Süddeutsche Zeitung, 03./04.11.2007, Nr. 253, S. 24
München - Als Volkswirt lebt Horst Siebert von Zahlen, sie sind sein Rohstoff, das Holz, aus dem er seine Werke schnitzt: detaillierte Analysen der Weltwirtschaft. Siebert hat genügend Zahlen gesehen, um sich nicht mehr von jeder beeindrucken zu lassen. Auch nicht von den schwindelerregenden Ziffern, die in diesen Tagen wieder einmal aus China kommen: Um 11,5 Prozent sei das Bruttoinlandsprodukt in den ersten neun Monaten des Jahres gewachsen, meldet das Nationale Statistikbüro in Peking.
Deutliche Zweifel an diesen offiziellen Ziffern zeigt Siebert bei den Münchner Seminaren von Süddeutscher Zeitung und Ifo-Institut. „Es ist die Frage, wie zuverlässig diese Wachstumsraten sind", sagt der ehemalige Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, der heute in Bologna lehrt. Dann zieht der 69-Jährige einen deutlichen Vergleich: „Wir wissen aus der Zeit des Eisernen Vorhangs, dass die Daten damals frisiert waren - es wäre normal, wenn auch der eine oder andere Gouverneur in China möglichst gut dastehen will."
Auf seinen Folien hatte Siebert einige Daten von 2005 notiert, doch sie sind längst veraltet. Damals lag die Exportquote des Landes - das Verhältnis der Exporte einer Volkswirtschaft zu ihrem Bruttoinlandsprodukt - noch bei 34 Prozent, die neueste Zahl aus Peking lautet 40,1 Prozent. „Die Zahlen werden angepasst, revidiert", sagt Siebert, „das Bild ist nicht sehr eindeutig." Zum Beispiel wundert ihn, wie stark die Inflationsrate in den vergangenen 20 Jahren schwankte. Um bis zu 16 Prozentpunkte von einem Jahr auf das nächste. Siebert macht so etwas misstrauisch.
Überhaupt will er sie nicht teilen, diese bedingungslose China-Euphorie vieler westlicher Manager und Unternehmensberater, die mit leuchtenden Augen von riesigen Chancen schwärmen. „Wirtschaftliche Herausforderungen für die neue Weltmacht", hat er seinen Vortrag überschrieben. Und seine Liste dieser Herausforderungen ist lang.
Da ist das „fragile Bankensystem", wie Siebert es vorsichtig nennt. Drei der vier großen Staatsbanken sind mittlerweile teilprivatisiert, doch die Regierung hält weiter die absolute Kontrolle - und die Risiken. „In den Büchern stehen sehr viele faule Kredite", sagt Siebert. So habe der Staat in den Jahren 1999 und 2000 etwa 14 Prozent seiner Währungsreserven eingesetzt, „um die Bankbilanzen wieder in Ordnung zu bringen". Ähnlich sei es in den Jahren 2003 bis 2005 gewesen. Die Devisen, die China mit seinem Exportüberschuss einnehme, setze es zum Teil zur Stabilisierung des Bankensystems ein. „Deshalb muss man die Reserven eventuell mit einem anderen Blick sehen", sagt der Forscher. Bislang haben die angehäuften Währungsberge von mehr als 1400 Milliarden Dollar im Westen vor allem eines erzeugt: Furcht.
Siebert weist auch auf die verheerende Umweltverschmutzung als Folge des Wachstums hin. Nur ein Prozent der 560 Millionen Stadtbewohner atmet eine Luft, die mit den Grenzwerten der EU verträglich ist. Im Mai war Siebert selbst auf Vortragsreise in China. Seine Beobachtung: „Leider ist die Luft so verschmutzt, dass sie sichtbar ist", sagt er. Vor Ort sind dem Wissenschaftler auch die neuesten Hochhäuser nicht entgangen, wie Wälder wachsen sie überall. Für Siebert ein weiteres Problem: „Im Bausektor liegt möglicherweise eine erhebliche Überinvestition vor." Ein Überangebot an Wohnungen und Büros befürchtet er, wie etwa in Thailand oder Ostdeutschland.
Lange fährt Siebert so fort. Er erklärt die begrenzten Eigentumsrechte für Bauern wie Unternehmen. Und er beschreibt die fehlende soziale Absicherung eines 1,3- Milliarden-Volkes. „China ist etwa in der Situation, wie es Deutschland vor 100 Jahren war", sagt er. Schutz vor Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Alter gibt es nicht. Die Folge ist eine sehr hohe Sparquote: „Die Menschen müssen sparen, um für diese Fälle gewappnet zu sein."
Unter dem Strich beschreibt der Volkswirt das chinesische Wachstum als verzerrt: Export statt Konsum, Produktion statt sozialer Absicherung, Verschmutzung statt Umweltschutz. „Als Ökonomen wissen wir, dass dies später Korrekturen erfordert", sagt Siebert. Seiner Meinung nach liegt das reale Wachstum deutlich niedriger. Vielleicht bei 7,5 Prozent.
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