Financial Times Deutschland 01.11.2004, S. 26
Von Christian Schütte
In der Debatte über Standortwettbewerb und Globalisierung sorgen derzeit vor allem zwei Thesen für Furore. In Deutschland ist es die Behauptung von Hans-Werner Sinn, dem Präsidenten des Ifo-Instituts, marktwidrig überhöhte deutsche Löhne vertrieben industrielle Arbeitsplätze mit viel zu hohem Tempo ins Ausland. Deutschland werde deshalb zum Globalisierungsverlierer.
In den USA hat Paul Samuelson, der große alte Mann der Wirtschaftstheorie, für viel Wirbel gesorgt, weil er erklärt, dass die Wohlstandsgewinne aus dem Freihandel keineswegs für immer und für alle garantiert sind.
Der Nobelpreisträger legt dabei Wert darauf, dass er nicht dem Protektionismus das Wort reden will. Im Gegenteil: Der Wohlstand, der heute womöglich auf der Kippe steht, konnte überhaupt erst durch die Globalisierung entstehen. Dennoch, so Samuelson, gebe es ein Problem: Gelinge es künftig etwa den Chinesen oder Indern, die Technologien der amerikanischen oder europäischen Industrie zu imitieren, dann seien sinkende Realeinkommen im Westen möglich.
Vereinfacht, aber ganz konkret: Wer heute Flugzeuge oder Autos mit schönen Gewinnmargen in Schwellenländer exportiert, dem kann es morgen passieren, dass die Produkte dort genauso effizient gebaut werden wie bei uns. Adieu, guter alter Handelsgewinn!
Lehren aus Bangalore
Die Sinn'sche These von der Standortflucht liegt den Deutschen zweifellos näher, weil sie eine Erklärung für die hiesige Jobkrise bietet. Die langfristig größere Sprengkraft steckt aber in Samuelsons Einwand. Denn der gilt auch dann noch, wenn einmal alle Reformen verabschiedet, alle Gewerkschaften entmachtet und alle Löhne gesenkt worden sind. Samuelson argumentiert mit Blick auf die schon heute hochflexible Marktwirtschaft der USA.
Selbst seine Kritiker bestreiten nicht, dass Samuelsons Analyse theoretisch schlüssig ist. Sein Einwand ist in der Wissenschaft im Prinzip seit Jahrzehnten bekannt. Die entscheidende Frage bleibt, wie plausibel es denn ist, dass die Produktivitätsrezepte der westlichen Exporteure tatsächlich eins zu eins im Fernen Osten oder anderswo kopiert werden können.
Einige sehr anschauliche Oberlegungen dazu hat Anfang des Jahres - noch vor Beginn der Samuelson-Debatte - der "New York Times"-Kolumnist Thomas Friedman aus Indien mitgebracht. Friedman bereiste dort das neue Wunderland der IT-Branche, die Region um Bangalore, und war überwältigt von der Dynamik, den Kenntnissen und dem Optimismus der jungen indischen Computerexperten. Der Eintritt dieser höchst wettbewerbsfähigen Region in die Weltwirtschaft sei für die USA - bisher Gelobtes Land der IT - von ebenso großer Bedeutung wie die Herausforderung durch den islamistischen Terror.
Friedmans Fazit ist dennoch keineswegs pessimistisch: Amerika - so sähen es auch viele der gut ausgebildeten Inder - sei einfach "die größte Innovationsmaschine, die es je gegeben hat". Und diese Maschine sei auch auf absehbare Zeit nirgendwo kopierbar, weil sie aus einer Vielzahl von ineinander greifenden Bauteilen bestehe. Als da etwa sind: "Extreme Freiheit des Denkens, Betonung der unabhängigen Meinungsbildung, stetige Einwanderung neuer, kreativer Köpfe, eine Kultur der Risikobereitschaft, eine verlässliche staatliche Verwaltung, leistungsfähige Finanzmärkte und ein Venture-Capital-System, das es in einzigartiger Weise schafft, neue Ideen zu weltweit vermarktbaren Produkten zu machen."
Friedman nennt diese Qualitäten "the secret of our sauce", das geheime Soßenrezept des erfolgreichen Standorts USA. Weil Indiens Stärken ganz andere sind, sorge die rasch wachsende Verflechtung der beiden Volkswirtschaften vor allem dafür, dass die Innovationsmaschine noch schneller und billiger laufen kann. Zum Vorteil aller Beteiligten.
Über Europa fanden allerdings weder Friedman noch seine indischen Gesprächspartner lobende Worte. Tatsächlich besteht die große Gefahr, dass der beliebte Ruf nach radikalem "Zerschlagen unserer Wohlstandsillusion" (Ex-CDU-Wirtschaftssprecher Friedrich Merz) die langfristig entscheidende Frage immer mehr überlagert: Was war und ist eigentlich das deutsche "Geheimrezept"? Wie kann die Innovationsmaschine auch bei uns so organisiert werden, dass "Made in Germany" im Wortsinn "unnachahmlich" bleibt?
Innovationsmaschine D
Mit bloßer Kostensenkung ist da wenig zu machen, selbst wenn sie im Einzelfall nötig sein mag. Auch der Versuch, die Institutionen des Landes komplett neu zu erfinden, ist sehr riskant. Mit gutem Grund folgen Unternehmensstrategen heute meist einer völlig anderen Devise: "Kernkompetenzen stärken!"
Der Ökonom und Historiker Werner Abelshauser, der ein ganzes Buch über die Innovationsmaschinen in den USA und in Deutschland geschrieben hat, sieht im Prinzip "wenig Grund zur Annahme, das in Deutschland gewachsene soziale System der Produktion sei weniger innovationsfördernd als das amerikanische". Auch für die Wissens- und Informationsgesellschaft bleibe es geeignet. Allerdings, so Abelshauser, gebe es sehr wohl gefährliche Schwächen - etwa bei hoch innovativen und hochkomplexen Produktionsweisen.
Für die Debatten der nächsten Monate sollte das Folgen haben: Nicht Hartz IV, sondern die erfolgreiche Einführung des Mautsystems ist 2005 die große Bewährungsprobe für den Standort. Intelligente Verkehrslenkung ist dringend nötig; sie ist politisch im Prinzip unumstritten; sie ergänzt das deutsche Schlüsselprodukt Auto, und sie erfordert eine enorme Kooperationsleistung, die niemand leicht kopieren kann. Die Frage ist jetzt, ob die Deutschen so etwas noch können.
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