Financial Times Deutschland vom 02.01.2001, S. 33
Von Christian Schütte, Berlin
Nach Ansicht des Münchner Ökonomen Hans-Werner Sinn müssen die Entscheidungsstrukturen in der Europäischen sehen Zentralbank (EZB) geändert werden, damit die Währungsunion nach der Einführung des Euro-Bargelds erfolgreich weiterentwickelt werden kann. "Die Stimmenanteile der Länder müssen sich künftig stärker an ihrem ökonomischen Gewicht orientieren", sagte der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung gegenüber der FTD. "Derzeit wird die Geldpolitik zu stark von den kleinen Ländern der europäischen Peripherie geprägt."
Der EZB-Rat ist das geldpolitische Entscheidungsgremium der Notenbank, das insbesondere über die Zinspolitik entscheidet. Ihm gehören zurzeit die sechs Mitglieder des EZB-Exekutivdirektoriums sowie die jeweiligen Präsidenten aller zwölf nationalen Notenbanken des Euro-Raums an.
Sinn schlägt vor, spätestens bei der Osterweiterung der Währungsunion von dem Prinzip abzugehen, dass jedes Land mit gleicher Stimme im EZB-Rat vertreten ist. Künftig sollten nur noch die Notenbankpräsidenten der großen Länder einen ständigen Sitz im Rat erhalten. Eine begrenzte Zahl von Sitzen für die kleineren Länder wäre nach dem Rotationsprinzip zu besetzen. "Eine unregierbare Zentralbank muss verhindert werden", begründete Sinn dieses Modell.
Ende der nationalen Sicht
Die Notenbankpräsidenten unterliegen keinerlei Weisungen ihrer jeweiligen Regierungen. Diese Unabhängigkeit gewährleiste aber noch nicht dass die Währungshüter ihre nationalen Sichtweisen überwinden warnte Sinn. Es sei wirklichkeitsfremd anzunehmen, dass beispielsweise ein Vertreter Irlands oder Finnlands die spezifischen Probleme seines Landes so relativ gering gewichte, wie es der volkswirtschaftlichen Bedeutung dieser Länder für die Euro-Zone entsprechen würde.
"Es reicht nicht, dass beispielsweise der Ire sagt, die Lage in Deutschland ist für mich genauso wichtig wie die Lage in Irland. Für eine wirklich europäische Geldpolitik müsste er Deutschland 20-mal stärker gewichten als das eigene Land", so Sinn. Es spreche einiges dafür, dass die EZB im vergangenen Jahr auch deshalb so zögernd auf den Abschwung reagiert habe, weil die Vertreter der kleinen und stark wachsenden Länder auf eine restriktivere geldpolitische Linie drängten.
Viele kleinere Euro-Volkswirtschaften wie Finnland und Irland, aber auch Luxemburg, Portugal oder Griechenland verzeichneten bis weit in das vergangene Jahr hinein ein weitaus kräftigeres Wachstum als Deutschland, Frankreich und Italien. Diese drei Großen machen allein rund drei Viertel der Wirtschaftsleistung im Euro-Raum aus. Sie verfügen aber im EZB-Rat gemeinsam über weniger Stimmen als die kleinen Länder der Peripherie.
Neue Kurschancen des Euro
Die Einführung des Euro-Bargelds wird nach Ansicht des Ifo-Chefs zu einer tendenziellen Aufwertung der Gemeinschaftswährung führen: "Ich rechne für die Zukunft wieder mit einem Kursanstieg sagte Sinn.
Der bisherige Verfall des Euro gegenüber dem Dollar ist nach Ansicht Sinns auch darauf zurückzuführen gewesen, dass in den vergangenen Jahren in Europa sehr stark Bargeldbestände abgebaut und auf direktem oder indirektem Wege in fremde Währungen wie den US-Dollar umgetauscht worden seien.
So sei der Umlauf voll D-Mark -Bargeld seit 1997 um rund 60 Mrd. Euro unter den langfristigen Trend gefallen. Dieser Rückgang sei im Vergleich zu anderen europäischen Währungen überproportional ausgefallen. Das deute darauf hin, dass vor allem Schwarzgelder und D-Mark-Bargeldbestände aufgelöst worden seien, die im Ausland bisher als Zweitwährung genutzt wurden.
Das Volumen dieser Umschichtungen sei durchaus groß gering, um den Wechselkurs nennenswert zu beeinflussen: Als Vergleichsmaßstab ließen sich dazu die Effekte von Devisenmarktinterventionen der Notenbanken heranziehen, die ähnliche Größenordnungen erreichten.
Mit einer schnellen Aufwertung rechnet der Ifo-Chef allerdings nicht: "Ich sehe keinen Grund dafür, dass der Euro schneller steigen sollte, als er fiel. Auch die Abwertung war ein kumulativer Prozess, der drei Jahre gedauert hat und im Grunde sogar schon vor 1999 begann."
Vorerst entfalle nur der bisherige Abwertungsdruck. Mit einem wachsendem Vertrauen in die neue Währung würden dann aber auch wieder neue Bestände voll Euro-Bargeld aufgebaut.
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