SZ-Interview mit dem Konjunktur-Chef des Ifo-Instituts, Willi Leibfritz
Süddeutsche Zeitung vom 13.09.2000, S. 27
SZ: Herr Leibfritz, wie wird der hohe Ölpreis und der billige Euro unsere Konjunktur beeinflussen?
Leibfritz: Für sich genommen sehen wir einen deutlich dämpfenden Effekt. Der dürfte in diesem Jahr; wenn man alle Importpreise zusammennimmt, bei etwa einem Prozent des Bruttoinlandprodukts liegen oder etwa 40 Milliarden Mark. Positiv wirkt dagegen der Export-Boom, der ja durch den schwachen Euro noch verstärkt wird. Das gleicht sich in diesem Jahr ungefähr aus.
SZ: Wir haben immer noch eine Chance, drei Prozent Wachstum zu kriegen?
Leibfritz: Unsere Prognose liegt bei zweidreiviertel Prozent, ,aber wir sind immer noch in einer Aufschwungsphase.
SZ: Wie schätzen Sie die weltwirtschaftlichen Auswirkungen dieser Ölpreisentwicklungen ein?
Leibfritz: Insgesamt ist überall ein negativer Effekt erkennbar, aber glücklicherweise entwickelt sich die Weltwirtschaft insgesamt noch in positiv, sodass die Ölpreis-Erhöhung dieses Mal vermutlich besser verkraftet wird, als bei den letzten Ölpreis-Krisen.
SZ: Eine Rezession droht uns nicht?
Leibfritz: Die Sorge hielte ich für übertrieben. Allerdings hat die Konjunktur-Euphorie, die wir noch vor einem Vierteljahr hatten im Moment doch einen Dämpfer bekommen.
SZ: Der ifo-Geschäftsklima-Index, der in ihrem Hause gemacht wird, ist im vorigen Monat überraschend eingebrochen. Daraufhin hat sich die Talfahrt des Euro nochmals beschleunigt. Zu Recht?
Leibfritz: Wir haben immer festgestellt: Wenn der ifo-Indikator reagiert, hat das Folgen für den Euro. Der ifo-Geschäftsklima-Index ist schon ein repräsentativer Maßstab für das Vertrauen der Unternehmen. Ich glaube aber nicht, dass er schon unbedingt eine Konjunktur-Abschwächung signalisiert. Ich interpretiere das so, dass im Moment die Unsicherheit bei den Unternehmern gestiegen ist. Und zwar nicht nur in Deutschland; wir haben eine ähnliche Entwicklung auch in der Weltwirtschaft. Das kann sehr wohl auch mit der Ölpreis-Entwicklung zu tun haben.
SZ: Wie groß ist die Gefahr, dass aus der Ölpreis-Steigerung eine regelrechte Inflation wird?
Leibfritz: Das wäre dann der Fall, wenn die Löhne stärker steigen würden, weil die Menschen sich bei den Unternehmen über höhere Löhne entschädigen lassen wollen und die höheren Ölpreise letztlich dann bei den Unternehmen landen würden. Diese Gefahr ist im Moment, in Deutschland jedenfalls, nicht groß, denn die Lohnrunde ist gelaufen, auch für den größten Teil des nächsten Jahres. Ich sehe das in Gesamteuropa ähnlich. Allerdings muss man sehen, dass wir einen einmaligen Preiserhöhungsschock kriegen. Die Verbraucherpreise haben schon reagiert, sie liegen in Europa über zwei Prozent. Ohne die Ölpreise würden wir in Deutschland noch unter einem Prozent liegen.
SZ: Muss die Europäische Zentralbank noch mal reagieren?
Leibfritz: Es wäre jetzt falsch, mit massiven Zinserhöhungen nach oben zu gehen. Es handelt sich um einen einmaligen Preisschock von außen, den muss man einfach hinnehmen. Gefährlich würde es für die Preisstabilität lediglich, wenn es zu diesen Sekundäreffekten käme. Solange das nicht der Fall ist, würde ich der Zentralbank zum Abwarten raten.
SZ: Gefährdet denn der Verfall des Euro nicht die Preisstabilität?
