Seit knapp zweieinhalb Jahren ist die Europäische Zentralbank für die Euro-Geldpolitik zuständig. Nun debattieren die Währungshüter über Strategiekorrekturen, die Ökonomen schon seit längerem einfordern. Die FTD legt in einer Artikelreihe dar, worum es dabei geht.
Financial Times Deutschland, 6.5.2003, S. 18
Von Andreas Krosta, Frankfurt
Die größten Zweifel an Europas Zentralbank sind behoben. Anders als in den ersten Monaten genießen Wim Duisenberg und seine 17 Kollegen aus dem Zentralbankrat mittlerweile so etwas wie Hochachtung und Respekt an den Finanzmärkten. Von einer glänzenden Bilanz kann dennoch keine Rede sein, und das wissen auch die Notenbanker. Sonst würden sie jetzt nicht darüber debattieren, ob nicht doch das ein oder andere an der bisherigen Strategie zu korrigieren ist.
Am Donnerstag werden die 18 Notenbanker zum zweiten Mal in großer Runde darüber reden, warum die eigens gesetzten Ziele für das Geldmengenwachstum unerreicht blieben oder die Inflation immer noch über der Marke von zwei Prozent liegt - und nicht darunter, was laut Definition der europäischen Währungshüter erst als Preisstabilität zu werten wäre. Vielleicht wird dann schon bekannt, ob, und wenn ja, was an der bisherigen Zwei-Säulen-Strategie künftig anders sein wird.
Kritik an den Leitlinien der EZB gibt es von Ökonomen schon seit geraumer Zeit. So forderte der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, dass die Zentralbank ihre Definition von Preisstabilität auf 2,5 Prozent erhöhen solle. Andere sehen in der bisherigen Betonung der Geldmenge als erster Säule der EZB-Strategie ein zweifelhaftes Unterfangen.
Zur Abschätzung möglicher Inflationsgefahren analysieren die EZB-Experten bislang in einer ersten Säule das Wachstum der Geldmenge sowie der Kreditvergabe. In der zweiten Säule beobachten sie eine Reihe anderer wirtschaftlicher Größen, die auf die Teuerung Einfluss haben.
Die EZB steht damit unter den Zentralbanken eher allein. Der Chef der US-Notenbank Alan Greenspan lehnt eine regelgebundene Strategie ab, weil er fürchtet, die Notenbank werde dann unflexibel. Die Bank of England schwört auf ein Modell der Inflationssteuerung und toleriert eine Teuerung über zwei Prozent.
Keine große Zentralbank setzt noch explizit auf Geldmengensteuerung, weil der Versuch kurzfristig häufig scheiterte. Auch im Euro-Raum wächst die Geldmenge M3 seit Monaten viel schneller als von der EZB mit 4,5 Prozent gewünscht, im März legte der Umlauf von Bargeld und Bankeinlagen um 8,1 Prozent zu.
Belgiens Notenbankchef Guy Quaden und sein griechischer Kollege Nicholas Garganas deuteten bereits Zweifel an der Stellung von M3 in der Strategie an. Quaden sieht ein Kommunikationsproblem, Garganas wünscht sich, dass die EZB die Geldmenge weniger stark gewichtet.
Manche Ökonomen halten die EZB wegen der selbst gesetzten Regeln ohnehin für grundsätzlich zu träge. "Bis die Wirtschaftsdaten beim EZB-Rat ankommen und er dann reagiert, dauert es länger als bei der Fed", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei Invesco Management.
Ob die Notenbanker auf solche Kritik überhaupt reagieren, ist trotz der begonnenen Debatte unsicher. Bisher sieht es eher danach aus, dass nur einige überhaupt gewillt wären, feine Änderungen vorzunehmen. Jedoch könnte auch das nach Experteneinschätzung dazu beitragen, dass Entscheidungen für oder gegen Zinssenkungen künftig leichter zu fällen sein werden, zumindest aber besser zu begründen sind. Was das bedeuten könnte, führte Bundesbank-Chefökonom Hermann Remsperger jetzt vor, als er andeutete, dass sich das Inflationsziel der EZB zwar kaum erhöhen dürfte. Denkbar sei allerdings, dass die EZB künftig ausdrücklich eine Spanne zwischen einem und zwei Prozent anpeilt, statt ihr Ziel nach unten hin offen zu lassen.
Dies würde den Finanzmärkten immerhin signalisieren: Die EZB achtet auch darauf, dass die Preise nicht auf gefährliche Art zu fallen beginnen, wie es etwa im deflationsgeplagten Japan der Fall ist.
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