Süddeutsche Zeitung, 20.05.2010, S. 18
Münchner Seminare
München – Großbritanniens Energieproblem lässt sich auf der Homepage des Senders BBC in ein paar Minuten lösen. Mit dem „Energy Calulator“ können Briten die Energiezukunft ihres Landes bis 2020 planen. Wie sich zusätzlicher Bedarf mit weniger Emissionen versöhnen lässt? 9000 Windräder vor der Küste aufstellen, schlägt das Spiel vor. Lady Barbara Judge, 60, kann darüber nur lächeln. Was die Energieprobleme des Landes wirklich löst? „Neue Atomkraftwerke sind die Antwort auf die großen Probleme unserer Zeit: Energiesicherheit, Energieunabhängigkeit und Klimawandel“, glaubt Judge, die Vorsitzende der britischen Atomenergiebehörde (UKAEA) und vielleicht einflussreichste Atomlobbyistin des ganzen Kontinents.
Hans-Werner Sinn, der Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, hat Judge zu den „Münchner Seminaren“ eingeladen. Wie die Atombranche in Großbritannien den Widerstand gegen Pläne für den Bau neuer Meiler gekippt hat? Wie das Land wegen seiner Neubauprojekte zum Sehnsuchtsort deutscher Energieversorger wie Eon und RWE wurde, die auf der Insel Milliardenprojekte planen? Der Klimawandel habe die Regeln des politischen Spiels über Nacht geändert, sagt Judge. In Großbritannien sei die Atomkraft wieder hoffähig geworden, weil sie keine Treibhausgase produziere und doch die dringend nötige neue Energie liefere.
Während deutsche Atomkonzerne versuchen, den Atomausstieg zu verhindern, wünscht sich die britische Regierung zehn neue Reaktoren, um eine Versorgungskrise abzuwenden und ihr Versprechen zur CO2-Reduzierung zu halten. Daran, so Judge werde sich auch in der neuen Koalition nichts ändern. Im Koalitionsvertrag seien die Pläne für den Ausbau der Kernkraft festgeschrieben. Die Londoner Regierung hatte sich zum Ziel gesetzt, den Ausstoß an klimaschädlichen Treibhausgasen bis 2050 auf mindestens 80 Prozent unter dem Stand von 1990 zu drosseln. Noch vor fünf Jahren hatte die britische Labour-Partei die Atomenergie abgelehnt, doch der frühere Premier Tony Blair brachte sie zurück auf die Agenda. Auch der neue Premier David Cameron hält an den Plänen fest.
„Der Wind hat sich gedreht“, sagt Judge. Von Brückentechnologie könne keine Rede sein. Sie sieht die Atomkraft auf absehbare Zeit nicht am Ende. Neben Großbritannien gebe es auch in Russland, China und den USA Pläne für neue Atommeiler. Allein China baut gerade 22 Kernkraftwerke und plant weitere 35. In den USA will Präsident Barack Obama 54 Milliarden Dollar für eine neue Anlagen-Generation bereitstellen. Und selbst in Deutschland, das so nah wie kaum ein anderes Land am Ausstieg stehe, hält Judge eine Renaissance für möglich und empfiehlt den versammelten Energiemanagern: „Sie müssen beginnen, die Menschen zu überzeugen.“ Denn wenn die Meiler vom Netz gingen und kein Ersatz in Sicht sei, werde die Rückkehr schwierig. „Dann fehlen irgendwann die Leute für Bau und Planung – so wie heute in Großbritannien.“ Es gebe einen gewaltigen Fachkräftemangel im Land, klagt Judge.
Dass das Eis dünn ist, beweist Judge mit ihrem eigenen Vortrag. „Der Störfall im US-Meiler Three Mile Island Ende der Siebziger Jahre war kein Desaster“, findet Judge. „Das war ein Erfolg.“ Schließlich habe es bei der teilweisen Kernschmelze des Reaktors anders als in Tschernobyl in der Nähe von Harrisburg keine Opfer gegeben. In der Geschichte der Kernenergie habe es immer wieder Sicherheitsprobleme gegeben, räumt Judge ein. Grund für das Ende der Atomkraft sei das aber nicht. „Nichts in der Welt ist völlig sicher.“
In Deutschland müssten laut dem Ausstiegsbeschluss der rot-grünen Bundesregierung von 2001 in den nächsten Monaten die ersten Meiler vom Netz gehen. Union und FDP ringen derzeit um ein Konzept für eine Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke. Größtes Problem der Branche ist in Deutschland wie in Großbritannien die Endlagerfrage. Denn wo der Atommüll entsorgt werden soll, ist bislang unklar. Es gebe Überlegungen für unterirdische Lager, die für 1000 Jahre sicher seien, sagt Judge. „Dann wird es neue Zivilisationen mit neuen technischen Möglichkeiten geben.“
Die US-Amerikanerin gilt als eine der schillerndsten Vertreterinnen der Atombranche. Dabei ist die Juristin Seiteneinsteigerin und erst seit wenigen Jahren Atomlobbyistin. Judge machte nach dem Studium in New York als Anwältin Karriere und handelte Übernahmen aus. Danach wurde sie als erste Frau in die Securities and Exchange Commission, die US-Börsenaufsicht SEC, berufen. Erst vor 14 Jahren kam Judge als Anwältin nach London. 2002 wurde Judge Direktorin der Atombehörde und ist seit 2004 ihre Vorsitzende.
Von Markus Balser
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