Süddeutsche Zeitung, 26./27.04.2008, Nr. 98, S. 26
Unvollständigkeit scheint das zentrale Thema in James Mirrlees' wissenschaftlichem Leben zu sein. 1996 bekam er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Die Arbeiten, die mit der Auszeichnung gewürdigt wurden, beschäftigten sich mit den Konsequenzen eines Geschäftsabschlusses, der unter unvollständiger Information eines Vertragspartners zustande gekommen ist. Weil aber auch Mirrlees Theorien alleine nicht vollständig waren, musste sich der heute 71-Jährige den Preis mit einem Kollegen teilen.
Am Freitag sprach Mirrlees in München auf einer Konferenz, die das Ifo-Institut anlässlich des 60. Geburtstags von Ifo-Chef Hans-Werner Sinn veranstaltet hatte. Vollständig festlegen wollte sich Mirrlees auch diesmal nicht, Sinns Theorie zur Besteuerung von Kapitaleinkünften sei exzellent, sagte er, „doch die Frage ist, ob wir eine solche Kapitaleinkommensteuer wollen". Die Antwort blieb er schuldig, keine Ausnahme in der langen wissenschaftlichen Karriere des Schotten. Seine Beiträge zur Grundlagenforschung wurden oft gelobt. Die Ideen konkret auszugestalten, „habe ich aber immer anderen überlassen", räumte er einmal ein.
Dementsprechend bleiben seine Vorstellungen zum Steuersystem, die er am Freitag referieren wollte, schwer greifbar. Mirrlees gilt als Befürworter einer Flat Tax, eines einheitlichen Steuersatzes unabhängig von der Höhe der Einkünfte - allerdings nur, wenn eine lange Liste an Voraussetzungen erfüllt ist. Der Wirtschaftspolitik des ehemaligen britischen Premierministers Tony Blair konnte er viel Positives abgewinnen, aus dessen Labour Party trat er dennoch aus. Auch bei seinem eigenen Bildungsweg zeigte er sich wankelmütig. Mit 14 Jahren habe er seine Begeisterung für Mathematik entdeckt, sagt Mirrlees, niemals habe er etwas anderes werden wollen als Professor für Mathematik an einer renommierten Universität. Warum es ihn nach einem kurzen Ausflug zur Philosophie schließlich zur Ökonomie verschlug, bleibt eine der offenen Fragen, die Mirrlees stets zu umgeben scheinen.
Lange hatte Mirriees Volkswirtschaftslehre in Oxford unterrichtet. Gegen Ende seiner Lehrtätigkeit kehrte er ans Trinity College in Cambridge zurück, wo er Ende der fünfziger Jähre studiert hatte. Zu Beginn seines Studiums habe man ihm das, schwerverdauliche Hauptwerk des Wirtschaftswissenschaftlers John Maynard Keynes in die Hand gedrückt, schrieb er nach Erhalt des Nobelpreises. „Ich hoffe, die Lektüre irgendwann einmal abzuschließen." Vielleicht schafft er es bis zu Hans-Werner Sinns nächster großer Party. Und sagt ihm dann, was er konkret denkt über sein Steuerkonzept.
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