Financial Times Deutschland, 27.04.2005, S. 18
Von Christiane Karweil, Thomas Fricke, Berlin, und Mark Schieritz, Frankfurt
Notenbanker und Institusökonomen haben gestern die Risiken eines globalen Abschwungs herunterzureden versucht. "Die Bedingungen sind gegeben, dass das Wirtschaftswachstum in Europa seine Talsohle erreicht", sagte der Vize-Chef der Europäischen Zentralbank, Lucas Papademos, vor dem EU-Parlament. Das würde einer beschleunigung von derzeit weniger als zwei auf 2,0 bis 2,5 Prozent entsprechen. Die deutschen Forschungsinstitute demonstrierten bei der Vorstellung ihres Frühjahrsgutachtens Zuversicht, dass sich die Konjunktur trotz der jüngsten Abschwungsignale und drastisch gestiegener Ölpreise schon vom Sommer an wieder bessert.
Deutlich verschlechterte Geschäftsklimawerte hatten am Montag die Sorge vor einem konjunkturellen Rückschlag in Deutschland genährt. Skeptiker halten jetzt sogar einen Rückfall in die Rezession für möglich. Auch andere Indikatoren wie der OECD-Frühindikator hatten zuletzt auf globale Abwärtstrends hingedeutet, die vor allem durch den Anstieg des Ölpreises auf mehr als 50 $ je Barrel ausgelöst worden sind.
Auch die Institusökonomen räumen ein, dass diese Energie-Versteuerung starke Wachstumsverluste mit sich bringt. So habe man die Ölpreisschätzung für 2005 von durchschnittlich 30 $ auf jetzt 50 $ nach oben korrigieren müssen, sagte Alfred Steinherr, Konjunkturchef beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Das koste die deutsche Wirtschaft 2005 allein einen halben Prozentpunkt Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt. Und selbst für 2006 rechnen die Ökonomen jetzt nicht mehr mit einem Rückgang der Ölpreise. "All das ist ein Risiko", räumte der Konjunkturchef des RWI-Instituts in Essen, Roland Döhrn, ein. Einen Rückfall in die Rezession wollten die Experten daher nicht ausschließen, zumal das hohe US-Leistungsbilanzdefizit ein weiteres Risiko darstelle und zu einer erneuten Dollarabwertung und einem starken Zinsanstieg führen könnte.
Ähnlich wie Notenbanker Papademos geben sich die Institute aber zuversichtlich, dass die Konjunkturprobleme bald überwunden werden. Grund zu Zuversicht sehen sie dabei darin, dass es in vielen Teilen der Welt nach wie vor hohes Wachstum gebe – und die Ölpreise nicht weiter steigen. "Die Weltwirtschaft wird weiter zügig expandieren", sagte Joachim Scheide vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Nach dem Rekordwachstum von 3,8 Prozent 2004 rechnen die Institute 2005 mit einem Plus von 3,0 Prozent. Wenn die Nachwirkungen der Euro-Aufwertung jetzt nachließen, profitierten von der entsprechenden Stabilisierung der Kostenrelationen auch die deutschen Exporteure.
Vor allem die USA, China und einige Schwellenländer werden nach der Institusprognose die Konjunktur stützen. Zwar werde sich der Konsum in den USA leicht abschwächen. Auch werde der Zinsanstieg den Verbrauch etwas dämpfen. Insgesamt aber seien die Finanzierungsbedingungen noch günstig. "Die Unternehmensinvestitionen werden hoch bleiben", sagte RWI-Ökonom Döhrn.
Für die Euro-Zone stellen die Experten angesichts der unterstellten globalen Dynamik und nachlassenden Ölpreislasten ein Anzeichen des Wirtschaftswachstums im zweiten Halbjahr in Aussicht. Für das Gesamtjahr 2005 erwarten sie ein Plus von 1,4 Prozent. EZB-Vize Papademos geht ebenfalls davon aus, dass neue Dynamik in der Euro-Zone im zweiten Halbjahr einsetzen wird.
Immerhin raten auch die Institute angesichts einer insgesamt noch labilen Lage von einer baldigen Verschärfung der Geldpolitik in Europa ab. Die EZB solle mit einer Zinserhöhung bis ins nächste Jahr hinein warten, hieß es im Gutachten.
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