FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND, 05.05.2003, S. 18
Von Wolfram Trost, Frankfurt
Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihren Leitzins nach Ansicht führender Volkswirte auf ihrem treffen am Donnerstag nicht senken. Er steht bei 2,5 Prozent. Erst im Juni oder Juli werde die Notenbank den Zins um 25 Basispunkte zurücknehmen. Das ist das Ergebnis der jüngsten Zinsumfrage der FTD unter 24 Volkswirten internationaler Banken. Allerdings sehen die Experten durch den zuletzt deutlich gestiegenen Euro am Donnerstag Raum für eine Überraschung. Denn die starke Gemeinschaftswährung steht einem Aufschwung in der Euro-Zone im Weg, da sie die Exporte verteuert und damit den Wettbewerb behindert. Gleichzeitig sorgt der feste Euro für sinkende Importpreise für nachlassende Inflationsgefahr. Das erleichtert der EZB eine Zinssenkung. Die meisten Volkswirte gehen aber davon aus, dass sich die Notenbanker viel Zeit nehmen für eine Zinsentscheidung. Daher erwartet mit einer Ausnahme keiner der Umfrageteilnehmer einen Zinsschritt schon in dieser Woche. Per Ende Juli rechnen dagegen 19 der 24Volkswirte mit einem kleinen Zinsschritt. An den gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen hat sich kaum etwas geändert. Während die Wachstumsprognosen für 2003 im Schnitt unverändert bei 1,0 Prozent liegen, sind sie für 2004 leicht von 2,0 auf 2,1 Prozent gestiegen. Trotz der zuletzt ernüchternd ausgefallenen Stimmungsindikatoren malen die Volkswirte den Teufel nicht an die Wand. Im Gegenteil - teilweise ist sogar ein Funke Optimismus spürbar.
,,Die kontinuierliche Verschlechterung der Stimmungsindikatoren hat sich in den vergangenen Monaten realwirtschaftlich kaum bemerkbar gemacht, insofern ist das Konjunkturtief möglicherweise erreicht", sagt Carsten Klude von M. M. Warburg. Die EZB werde - wenn überhaupt - nur mit einer kleinen Zinssenkung reagieren. "Die Risiken Für die Weltwirtschaft haben sich nach dem raschen Ende des lrak-Krieges verringert, zudem ist eine merkliche Erholung der Aktienmärkte zu verzeichnen", sagt Uwe Angenendt von der ING BHF-Bank. ,,Der feste Euro bringt die EZB allerdings mehr und mehr in Zugzwang", sagt Eugen Keller vom Bankhaus Metzler. Nach Berechnungen der EZB folge auf eine weitere zehnprozentige Aufwertung des handels- gewichteten Euro-Wechselkurses eine Wachstumsabschwächung in der Euro-Zone um 0,9 Prozentpunk- te. "Allein der Euro-Anstieg im vergangenen Monat hat die gleiche Wirkung wie eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte", sagte Kenneth Wattret von BNP Paribas. Der Euro ist seit Anfang April um rund 3 Cent auf über 1,12 $ gestiegen. Die negativen Auswirkungen des starken Euro auf die Konjunktur lassen einige Volkswirte mittelfristig mit deutlichen Zinssenkungen rechnen: Julian von Landesberger und Holger Fahrinkrug von UBS Warburg sehen den Leitzins auf Sicht von zwölf Monaten bei 1,75 Prozent, Dieter Wermuth von der UFJ Bank bei 1,5 Prozent und Rainer Guntermann von Dresdner Kleinwort Wasserstein sogar bei 1,25 Prozent. Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo- Wirtschaftsforschungsinstituts, fordert sukzessive Zinssenkungen der EZB auf das US-Niveau von 1,25 Prozent. ,,Es gibt keinen einzigen Grund für eine solch strenge Geldpolitik", sagte Sinn in München. Er bezifferte das Risiko einer Deflation in Deutschland in den kommenden fünf Jahren auf 30 Prozent. Die Inflationsprognosen der befragten Volkswirte haben sich im vergleich zur Zinsumfrage im April nicht verändert. Demnach werde die Inflation in diesem Jahr 2,0 Prozent und im kommenden Jahr 1,7 Prozent be- tragen. Steigt der Euro weiter, werden die Einfuhren billiger. Die deutschen Einfuhrpreise sind im März um 0,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gesunken. "Wenn man unterstellt, dass sich die deutschen Importe aus der Euro-Zone verteuert haben wie die industriellen Erzeugerpreise in der Euro-Zone, ergibt sich fair die Preise der Einfuhren aus dem Rest der Welt ein Rückgang um 4,1 Prozent", sagte Wermuth. Die Euro-Zone importiere damit Deflation aus dem Rest der Welt. Auch die jüngsten Äußerungen einiger Notenbanker lassen vorerst noch keinen Zinsschritt vermuten. Bundesbankpräsident und EZB- Ratsmitglied Ernst Welteke sagte vergangene Woche in London, bei 2,5 Prozent sei der Leitzins angemessen. Ratsmitglied Sirkka Hämäläinen sagte: "Das derzeitige Zinsniveau ist niedrig und behindert die Wirtschaftserholung in der Euro-Zone nicht." Politik muss Wachstum ankurbeln ,,Demnach scheint die EZB auch zu dem Schluss gekommen zu sein, dass es nun die Aufgabe der Regierungen ist, durch dringend notwendige Strukturreformen das Potenzialwachstum in der Euro-Zone zu verbessern", sagte Ulla Kochwasser von der Mizuho Corporate Bank. Der Hauptgrund für das niedrige Wachstum sei nicht der fehlende monetäre Stimulus, sondern fehlende Strukturreformen, vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Die Volkswirtin rechnet damit, dass der nächste Zinsschritt nach oben gehen wird und sieht den Leitzins in zwölf Monaten bei 2,75 Prozent. Insgesamt rechnen fünf der 24 Umfrageteilnehmer auf Sicht von zwölf Monaten mit einem Leitzins von mindestens 2,75 Prozent. Die Händler am Geldmarkt sind unentschieden. Wochengeld kostet per Ende Juli 2,36 Prozent. Das unterstellt eine Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung um 25 Basispunkte von 56 Prozent. So eindeutig wie die befragten Volkswirte schätzen die Marktteilnehmer die Chance für eine Zinssenkung also nicht ein. Erst auf Sicht von zwölf Monaten steigt die Wahrscheinlichkeit eines solchen Schrittes auf 80 Prozent.
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