Wirtschaftswoche, 28.06.2010, S. 18
Es gibt unangenehmere Termine für Frank-Jürgen Weise als den am kommenden Mittwoch. Punkt zehn Uhr wird der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg die aktuellen Arbeitslosenzahlen für den Monat Juni präsentieren - und kaum jemand zweifelt noch daran, dass die Zahlenkolonnen erneut herzerfrischend positiv ausfallen werden. So war es schon in den Vormonaten. Auch wenn Weise auf die Euphoriebremse tritt und vor weiter bestehenden Jobrisiken warnt, führt an einem erstaunlichen Befund kein Weg mehr vorbei: Der früher häufig als unflexibel gescholtene deutsche Arbeitsmarkt hat die schlimmste Rezession der Nachkriegsgeschichte nahezu unbeschadet überstanden - und nimmt wieder Fahrt auf.
Deutschland ist derzeit das einzige Land der Europäischen Union, in dem die Arbeitslosenzahlen unter dem Vorjahreswert liegen. Im Mai suchten 3,24 Millionen Menschen einen Job, das sind 217 000 weniger als im Vorjahr - und die besten Mai-Zahlen seit 18 Jahren. Selbst wenn man statistische Tricksereien herausrechnet - seit 2009 fallen alle Erwerbslosen unter den Tisch, für die private Vermittler tätig werden -, ist das ein formidables Ergebnis. Schon im Herbst, erwartet Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), könnte das "Jobwunder" die Zahl der Arbeitslosen unter drei Millionen sinken lassen - es wäre das erste Mal seit November 2008.
Was hatten manche Auguren während der Krise nicht alles für Horrorszenarien entwickelt. "Die Arbeitslosenzahl wird im Winter 2010 über fünf Millionen steigen", warnte der damalige Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter vor einem Jahr. Auch die OECD sah in Deutschland eine neue Massenarbeitslosigkeit heraufziehen und forderte zusätzliche Konjunkturprogramme, um gebührenden Abstand zur Fünf-Millionen-Grenze halten zu können. Doch davon ist die deutsche Wirtschaft derzeit Lichtjahre entfernt. "Vier bis fünf Millionen Arbeitslose? Das wird nicht kommen", sagt BA-Chef Weise.
2011 könne die Zahl sogar im Jahresschnitt unter die Drei-Millionen-Grenze rutschen, prophezeit das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Dies war zuletzt im Jahr 1992 der Fall. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) untermauert den Optimismus: Erstmals seit zwei Jahren wollen wieder mehr Betriebe Stellen schaffen als streichen, er- gab eine DIHK-Unternehmensumfrage. Neue Jobs könnten danach unter anderem in den Bereichen Hotellerie, Energie, Gesundheit, Großhandel, IT und Metallverarbeitung entstehen. Und natürlich in der Zeitarbeit: Dort liegen die Beschäftigtenzahlen schon jetzt rund elf Prozent über Vorjahr.
Eine Umfrage, die das Münchner ifo Institut exklusiv für die WirtschaftsWoche durchgeführt hat, kommt zu ähnlichen Ergebnissen (siehe Seite 21). Danach wollen elf Prozent der Unternehmen im zweiten Halbjahr Personal abbauen - aber mehr als doppelt so viele, 24 Prozent, neue Leute einstellen. Im Dienstleistungsbereich sind es sogar 28 Prozent.
Parallel dazu geht die Zahl der Kurzarbeiter zurück. Im ersten Quartal 2010 waren es zwar immer noch 933 000, doch das sind fast 40 Prozent weniger als zur Spitzenzeit im Frühjahr 2009. "Im Jahresschnitt 2010 dürfte die Zahl der Kurzarbeiter um weitere 200 000 sinken", prognostiziert Eugen Spitznagel vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.
Viele Unternehmen drücken den Job-Hebel nun wieder in die entgegengesetzte Richtung. Beispiel Automobilindustrie: Hier fahren Daimler, Audi und BMW bereits Sonderschichten, um die weltweit anziehende Nachfrage bedienen zu können; in vielen Werken fällt die traditionelle Sommerpause aus. BMW hat 5000 Zeitarbeiter eingestellt, Daimler 1800.
