Financial Times Deutschland, 04.10.2002, S. WE7
Von Hausse spricht keiner mehr, von Aufschwung schon gar nicht. Stattdessen machen immer neue Spekulationen über die nächsten Tiefpunkte an den Börsen die Runde. Die Lage bessert sich nur, wenn drei Bedingungen erfüllt werden
Eine neue Börsenhausse ist in den nächsten ein bis zwei Jahren unwahrscheinlich", so die Einschätzung von Burkhard Varnholt, Chef-Analyst der Credit Suisse Private Banking. Der Chef-Stratege von Julius Bär, Gérard Piasko, sieht das ähnlich: Einen neuen Aufwärtstrend werde es erst geben, wenn die Unternehmen ihre hohen Schulden abgebaut hätten. Dieser Prozess könne mehrere Jahre dauern.
Ein Indiz dafür, dass die Kurse noch weiter fallen könnten, ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für US-Unternehmen. Noch immer notieren amerikanische Aktien im S&P 500 bei einem KGV von gut 20 über dem historischen Durchschnitt von 15.
Vor allem Großanleger - insbesondere Versicherungen und Pensionsfonds - warten offenbar ab, bis die Kurse im Verhältnis zum erwarteten Gewinn weiter fallen, bevor sie wieder Aktien kaufen. Die Privatbank Julius Bär hat zum Beispiel bei einem KGV von 17 den Aktienanteil in ihrem Portefeuille nur leicht erhöht. Auch Burkhard Varnholt erwartet, dass die Kurse zunächst weiter fallen werden: "Der Tiefpunkt der Aktienmärkte liegt eher noch vor als hinter uns."
Diese Einschätzung teilen immer mehr Beobachter. Umso interessanter ist die Frage nach der Wende. Und da ist man sich weitgehend einig: Erst wenn drei Bedingungen erfüllt sind, ist die Basis für nachhhaltig steigende Aktiennotierungen gelegt.
- Erstens müssen die Gewinne wieder kräftig wachsen, dann kommt auch Musik in die Bewertungen. "Sollten sich die Unternehmensgewinne verbessern, könnten die Aktienkurse im S&P 500 innerhalb der nächsten drei Jahre um sieben bis zehn Prozent steigen", sagt Kenneth Shea, Vice President und Director bei Standard & Poor's.
Doch vor allem in den einstigen Wachstumsbranchen Telekommunikation, Medien und Technologie (TMT) fressen die Zinsen einen Großteil der Erträge auf: Seit 1997 müssen US-Unternehmen einen stetig steigenden Teil ihrer Erträge verwenden, um Schulden zu finanzieren. 2001 dafür im Schnitt ungefähr ein Drittel der Erträge aufgewendet. Folge: Gewinnwarnungen sind an der Tagesordnung. Zu Wochenbeginn warnte Extreme Networks, und für General Electric hat Merrill Lynch die Gewinnschätzungen für 2002 und 2003 gesenkt. Auch in Deutschland geraten die Gewinnaussichten der Blue Chips unter Druck, wie die Beispiele Allianz und Commerzbank zeigen.
- Die Gewinne hängen am Tropf der Weltwirtschaft - ein Konjunkturaufschwung ist die zweite Bedingung. Seit dem Frühjahr 2001 befindet sich das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Kriechgang (siehe Grafik). Alle Hoffnungen ruhen auf den USA: Nach dem Einbruch Ende vergangenen Jahres gab die US-Wirtschaft im zweiten Quartal wieder Gas: Das US-BIP stieg um 2,2 Prozent.
Doch weder in den USA noch in Europa ist das Schreckgespenst Rezession gebannt. Zu Wochenbeginn ist der ISM-Einkaufsmanagerindex für die US-Industrie im September gegenüber dem Vormonat um einen Punkt auf 49,5 Punkte gefallen und lag damit erstmals seit Januar wieder unter der 50-Punkte-Marke, deren Unterschreiten eine Schrumpfung der Industrieaktivität anzeigt.
Bereits am Montagabend hatte das Forschungsinstitut NTC bekannt gegeben, dass der Einkaufsmanagerindex für Deutschland im September von 49,1 auf 46,0 Punkte gefallen war. Der entsprechende Index für die Euro-Zone sank von 50,8 auf 48,9 Punkte. Sowohl für Deutschland wie auch für den Euro-Raum zeigten die Indizes damit im September eine rückläufige Geschäftstätigkeit in der Industrie an. "Die großen Länder brauchen dringend eine Zinssenkung, um wieder auf Trab zu kommen", mahnt Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Dies- und jenseits des Atlantiks fordern Finanzmarktexperten Zinsschritte, um das Wachstum zu stützen.
- Grundlegende Bedingung für eine Beruhigung der Aktienmärkte ist, drittens, Stabilität in der Krisenregion Irak. Die Kriegsangst treibt den Ölpreis, der bei knapp 30 $ pro Barrel und damit gut doppelt so hoch wie vor zwei Jahren liegt. "Eine allgemeine Faustformel besagt, dass ein Ölpreisanstieg um 10 $ etwa ein halbes Prozent weniger Wachstum bedeutet", sagt Ölexperte Klaus Matthies vom HWWA. Ergo: Der starke gestiegene Ölpreis hat bereits einen Wachstumspunkt auf dem Gewissen. Solange der Krieg nur mehr eine Frage der Zeit zu sein scheint, halten sich Investoren an Kapital- und Gütermärkten zurück.
Fazit: Gegenwärtig ist keine der drei Bedingungen für eine grundlegende Wende an den Börsen auch nur ansatzweise erfüllt. Und so bleibt für Investoren wieder einmal nur das Prinzip Hoffnung.
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