Financial Times Deutschland, 21.11.2007, Nr. 226, S. 18
Erstmals seit Jahren könnten die Beschäftigten 2008 real wieder mehr auf dem Gehaltskonto haben als im Vorjahr - und das trotz gestiegener Inflationsrisiken. Aus Sicht von Experten sind dafür höhere Tarifabschlüsse und außertarifliche Zusatzleistungen sowie gesunkene Sozialversicherungsabgaben verantwortlich.
Nach einem leichten Minus im laufenden Jahr dürfte es 2008 ein leichtes Plus geben", sagte Wolfgang Nierhaus, Konjunkturexperte beim Münchner Ifo-Institut. Der Zuwachs der Realverdienste könnte zwar durch eine mögliche Konjunktureintrübung oder eine stärker steigende Inflation gedämpft werden, doch dies sei eher unwahrscheinlich, meinen die Experten.
Zunehmende Inflationsrisiken schürten zuletzt Zweifel, ob die höheren Lohnabschlüsse auch real zu Buche schlagen werden. Das scheint nun wegen der erneuten Senkung des Beitrages zur Arbeitslosenversicherung von 4,2 auf 3,3 Prozent der Fall zu sein.
Trotz der bislang guten Konjunktur und steigender Beschäftigung haben die Arbeitnehmer in Deutschland auch in diesem Jahr netto und real Gehaltseinbußen zu verzeichnen. Effektiv dürften die Verdienste 2007 Experten zufolge um 2,0 Prozent gestiegen sein. Damit lägen sie knapp unter der Teuerungsrate.
Allerdings werden schon dieses Jahr die Zusatzleistungen üppiger ausfallen. "Viele Beschäftigte werden ein höheres Weihnachtsgeld bekommen", sagte Hagen Lesch, Tarifexperte beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Das sei wegen der allgemein besseren Ertragssituation in den Unternehmen der Fall. In einigen Tarifverträgen sei die Zahlung der Weihnachtszulage auch gewinnabhängig.
Von 2004 bis 2006 lagen die Tariflohnzuwächse zwischen 1,1 und 1,2 Prozent. "In diesem Jahr werden es wohl 2,3 Prozent werden. Die Dynamik hat sich also verdoppelt", sagte Lesch. Vor allem in der Industrie und am Bau lagen die Abschlüsse deutlich höher. Damit dürfte das nominale Lohnplus in diesem Jahr im Durchschnitt deutlich höher ausfallen als in den letzten Jahren.
Die tariflich vereinbarte Erhöhung der Stundenlöhne werde 2008 voraussichtlich bei 2,6 Prozent liegen nach 1,8 Prozent im laufenden Jahr, schätzen die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrer Gemeinschaftdiagnose. Das wäre der höchste Zuwachs seit 2000. "Wegen höheren außertariflichen Leistungen dürften die effektiv gezahlten Gehälter sogar 2,9 Prozent steigen", sagte Nierhaus.
Damit steigt die Lohndrift. Von einer positiven Lohndrift sprechen Experten, wenn der Zuwachs der tatsächlich (effektiv) gezahlten Verdienste höher ist als das tariflich vereinbarte Plus. In konjunkturell guten Zeiten neigen Unternehmen dazu, ihren Mitarbeitern außertariflich Zusatzleistungen zu zahlen, die sie in schlechten Zeiten tendenziell wieder zurückfahren. Bis 2006 war die Lohndrift deshalb negativ, ab 2007 leicht positiv (siehe Grafik). Wegen der guten Erträge der Unternehmen könnte sie 2008 deutlich im Plus liegen, schätzen Experten.
Bei den Reallöhnen könnte der Zuwachs allerdings knapp ausfallen: "Die Lohndrift dürfte kommendes Jahr zwar etwas höher sein als bislang ", sagte Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Wesentlich sei jedoch die Entwicklung der Inflation.
Viele Prognosen gehen auch für 2008 von mehr als 2 Prozent aus. Zudem verschlechtert sich Horn zufolge sofort die Verhandlungsposition der Gewerkschaften, wenn die Dynamik auf dem Arbeitsmarkt nachlasse. "Es fehlt nur wenig, dass die Zuwächse wieder zunichte gemacht sind."
Optimistischer ist Herbert Buscher, Arbeitsmarktexperte am Institut für Wirtschaftsforschung Halle: "Die Tariflöhne werden 2008 vermutlich zwischen 2 und 5 Prozent steigen." Es werde deshalb einen Kaufkraftzuwachs geben. Die Arbeitnehmer würden ein höheres Einkommen haben, als durch Preiserhöhungen aufgezehrt werde: "Sie haben mehr in der Tasche."
Bereits in diesem Jahr brachten die Tarifabschlüsse in einigen Branchen ein deutliches Lohnplus, etwa in der Chemie- und Metallbranche. Im Einzelhandel liegt noch kein Abschluss vor, dort wird gegenwärtig gestreikt. 2008 dürften nach Ansicht von Hagen Lesch die Stahlindustrie und der öffentliche Dienst die Vorreiterrolle übernehmen. Im öffentlichen Dienst werde es konfliktreich werden, weil sich die Gewerkschaften an den Abschlüssen in der Privatwirtschaft orientierten.
Wahrscheinlich werde es jedoch einen starken Unterschied geben zwischen den binnen- und exportorientierten Branchen. Zu letzteren zählen Stahl, Metall und Chemie. Bei den Tariflohnzuwächsen wird es Lesch zufolge 2008 insgesamt wohl eine zwei vor dem Komma geben. Dafür sprächen die Stufenverträge, die bereits in diesem Jahr ausgehandelt wurden.
Allerdings schmälert die automatisch steigende Steuerlast bei höheren Einkommen die Zuwächse. "Eine Lohnerhöhung um ein Prozent führt als Faustregel zu einem Anstieg der Lohnsteuer um 1,9 Prozent", sagte Alfred Boss vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Netto ist das Verdienstplus daher auch ohne direkte Steuererhöhung immer niedriger als Brutto.
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