Solche Meldungen stabilisieren nicht nur die Laune der Belegschaften, sondern auch die immer noch labile Konjunktur. Die Arbeitslosigkeit ist die größte Sorge der Deutschen und hat in den vergangenen Monaten dazu geführt, dass die Bundesbürger ihre Portemonnaies eng am Körper hielten. Nach einer Umfrage des Forschungsinstituts GfK fürchten sich 66 Prozent der Bundesbürger vor einem Jobverlust - das ist mit großem Abstand Rang eins auf der ökonomischen Sorgenskala. Sinkt nun die Angst um den Arbeitsplatz, könnte auch der zuletzt lahmende Konsum wieder anziehen (siehe Seite 26).
Redet da noch jemand von Krise? Wie kann das alles sein in Zeiten von Schuldendesaster und Inflationsgefahr, von Euro-Siechtum und konjunktureller Unsicherheit? Warum schnellt die Arbeitslosenquote im Nachbarland Frankreich auf über 10 Prozent nach oben, in Spanien gar auf 20 Prozent, während wir bei nur 7,1 Prozent liegen? Ökonomen machen dafür ein ganzes Bündel von Gründen verantwortlich.
Agenda 2010 "Deutschland fährt jetzt die Ernte der rot-grünen Sozialreformen ein", lobt der Arbeitsmarktforscher Hilmar Schneider, Direktor beim Institut für die Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. Die Agenda 2010 der Regierung Gerhard Schröder habe ein neues Anreizsystem installiert, das die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit deutlich verkürzte. Hinzu kam eine - von einigen Ausreißern abgesehen - moderate Lohnpolitik der Gewerkschaften, die sich auch in diesem Jahr fortsetzt. Die IG Metall etwa ging 2010 erstmals in ihrer Geschichte ohne Lohnforderung in eine Tarifrunde. Am Ende akzeptierte sie einen bis April 2012 laufenden Tarifvertrag, der für 2010 nur eine Einmalzahlung vorsieht - und erst ab April 2011 ein Lohnplus von 2,7 Prozent, das auf Betriebsebene noch um zwei Monate verschoben werden kann.
Die Folge der Lohnmäßigung: Die Lohnstückkosten in Deutschland blieben seit Mitte der Neunzigerjahre nahezu stabil, während sie in vielen anderen Industriestaaten nach oben schossen. "Das schaffte Luft für die Betriebe, in der aktuellen Krise eine Durststrecke mit hochschießenden Lohnstückkosten und sinkender Produktivität zu überstehen", sagt IZA-Experte Schneider. In früheren Rezessionsphasen, etwa Anfang der Achtziger- und Neunzigerjahre, verschwanden jedes Mal über eine Million Jobs. Selbst während des relativ harmlosen Konjunktureinbruchs 2001 bis 2003 verloren rund 600 000 Menschen ihre Arbeit.
Fachkräftemangel Demografisch bedingt drängen in diesem Jahr rund 150 000 Menschen weniger auf den Arbeitsmarkt als in den Vorjahren, und in den kommenden Jahren dürfte dieser Effekt weiter anwachsen. Das verbessert die Statistik, ohne dass ein einziger neuer Job entsteht. Das Entscheidende aber: Den drohenden Fachkräftemangel vor Augen, haben viele Firmenchefs nicht den Fehler der Vergangenheit wiederholt, in der Krise zu schnell zu viele Leute auf die Straße zu setzen - Personal, das im nächsten Aufschwung dann mit hohen Such- und Einarbeitungskosten neu rekrutiert werden muss (siehe Seite 24). In der Metall- und Elektroindustrie, Deutschlands wichtigster Branche, gingen 2009 zwar 125 000 Jobs verloren. Die dramatisch einbrechende Jahresproduktion hätten die Betriebe allerdings locker mit 940 000 Mitarbeitern weniger stemmen können, heißt es beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Hauptgeschäftsführer Ulrich Brocker: "Die M+E-Industrie hat trotz drastischer Unterauslastung 815 000 Mitarbeiter über das ersteKrisenjahr gerettet." Dies sei "eine herausragende Leistung der Betriebe".
