Wirtschaftswoche, 13.09.2010, S. 26
Sein Ziel hat Ewald Herkenhoff immer vor Augen - ein Glas mit Kreide. Denn wenn es nach dem Leiter der Berufsbildenden Schulen Am Schölerberg (BBS) in Osnabrück geht, wird dieses Glas bald das Einzige sein, was noch an die alte Schule erinnert. Herkenhoff hat das "Ende der Kreidezeit" ausgerufen, elektronische Tafeln ersetzen die Modelle aus Schiefer. Immer wenn am Ende eines Jahres noch Geld übrig ist, kauft Herkenhoff eine neue Tafel. Ohne dafür extra einen Antrag auf neue Lehrmittel stellen zu müssen.
Denn Herkenhoff ist nicht nur Lehrer, er ist auch Unternehmer. Seine Firma ist eine selbstständige Kombination aus Wirtschaftsgymnasium, Berufsschule, Berufsfachschule sowie Fachoberschule. Budget, Personal und Lehrpläne kann er eigenverantwortlich verwalten. Das Management besteht aus Abteilungs- und Teamleitern; ein Aufsichtsgremium aus Eltern- und Schülervertretern, dem Schulvorstand und einer Steuerungsgruppe kontrolliert, dass in Herkenhoffs Unternehmen alles nach Plan läuft. Kurz: "Entscheidungen werden da getroffen, wo die Probleme anfallen", sagt Herkenhoff.
bessere Abschlüsse Quer durch die Republik wird seit einigen Jahren mit dem Modell der Selbstständigen Schulen experimentiert. Erste Studien belegen die positiven Auswirkungen auf Unterrichtsqualität und Schülerleistung. Doch häufig bremst die Politik die Bestrebungen: Mal fehlen die notwendigen Rahmenbedingungen, um die Schulen in eine Selbstverwaltung zu überführen, manchmal werden Erfolg versprechende Projekte nach Regierungswechseln wieder eingestampft. Ein gutes Modell für eine Verbesserung im Bildungssystem droht die Ausnahme zu bleiben.
Dabei ruhen auf den selbstständigen Schulen die Hoffnungen vieler Politiker und Bildungsforscher. Denn - so zeigen Modellversuche und internationale Vergleiche - wer selbst für sein Budget verantwortlich ist, geht auch verantwortungsbewusster damit um. Gleichzeitig schneiden Schüler an selbstständigen Schulen häufig besser ab. In Zeiten leerer Kassen und hoher Anforderungen an das Bildungssystem ist das Modell verheißungsvoll: bessere Institute ohne höhere Kosten. Die Grundidee hinter dem Modell ist dabei simpel. Die Schule definiert nach bestimmten Maßgaben der jeweiligen Landesregierung ein eigenes Programm, in dem Zielvereinbarungen und schulspezifische Förderprojekte festgehalten werden. Dass die vereinbarten Ziele auch eingehalten werden, darüber müssen die Schulen regelmäßig Rechenschaft ablegen. So hat sich Ewald Herkenhoff zum Ziel gesetzt, die Abbrecherquote am Wirtschaftsgymnasium binnen drei Jahren von heute 50 Prozent auf dann 40 Prozent zu senken. Jährliche Überprüfungen sollen zeigen, ob das Ziel erreicht werden kann oder wo nachgesteuert werden muss.
Gleichzeitig zeigen Auswertungen der bereits abgeschlossenen Modellversuche: Der Erfolg steht und fällt mit der Schulleitung und den Lehrern. Für sie stehen Führungskräfteschulungen und Fortbildungen ganz oben auf dem Lehrplan. Das heißt aber auch: Lehrer werden in Zukunft noch mehr leisten müssen. Denn auf sie entfällt der größte Teil der Bildungsbudgets, folglich erhoffen sich Länderfinanzminister vor allem hier deutliche Effizienzgewinne durch die Selbstständige Schule (siehe Interview).
Doch obwohl die Vorteile des Modells auch über die Landesgrenzen Niedersachsens hinaus bekannt sind und in eigenen Modellversuchen ausprobiert wurden, sind nur wenige Länder derart konsequent in der Umsetzung. So haben zwar auch Baden-Württemberg, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern nach ihren Modellversuchen die Eigenverantwortlichkeit im Schulgesetz verankert, allerdings in erster Linie als Angebot an die Schulen. "Es ist frustrierend, dass die Politik hier nicht bereit ist, erfolgreiche Modelle in der Fläche umzusetzen", sagt Ludger Wößmann, Bildungsökonom am Münchner ifo Institut. "Hier wirken sicherlich auch Interessen der Bildungsverwaltung, den Status quo zu halten." In den Stadtstaaten ist man schon weiter: Neben Niedersachsen wollen auch Bremen, Hamburg und Berlin in den nächsten Jahren erreichen, dass alle Schulen eigenverantwortlich handeln.
Als ähnlich mustergültig wie Niedersachsen galt 2002 das bevölkerungsreichste Bundesland, Nordrhein-Westfalen. Damals startete dort der großangelegte Modellversuch "Selbstständige Schule", rund 280 Häuser aller Schulformen nahmen an dem Projekt teil. Doch mit dem Regierungswechsel 2005 erlahmte der Reformwillen. Mit einer Schulgesetzänderung 2006 wurde dem von der schwarz-gelben Regierung in "Eigenverantwortliche Schule" umgetauften Modell zwar die rechtliche Grundlage gegeben, doch darüber hinaus passierte wenig.
Die neue rot-grüne Landesregierung will jetzt wieder aufs Gas drücken, sie hat im Koalitionsvertrag den Ausbau der Selbstständigkeit festgelegt. Und auch die neue Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) hält große Stücke auf ihre Reformlehrer. "Die Schulen wissen doch selbst am besten, welchen Bedarf sie haben", so Löhrmann. "Schulen in Köln sind nun einmal ganz anders als Schulen im Münsterland, da kann es keine Einheitslösungen geben."
Doch so ganz geheuer ist auch Ministerin Löhrmann das Autonomiebestreben der Lehrer nicht. Eine Schule als Unternehmen? Das dann doch lieber nicht, findet die Ministerin. "Schulen haben ganz andere Ziele als Unternehmen, und sie sollten auch nicht profitorientiert sein", so Löhrmann.
Schulleiter wie Ewald Herkenhoff sind da offensiver. "Anders werden wir langfristig nicht überleben können", da ist sich der Osnabrücker Pädagoge sicher. Der demografische Wandel sorgt für sinkende Schülerzahlen, Schulen stehen im Wettbewerb um den existenzsichernden Nachwuchs. "Letztendlich ist auch Schule ein Dienstleister", sagt Herkenhoff. "Und wir müssen uns überlegen, wie wir uns gegenüber anderen Anbietern positionieren." Herkenhoff und sein Team basteln bereits an einem Konzept, um den Abendunterricht an den berufsbildenden Schulen weiter auszubauen. Auch die Erwachsenenbildung nehmen die Osnabrücker Pädagogen ins Visier. Kurse nach Vorbild der Volkshochschulen künftig auch Am Schölerberg? Warum nicht, sagt Herkenhoff. "Von der Landesregierung werden wir in den nächsten Jahren nicht mehr Geld bekommen. Also müssen wir uns auch um alternative Einnahmequellen bemühen." Denn sonst stünde Herkenhoff vielleicht bald in der Kreide - trotz elektronischer Tafeln.
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