Leibfritz: Wir haben vom schwachen Euro auch erst mal einen einmaligen Effekt auch in diesem Jahr. Nur wenn der Euro permanent weiter fallen würde, könnte daraus ein Dauereffekt werden. Natürlich kann ein schwacher Euro der Zentralbank nicht angenehm sein. Es ist schon wichtig, dass das Vertrauen stabilisiert wird. Aber das Problem ist: Solange die amerikanische Wirtschaft immer noch so viel schneller wächst als die europäische, und das sind bei uns im ersten halben Jahr immer noch rund zwei Prozentpunkte, kann man relativ wenig von Seiten der Politik tun. Würde man jetzt mit massiven Zinserhöhungen den Euro stützen wollen und eventuell dann die Konjunktur noch schwächer machen, könne das den Euro sogar schädigen.
SZ: Die Forderungen werden immer lauter, die Erhöhung der Ökosteuer auszusetzen oder die Ökosteuer insgesamt abzuschaffen. Sollte die Regierung nachgeben?
Leibfritz: Wenn man mit der Ökosteuer die Rentenbeiträge und damit die Lohnkosten senken kann und damit Arbeitsplätze schafft, kann man das durchaus positiv sehe. Außerdem internationalisiert die Ökosteuer externe Effekte des Autoverkehrs.
SZ: Die Umweltkosten werden in den Benzinpreis eingerechnet.
Leibfritz: Sie kommen dann jedenfalls besser zum Ausdruck. Was ist allerdings für problematisch halte an dieser Verbindung zwischen Renten und Ökosteuer, ist, dass die eigentlichen Kosten der Rentenversicherung nicht mehr transparent sind. Wenn man bei der Ökosteuer die nächste Stufe aussetzen würde, fehlten in den öffentlichen Kassen etwa fünf Milliarden Mark. Die Rentenversicherungsbeiträge müssten also steigen. Die Hauptursache dafür wäre jedoch, dass wir immer noch eine sehr starke Frühverrentung haben. Das heißt, die fällige Beitragserhöhung kommt nicht zustande, wir zahlen letztlich die höheren Sozialbeiträge an der Tankstelle. Das Ganze wird doch recht undurchsichtig. Wichtig wäre natürlich auch, dass man die Rentenreform selber vorantreibt und vor allem die Rentenfinanzen von der Seite auch entlastet, eben auch durch eine Erhöhung des Renteneintrittsalters. Man kann also einerseits die Verbindung zur Ökosteuer mit dem Hinweis auf die Arbeitskosten rechtfertigen, auf der anderen Seite macht es das gesamte Finanzierungssystem bei der Rente doch sehr intransparent. Man sollte doch grundsätzlich noch einmal über diese Dinge nachdenken.
"Für eine Denkpause in Sachen Fortführung der Ökosteuer"
SZ: Sie raten also dazu, den Protesten von Spediteuren und Taxifahrern nach-zugeben?
Leibfritz: Es ist sinnvoll, dass wir das Benzin nicht zu billig machen, auch aus Umweltgründen natürlich. Und es ist sinnvoll, die Rentenversicherungsbeiträge beziehungsweise die Lohnnebenkosten niedrig halten. Beides sind richtige Ansatzpunkte, aber man muss schon überlegen, ob man diese Erhöhungsformel permanent so weiter laufen lassen muss. Wichtig wäre es, die Rentenreform energischer anzugehen.
SZ: In Sachen Fortführung der Ökosteuer also eine Denkpause?
Leibfritz: Ja, zumindest für das Gesamtkonzept eine Denkpause. Oder aber, was natürlich noch besser wäre, ein Konzept für die gesamte Europäische Union entwickeln. Wir müssen ja auch sehen, dass wir gerade auf dem Erdöl-Markt und mit dem Wettbewerb der Spediteure auch im internationalen Wettbewerb stehen, und es ist da schon ein Problem, dass einzelne Länder, wie Frankreich zum Beispiel, jetzt Steuern senken, während wir die Abgaben weiter erhöhen wollen. Das heißt: Wir brauchen unbedingt ein europäisches Gesamtkonzept, in dem die Besteuerung harmonisiert wird. Das wäre jetzt eine ganz wichtige Aufgabe für Europa.
Interview: Nikolaus Piper
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Wiederveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Süddeutschen Zeitung.
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