Kurzarbeit Die massiv ausgeweitete und staatlich subventionierte Kurzarbeit in den Betrieben hat nach Ansicht von Ökonomen zwischen 300 000 und 500 000 Jobs gerettet. Sie ermöglichte es vielen Betrieben, Arbeitskräfte zu halten, für die schlicht keine Arbeit mehr da war. Dieser Erfolg ist freilich teuer erkauft: Allein 2009 kostete die Kurzarbeit die Bundesagentur für Arbeit mehr als 4,5 Milliarden Euro. Unter dem Schock der Rezession hatte die damalige schwarz-rote Bundesregierung dieses Instrument, das im Ausland nahezu unbekannt ist, zur Krisenwaffe Nummer eins ausgebaut. Die große Koalition verlängerte die maximale Zahldauer von 6 auf 24 Monate, vereinfachte die Zugangsvoraussetzungen und erhöhte die staatlichen Zuschüsse. Seither erstattet die BA den Betrieben die Sozialbeiträge, die auf Kurzarbeit entfallen, ab dem ersten Monat zur Hälfte und vom siebten Monat an in voller Höhe. Die neue Bundesregierung verlängerte diese Subvention bis Ende März 2012, was die Steuer- und Beitragszahler weitere 800 Millionen Eurokostet.
Flexibilisierung Die robuste Konstitution des Arbeitsmarkts allein auf die Kurzarbeit zurückzuführen greift aber zu kurz. Im Krisenjahr 2009 sank das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen in Deutschland um 1,6 Milliarden Stunden - und nur ein Drittel davon ging auf das Konto der Kurzarbeit. Noch stärker federten betriebliche Arbeitszeitmodelle die Krise ab.
Am deutschen Arbeitsmarkt habe sich "eine eigentümliche und weltweit einmalige Mischung aus Flexibilität und Sicherheit herausgebildet", sagt Ökonom Schneider. Der Kündigungsschutz ist unverändert rigide und das Regelwerk für befristete Arbeitsverträge bürokratisch, dafür aber hat sich die Arbeitsorganisation in den vergangenen zehn Jahren radikal verändert. Schneider: "Der Arbeitsmarkt ist in vielen Bereichen flexibler als in anderen Staaten. Bei der Arbeitszeit geht mittlerweile fast alles." 40 bis 50 Prozent aller Arbeitnehmer haben bereits individuelle Arbeitszeitkonten in ihrem Betrieb. Vor allem in der Industrie arbeiten die Belegschaften vielerorts nach ausgeklügelten und anpassungsfähigen Schichtmodellen. Sind die Auftragsbücher voll, arbeiten die Beschäftigten (unbezahlt) mehr und bauen Zeitguthaben auf. In Krisenzeiten feiern sie überzählige Stunden wieder ab.
Hinzu kommen in vielen Branchen spürbar flexibilisierte Tarifverträge. Wegweisend ist vor allem der im Juli 2008 in Kraft getretene "Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung und zum Beschäftigungsaufbau" in der Metall- und Elektroindustrie. Nach diesem Paragrafenwerk, das vorerst bis Ende 2011 gilt, kann so ziemlich jede tarifvertragliche Norm außer Kraft gesetzt werden, wenn es die wirtschaftliche Lage erfordert - und sich die Tarifparteien darüber einig sind. "Der deutsche Arbeitsmarkt ist auch für kommende Krisen gut gerüstet", glaubt daher Ökonom Schneider. "Eine neue Phase der Massenarbeitslosigkeit werden wir kaum erleben."
Produktivität gesunken Trotzdem ist Vorsicht geboten, wenn Verbandsfunktionäre wie DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben nun gleich 100 000 neue Jobs versprechen. Selbst wenn die Wirtschaft 2010 um stolze 2,1 Prozent wächst, wie es das Kieler IfW und das Münchner ifo Institut prognostizieren, könnte es auf dem Arbeitsmarkt nur einen Aufschwung mit angezogener Handbremse geben. Denn Jobs durch die Krise zu retten ist die eine Sache, viele neue Arbeitsplätze im Aufschwung zu schaffen, eine andere.
