Süddeutsche Zeitung, 20./21.05.2009, Nr. 115, S. 22
München - Ökonomen, die sich noch etwas Optimismus bewahrt haben, sind selten geworden. Der Volkswirt Axel Börsch-Supan ist eine solche Ausnahme - was erst recht verwundert, weil sein Forschungsgebiet schon lange vor der Wirtschaftskrise reichlich Stoff für Schreckensszenarien bot. Börsch-Supan leitet das Mannheimer Forschungsinstitut Ökonomie und Demographischer Wandel - und dass die Deutschen immer älter werden, versteht er als "ein großes Glück". Es liegt seiner Einschätzung nach an vielen hartnäckigen und weit verbreiteten Vorurteilen, dass seine Position noch Seltenheitswert hat. Deshalb hat es sich der Volkswirt zur Aufgabe gemacht, diese Vorurteile zu demontieren - auch bei seinem Vortrag in der Reihe "Münchner Seminare" von Süddeutscher Zeitung und der CESifo-Gruppe.
Man dürfe nicht den Fehler machen, betonte Börsch-Supan, sich einen alten Menschen der Zukunft so vorzustellen, wie ein alter Menschen heute aussehe: Denn nicht nur die Lebenserwartung der Deutschen steigt. Sondern auch jene Jahre, in denen sie gesund sind, und damit jene Jahre, in denen sie arbeiten können. Wer sich die EU-Staaten gestaffelt nach ihrem Wirtschaftswachstum anschaue, so Börsch-Supan, der suche Deutschland im oberen Drittel vergeblich. Denn: Deutschland schöpft sein Potential an Arbeitskräften nicht aus. Wenn es in Deutschland wirtschaftlich also wieder stärker bergauf gehen soll, dann könne das Land auch auf die Alten nicht verzichten. Und genau da kommen die Vorurteile ins Spiel - oder besser gesagt: Börsch-Supans Argumente, um diese zu entkräften.
Eines der Vorurteile, und nach Auffassung des Volkswirts sogar das hinderlichste in der praktischen Politik: Die Alten nehmen den Jungen die Arbeitsplätze weg. "Die Politik stellt sich den Arbeitsmarkt als einen kleinen Kiosk vor." Für gerade einmal zwei Menschen sei darin Platz. Wenn ein dritter hinein möchte, so muss einer der beiden raus. Aber der Arbeitsmarkt habe keine starren Schranken, vielmehr sorge die Konjunktur für Spielraum, dafür, dass mal mehr, mal weniger Platz ist. In Ländern etwa, in denen viele Menschen in die Frührente geschickt werden, sei die Jugendarbeitslosigkeit nicht automatisch niedrig. Sicherlich lasse im Alter die Muskelkraft nach, auch die psychische Leistungsfähigkeit sinke, gesteht Börsch-Supan zu. Doch viele Unternehmen ziehen daraus die falschen Schlüsse. Denn die Älteren verfügten über mehr Erfahrungen als die Jüngeren. Und damit bleibt die Produktivität eines Mitarbeiters unabhängig von seinem Alter relativ stabil, wie Börsch-Supan in einer Studie mit Mitarbeitern einer Lastwagenfertigung zeigen konnte. Die älteren Mitarbeiter dort waren auch nicht häufiger krank als die jüngeren. Dass also die Alten ausgelaugt sind und folglich aus den Betrieben ausgemustert werden müssen - für solch eine Personalpolitik gebe es keinen guten, sprich: wissenschaftlich fundierten, Grund. Es wäre sogar fatal, wenn die Deutschen an dieser Praxis festhalten würden, betonte Börsch-Supan. Denn dass es künftig mehr Alte und weniger Junge gibt, heißt auch: Es gibt mehr Konsumenten und weniger Erwerbstätige. "Wenn wir jetzt nicht einlenken, bezahlen wir das mit unserem Lebensstandard", so die Warnung des Volkswirtes.
Wie wir einlenken könnten mache Japan längst vor: Dort haben die Menschen zwei Jobs. Die Karriere beendeten viele mit 60 Jahren, dann jedoch wechselten sie in eine Beratertätigkeit. Die ist körperlich weniger anstrengend und bietet gleichzeitig die Möglichkeit, dass die Älteren ihre Erfahrungen an die Jüngeren weiterreichen.
Der Dachdecker, so Börsch-Supan, müsse nicht bis ins hohe Alter hinauf auf den First, sein Gewerbe biete ihm doch ausreichend Gelegenheit, sich anderswo einzubringen - etwa in der Lehrlingsausbildung. Ein flexibles Rentenalter, das sich an die Lebenserwartung anpasst, müsse deshalb kein Fluch sein. Ebenso wenig, wie eine alternde Gesellschaft den wirtschaftlichen Zusammenbruch bedeuten muss.
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