Manager gewesen, die zum Überschwang führte, würde sieh die Enttäuschung 2003 kaum wiederholen. Die Konjunktur könnte sogar unterschätzt werden, weil nach der schlechten- Erfahrung 2002 niemand mehr auf einen richtigen Aufschwung setzt.
Ganz reale Störungen
Wahrscheinlicher ist, dass , die Konjunkturumfragen zwar verlässlich -bleiben, nur eben die Wirklichkeit erneut böse Überraschungen birgt. Noch ist offen, wie lange das Platzen der Aktien- und Technologieblase nachwirkt; ob nicht doch noch ein Crash kommt, bevor die Korrektur alter Exzesse vorbei ist. Fraglich ist, wann drastisch gesenkte Zinsen wieder wie üblich zu höheren Investitionen führen; derzeit wird die Verbilligung des Geldes von Industrie, Banken und Verbrauchern vor allem zur Entschuldung und Sanierung genutzt (was Bankenchef Breuer bestätigte, als er vor der Weitergabe niedriger Zinsen warnte).
Mag sein, dass die Sorge vor dem US-Krieg gegen Irak zu übermäßiger Skepsis führt. Das allein kann aber kaum erklären, wieso die globale Wirtschaft Ende 2002 so labil bleibt.
Was 2003 für Besserung spricht, ist bestenfalls der allmähliche Abbau der Exzesse aus der New Economy, der mit jedem Börsensturz und jedem Investitionsrückgang fortschreitet. Erst wenn dieser Prozess seinem Ende naht, werden nach dem miesen Prognosejahr 2002 und jenseits aller Miniaufschwünge die Konjunkturoptimisten wieder richtig liegen.
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