Die Kapazitätsauslastung der Metall-und Elektroindustrie etwa liegt immer noch unter 80 Prozent - vor der Krise waren es über 90 Prozent. "Ich warne daher vor übertriebenem Optimismus", sagt IAB-Ökonom Spitznagel. Dass viele Unternehmen ihre Leute trotz wegbrechender Aufträge hielten, hat seinen Preis - eine dramatisch gesunkene Produktivität. "Bevor viele Unternehmen neue Leute einstellen, werden sie erst einmal das Arbeitsvolumen der bestehenden Belegschaft hochfahren, um die Stundenproduktivität zu erhöhen." Die viel gelobte Flexibilität wirke eben in beide Richtungen, so der IAB-Experte.
Erste Indizien dafür gibt es bereits: Die Zahl der Überstunden, 2009 auf ein historisch niedriges Niveau von 0,65 Stunden pro Kopf und Woche gesunken, ist im ersten Quartal 2010 wieder auf 0,8 Stunden angestiegen. Und da ist noch viel Luft drin: In Normalzeiten leistet jeder Beschäftigte im Schnitt zwischen 1,0 und 1,5 Stunden Mehrarbeit.
Wie die atmende Arbeitszeit funktionieren kann, zeigt zum Beispiel die Zwick-Roell-Gruppe in Ulm. Im Krisenjahr 2009 brach die Nachfrage nach den Prüfapparaten des baden-württembergischen Maschinenbauers dramatisch ein. Firmenchef Jan Stefan Roell schickte daraufhin 45 Zeitarbeiter nach Hause und ließ 15 befristete Verträge auslaufen - doch die Stammbelegschaft blieb zusammen. Um das zu erreichen, fuhr das Unternehmen die dank des vorangegangenen Booms prall gefüllten Arbeitszeitkonten der Mitarbeiter herunter, teilweise sogar ins Minus. Gleichzeitig senkte Roell die Wochenarbeitszeit ab, die Mitarbeiter verzichteten auf einen Teil ihres Lohns.
Jetzt ist der Aufschwung da, und die Flexibilität wirkt wieder - nur diesmal in die andere Richtung. Obwohl die Aufträge um 25 Prozent über Vorjahr liegen, denkt Roell noch nicht über zusätzliche Stellen nach. Seit Januar arbeiten seine Mitarbeiter wieder regulär 35 Stunden. Wenn die Auftragsbücher noch voller werden, will der Unternehmer "auf bis zu 40 Stunden hochgehen", denn auch das erlaubt der Tarifvertrag. "Haben wir dann noch Arbeitsbedarf", so Roell, "holen wir uns wieder Zeitarbeiter." Und schließlich gibt es da auch noch 65 Mitarbeiter mit befristeten Verträgen. Die könnte Roell einfach - abermals befristet - verlängern. Eine Sondervereinbarung der Metall-Tarifpartner in Baden-Württemberg lässt dies bis zu sechs Mal in vier Jahren zu.
Manche Unternehmen trauen dem Aufschwung so wenig, dass sie zusätzlichen Personalbedarf lieber mit externen Arbeitskräften decken. Der Kugellagerhersteller Myonic aus Leutkirch etwa will seine Stellenzahl 2010 zwar um fünf Prozent hochfahren - aber fast ausschließlich mit Zeitarbeitern. Immerhin: Wer sich bewährt, darf später auf einen festen Job im Unternehmen hoffen, verspricht Geschäftsführer Bernhard Böck.
Vielerorts drohen zudem noch Spätfolgen der Krise in Unternehmen, deren Markt enger geworden ist und die nun, Kurzarbeit hin oder her, ihre Kapazitäten anpassen müssen. Allein 800 Arbeitsplätze will etwa der Kolbenbauer Mahle streichen, beim Klimaanlagenhersteller Behr stehen mehr als 400 Jobs zur Disposition.
