Die Welt vom 29.11.2000, S. 12
Berlin - Der Chefprognostiker des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Willi Leibfritz, rechnet auch im vierten Quartal des Jahres mit einer weiteren Abschwächung der Konjunktur. Für das Gesamtjahr erwartet er weiterhin eine Wachstumsrate von drei Prozent. Die größten Gefahren für dieses Wachstumsszenario gehen von einem weiter hohen Ölpreis und einer "harten Landung" der boomenden US-Konjunktur aus. Mit dem Chefprognostiker des Instituts sprach Stefan von Borstel.
DIE WELT: Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts hat sich im dritten Quartal weiter verlangsamt. Nach Zuwachsraten von 3,6 und 3,3 Prozent im ersten und zweiten Quartal war es im dritten Quartal nur noch ein Plus von 2,8 Prozent zum Vorjahr. Worin ist die Abschwächung der konjunkturellen Dynamik begründet?
Willi Leibfritz: Der Aufschwung schwächt sich ab, und zwar deshalb, weil die Ölpreise so stark gestiegen sind. Das kommt für uns nicht überraschend, das haben wir prognostiziert. Die Bremsspur sieht man ganz deutlich am privaten Verbrauch. Auf Grund des höheren Ölpreises hat es einen Kaufkraftentzug gegeben. Es ist aber auch die sehr schlechte Baukonjunktur, die auch im dritten Quartal weiter schwach geblieben ist.
DIE WELT: Gibt es Mittel, den privaten Konsum anzuregen? Was empfehlen Sie?
Leibfritz: Glücklicherweise tritt ja am Jahresanfang eine umfangreiche Steuersenkung in Kraft. Dies wird einen expansiven Impuls für die Konjunktur bringen. Die Steuersenkung dürfte im nächsten Jahr das Wirtschaftswachstum um rund einen halben Prozentpunkt anheben.
DIE WELT: Was ist mit der EZB-Zinspolitik? Hat die Europäische Zentralbank mit ihren Zinserhöhungen die Konjunktur mehr gedrosselt, als es nötig war?
Leibfritz: Die EZB ist von einer zuvor expansiven Geldpolitik auf einen neutralen Kurs umgeschwenkt, d.h. die Zinsen sind jetzt nicht mehr anregend für die Konjunktur. Es ist aber nicht so, dass man die jetzige Konjunkturabschwächung auf die höheren Zinsen zurückführen sollte. Wir empfehlen, dass die EZB die Zinsen nicht weiter erhöhen sollte. Sonst würde folgendes passieren: Auf den konjunkturdämpfenden Effekt der Ölpreiserhöhung käme auch noch ein zusätzlicher dämpfender Effekt der Geldpolitik. Dies wäre eine Gefahr für die Konjunktur. Zwar sind im Moment die Preissteigerungen höher, als dies dem Preisziel der EZB entspricht. Aber hier handelt es sich um einen temporären Preisschock durch die Ölpreiserhöhung. Wenn man diese herausrechnet, haben wir eine relativ hohe Preisstabilität.
DIE WELT: Welche Entwicklung erwarten Sie im vierten Quartal?
Leibfritz: Wir glauben, dass wir im vierten Quartal noch etwas weniger Wachstum haben werden als im dritten Quartal. Aber im Jahresdurchschnitt dürften wir weiterhin drei Prozent Wachstum erreichen, wie wir das bei der jüngsten Gemeinschaftsdiagnose der Forschungsinstitute prognostiziert haben.
DIE WELT: Was sind die größten Risiken für die Konjunktur?
Leibfritz: Das größte Risiko ist einmal der Ölpreis. Wenn er weiter steigt, und nicht fällt, ist das eine Gefahr für die Konjunktur. Das andere große Risiko ist, dass sich die Konjunktur in Amerika stärker abschwächt, als wir das unterstellt haben. Doch im Moment sieht es so aus, als ob wir eine "sanfte Landung" der US-Konjunktur bekommen könnten. Diese beiden Risiken schätzen wir daher im Moment nicht sehr hoch ein, aber ganz vernachlässigen darf man sie nicht. Wir werden also in Deutschland im nächsten Jahr zwar eine Abschwächung der Konjunktur erleben, aber keine Rezession. Ob es 2,7 Prozent werden - wie das die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten vorausgesagt haben - oder doch etwas weniger, werden wir jetzt in unserer Dezemberprognose prüfen.
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