Dass es zu früh ist, rosige Zeiten für Arbeitnehmer auszurufen, zeigt auch der Blick ins Kleingedruckte der Jobstatistik. Die Zahl der Vollzeitbeschäftigten ging im ersten Quartal 2010 um 1,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück - die Zahl der Teilzeitjobs hingegen kletterte um 1,7 Prozent auf über 12,3 Millionen. Viele neue Jobs tragen überdies ein Verfallsdatum. Rund 50 Prozent aller neuen Arbeitsverträge werden mittlerweile befristet, berichtet IAB-Experte Spitznagel. Auch die ifo-Umfrage für die WirtschaftsWoche zeigt: Nur 37 Prozent der neu geplanten oder jüngst geschaffenen Stellen sind unbefristete Vollzeitjobs.
Verträge oft nur befristet Auch wenn die Betriebe viele befristete Verträge später in Vollzeitstellen umwandeln, spiegelt diese Praxis die Unsicherheit über den weiteren Konjunkturverlauf wider. "Neue Stellen werden wir zunächst generell befristen", sagt etwa Stefan Wolf, Vorstandsvorsitzender von ElringKlinger in Dettingen. Seitdem die Aufträge aus Asien und Nordamerika wieder kräftig anziehen, hat der Automobilzulieferer bereits 30 neue Mitarbeiter befristet eingestellt. Weitere sollen folgen. Und wenn es wieder schlechter läuft, nun gut, dann laufen diese Verträge eben einfach aus.
Diese Personalstrategie ist kein temporäres Krisenphänomen - sondern ein genereller Trend in der Arbeitswelt. Viele Ökonomen sagen voraus, dass wir uns künftig auf ein weit schnelleres und hektischeres Auf und Ab der Wirtschaft einstellen müssen als in der Vergangenheit. Eine höhere Volatilität der Konjunktur könnte dabei nicht nur die Risikofreude und Investitionslust der Unternehmen bremsen, sondern auch die Personalpolitik in den Betrieben umkrempeln: Die Chance, einen festen Job mit geregelten Arbeitszeiten zu bekommen, droht weiter zu sinken - selbst wenn die Wirtschaft brummt. Welcher Unternehmer stellt schon neue Leute ein, wenn ständig hinter der nächsten Ecke der Abschwung lauert? Stattdessen dürfte das zunehmen, was Experten "atypische Beschäftigungsverhältnisse" nennen: Teilzeitjobs, Mini-Jobs, befristete Stellen.
Schon jetzt sind Beschäftigungsformen jenseits des Vollzeitjobs fester Bestandteil des Arbeitsmarkts. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ist der Anteil der Normalarbeitsverhältnisse in Deutschland zwischen 1998 und 2008 von 72,6 auf 66 Prozent gefallen. Der Anteil atypischer Jobs kletterte dagegen von 16,2 auf 22,2 Prozent. Dass sich dieser Trend während der Rezession umgekehrt hat, ist wenig wahrscheinlich.
Das muss nicht unbedingt schlecht sein. Teilzeitverträge können die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern. Und so mancher Langzeitarbeitslose hätte ohne den Umweg über die Zeitarbeit nie einen Job gefunden. Die zunehmende Segmentierung wird aber ein ökonomisches Problem, wenn Vollzeitstellen massenweise in Mini- und Midi-Jobs aufgesplittet werden und Arbeitnehmer ihre Lebens- und Berufsplanung nur noch in Zwei-Jahres-Rhythmen machen können (siehe Seite 104) Und dann dürften auch die monatlichen Pressekonferenzen von BA-Chef Frank-Jürgen Weise wieder weniger entspannt ablaufen als am kommenden Mittwoch. Es gibt wieder Jobs. Wie die Unternehmen jetzt auf den Aufschwung reagieren. Die Turbulenzen an den Finanzmärkten beeindrucken die Realwirtschaft kaum: Nur elf Prozent der Betriebe wollen noch Stellen streichen - 24 Prozent hingegen neue Mitarbeiter einstellen. Vor allem große Mittelständler zwischen 500 und 1000 Beschäftigten sehen sich nach neuem Personal um (33 Prozent). Dies zeigt eine Umfrage des Münchner ifo Instituts exklusiv für die WirtschaftsWoche. Die knapp 600 befragten Firmenchefs sind gleichwohl skeptisch, ob der Aufschwung nachhaltig ist. Von den jüngst geschaffenen und geplanten Jobs sind 52 Prozent befristet. Und bevor viele Betriebe neue Arbeitsverträge unterzeichnen, wollen sie zunächst die Überstunden hochfahren (40 Prozent). Für 47 Prozent der Unternehmen ist die unsichere Auftragslage derzeit die größte Jobbremse. Zweitgrößte Hürde: die mangelnde Qualität der Bewerber. Auf halbem Wege. In vielen EU-Ländern sind die Arbeitslosenzahlen stark gestiegen - und wären ohne Reformen noch höher. Die Krise hat ihre Spuren hinterlassen. Fast in allen EU-Ländern ist die Arbeitslosigkeit seit 2008 sprunghaft gestiegen. Allein im vergangenen Jahr erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen in den 27 Mitgliedsländern um sieben Millionen. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Für die Euro-Zone prognostiziert die EU-Kommission für dieses Jahr eine Arbeitslosenquote von 10,3 Prozent. Im kommenden Jahr wird sie mit 10,4 Prozent sogar noch höher ausfallen. "Der kurzfristige Ausblick ist nicht rosig", warnt OECD-Generalsekretär Angel Gurria. Die Ökonomen der OECD gehen davon aus, dass es ungefähr fünf Jahre dauern wird, bis die Arbeitslosigkeit von ihrem Höchstwert wieder auf das Niveau vor der Krise sinkt. Mit Ausnahme von Deutschland tendieren in allen großen Mitgliedsländern der EU die Arbeitslosenquoten nach oben (siehe Grafik). Zwei Länder, die von der Krise besonders gebeutelt wurden, verzeichnen auch am Arbeitsmarkt die größten Verwerfungen: Spanien und Irland. In Irland könnte die Arbeitslosenquote bis zum Jahresende auf 15 Prozent anschwellen, in Spanien streift sie im Jahresverlauf die Marke von 20 Prozent. In beiden Ländern wurden vor allem Migranten und Ungelernte entlassen. In Spanien schafften insbesondere viele Jugendliche den Sprung in den Arbeitsmarkt nicht. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei horrenden 40 Prozent. Subvention für Ausbildung "2009 ist die Arbeitslosigkeit bei jungen Menschen dramatisch gestiegen", schreibt die EU-Kommission in ihrem Beschäftigungsbericht und fordert "energischeres politisches Handeln". In Frankreich und Italien bleibt jeder Fünfte im Alter zwischen 15 und 24 Jahren vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Arbeitsmarktexperten halten die Entwicklung für bedenklich, weil ein Heer von Langzeitarbeitslosen heranzuwachsen droht. In Frankreich versucht die Regierung durch Subventionen für Ausbildungsverträge der Entwicklung gegenzusteuern. Die Ökonomen der OECD fürchten jedoch, dass dieses Instrument wenig Wirkung zeigen wird. Vom negativen Trend können sich neben Deutschland auch Österreich und die Niederlande abkoppeln, wo nach Prognosen der EU-Kommission die Arbeitslosenquote auch im kommenden Jahr unter sechs Prozent bleiben wird. Österreich hat 2009 ein umfangreiches Arbeitsmarktpaket verabschiedet und - wie Deutschland - in großem Stil auf Kurzarbeit zurückgegriffen. Der niederländische Arbeitsmarkt gilt seit Langem als hochflexibel. In Ländern wie Deutschland, Österreich und den Niederlanden kommt klar zum Ausdruck, was anderswo von der Krise überdeckt wird: Insgesamt hat es Europa in den vergangenen Jahren geschafft, die strukturelle Arbeitslosigkeit abzubauen. "Diese Tatsache wurde bisher erstaunlicherweise übersehen", schreiben die Ökonomen Tito Boeri von der Bocconi- Universität Mailand und Pietro Garibaldi von der Universität Turin in ihrer Analyse "Beyond Eurosclerosis". Seit Mitte der Neunzigerjahre haben EU-Länder ihre Arbeitsmärkte reformiert, wodurch Arbeitskräfte mobiler geworden sind. Das zeigte Wirkung: Bevor die Rezession 2008 einsetzte, hatte die Arbeitslosigkeit in den alten Mitgliedstaaten der EU ihr niedrigstes Niveau seit 25 Jahren erreicht. Zwischen 1996 und 2006 ging selbst in Frankreich, Italien, Griechenland und Spanien die Arbeitslosigkeit deutlich zurück. Basierend auf Arbeitsmarktdaten aus elf EU-Ländern, haben die beiden italienischen Ökonomen auch einen Mobilitätsindex erstellt. Zwischen 1996 und 2004 weist dieser in den meisten Ländern nach oben, die Ausnahmen sind Griechenland, Luxemburg und Frankreich. Anderswo verweilen Menschen kürzer in der Arbeitslosigkeit. Auslöser dafür waren geringeres Arbeitslosengeld, aber auch die neuen Möglichkeiten an flexiblen Arbeitsverträgen. Italien beispielsweise führte 1997 Zeitarbeit ein. In Spanien wurde der Kündigungsschutz 1994 und 1997 gelockert, der Abschluss von Zeitverträgen wurde erheblich erleichtert. Allerdings haben sich die befristeten Verträge oft als wenig verlässlich erwiesen. Ökonomen beobachteten, dass 90 Prozent der Arbeitslosen, die zurück in den Arbeitsmarkt fanden, nur einen befristeten Job erhielten. In der Rezession schnellte dann die Arbeitslosenzahl in Spanien nach oben, weil die befristeten Verträge ausliefen. Gerade weil die Arbeitslosenzahlen in vielen europäischen Ländern so hoch liegen, fürchten Ökonomen, Regierungen könnten unter Druck geraten, die Reformen zurückzudrehen. "Dieser Versuchung sollten sie widerstehen, denn dies würde nur zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führen", warnen Boeri und Garibaldi. Europa, so ihre Schlussfolgerung, ist erst auf halbem Wege, was die Reformen angeht. Und sollte den Rest des Weges auch noch gehen. Halber Lohn für nichts. Überstunden, Arbeitszeitkonten, Kurzarbeit - mit flexiblen Instrumenten halten Unternehmen ihre Beschäftigten. TUI Deutschland Der Reiseveranstalter schickte ab Mai vergangenen Jahres alle 1800 Beschäftigten der Zentrale in Hannover vorübergehend in verkürzte Arbeitswochen. Dabei legten die Mitarbeiter bis Januar 2010 vier Monate lang jeweils für zwei Tage die Arbeit nieder und kürzten so ihre Arbeitszeit um zehn Prozent. So glich das Unternehmen Arbeitsspitzen und -dellen während der Kurzarbeitsphase aus. Das war "eine wahre Erfolgsgeschichte", freut sich Personalchefin Ute Buscher. "Rund drei Prozent der Arbeitsplätze" seien dadurch erhalten worden, also mehrere Dutzend Jobs. Etwas problematisch ist die Situation noch bis Ende September in den 400 TUI-eigenen Reisebüros, die im Schnitt drei bis fünf Mitarbeiter beschäftigen. Kurzarbeit läuft dort anders: Sinkt in einem Monat der Umsatz unter eine bestimmte Größe, wird im Folgemonat kurzgearbeitet. Arbeitnehmervertreter kritisieren die hohe Leistungsverdichtung. "Weniger Kunden in den Reisebüros bedeuten nicht unbedingt weniger Arbeit", sagt Konzernbetriebsratsvorsitzender Frank Jakobi. Gerade in der Krise würden Kunden auf den Preis achten und wollten gut beraten werden. Dadurch müssten die Kollegen in weniger Zeit die gleiche Arbeit erledigen. Bislang waren 200 Filialen von Kurzarbeit betroffen. Ob die Aktion über September hinaus fortgesetzt wird, entscheidet sich erst nach den Sommerferien. Daimler Das waren die Arbeiter und Angestellten des schwäbischen Traditionskonzerns nicht gewohnt: Kurzarbeit, Trennung von Zeitarbeitern und Arbeitszeitverkürzung mit Lohneinbußen. Mehr als 100 000 Mitarbeiter der Edelmarke mussten ab Mai 2009 mit weniger Geld und weniger Arbeit auskommen. 57 000 Beschäftigte an den deutschen Standorten gingen in Kurzarbeit, die restlichen 63 000 mussten eine Arbeitszeit- und Lohnkürzung von 8,75 Prozent hinnehmen. Ein Jahr und ein Monat mindestens, so erfuhren die deutschen Daimler-Werker, sollte die Arbeitszeitverkürzung dauern, die Kurzarbeit möglicherweise noch länger. Mit im Paket, das Betriebsratschef Erich Klemm und Arbeitsdirektor Wilfried Porth ausgehandelt hatten, war eine Verschiebung der Tariferhöhung um fünf Monate und eine Reduzierung zum Kurzarbeitsgeld. Im Gegenzug verzichtete Daimler auf betriebsbedingte Kündigungen. Inzwischen ist die Kurzarbeit weitgehend passé. Nur noch 13 700 Mitarbeiter arbeiteten Ende Mai in Deutschland kurz. Vor allem die tarifliche Arbeitszeit- und Lohnkürzung von fast neun Prozent konnte Daimler-Personalvorstand Porth einen Monat früher und für alle Betroffenen aufheben. Mehr noch: In den deutschen Daimler-Werken arbeiten wieder 1800 Zeitarbeiter. Und in einzelnen Pkw-Fabriken wie Sindelfingen, Untertürkheim und Bremen wird wieder samstags gearbeitet. Für die Werke Sindelfingen und Bremen haben Betriebsrat und Werkleitung für die kommende Jahreshälfte Zusatzschichten vereinbart. Im Werk Rastatt laufen entsprechende Verhandlungen noch. In den Sommerferien will Daimler wieder 2100 Schüler und Studenten einstellen. Die Sommerpausen sind in mehreren Werken gestrichen. Krones Das Unternehmen ist Weltmarktführer für Abfüllanlagen und hielt trotz 22 Prozent Umsatzrückgang die Zahl der Mitarbeiter konstant. Um die Stammbelegschaft zu halten, setzte der Vorstandsvorsitzende und Familienaktionär Volker Kronseder auf Kurzarbeit und Abbau der Arbeitszeitkonten. 100 Stunden können die Krones-Mitarbeiter in Boomzeiten ansparen und in schlechten Zeiten wieder ins Minus fahren. Heute sind so gut wie alle Arbeitszeitkonten wieder über der Nulllinie, nachdem die meisten Mitarbeiter Anfang 2009 das Konto auf minus 100 Stunden gefahren hatten, viele Konten befinden sich schon wieder mit 20 bis 40 Stunden im Plus. Deutsche Lufthansa Das Luftfahrtunternehmen kann die Produktion drei Monate lang je nach Bereich um bis zu zehn Prozent kürzen, ohne entlassen zu müssen, sagt Finanzvorstand Stephan Gemkow. Weil bei den 20 000 Piloten und Flugbegleitern Überstunden die Regel sind, entspricht allein der Rückgang zur Regelarbeitszeit einem Abbau des Personaleinsatzes von 14 Prozent. Zusätzlich nutzt der Konzern ein elegantes System in der Kabine. So teilt die Lufthansa zwar für jede Verbindung die vorgesehene Zahl von Flugbegleitern ein. Werden aber nicht alle gebraucht, weil der Flug schlecht gebucht ist, fliegt ein Mitarbeiter wie ein normaler Passagier mit und bekommt dafür nur die halbe Stundenzahl gutgeschrieben. In anderen Konzernbereichen erreicht die Lufthansa eine ähnliche Flexibilität mit- hilfe von Arbeitszeitkonten. Am konsequentesten nutzen dies die Wartungsbetriebe der Lufthansa Technik. Hier bekommen alle Beschäftigen ein Tarifgehalt für 37,5 Stunden. In der Praxis müssen sie jedoch zwischen 30 und 48 Stunden die Woche ran - je nachdem, ob gerade ein Flugzeug in der Halle ist oder nicht. Nach einem Zeitraum von 18 Monaten muss die Arbeitszeit im Schnitt bei den tariflich vereinbarten 37,5 Stunden liegen.
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