Süddeutsche Zeitung, 19.02.2009, Nr. 41, S. 20
München - „Wie konnte etwas so Kleines wie der amerikanische Subprime-Hypothekenmarkt das Weltfinanzsystem aus den Fugen bringen?" Seine Antwort auf diese Frage gab Professor Martin Hellwig am Montag bei den Münchner Seminaren der Süddeutschen Zeitung und der CESifo-Gruppe. Die Krise sei nicht allein das Ergebnis von Fehlspekulationen, betonte der Wissenschaftler. Auslöser für das Erdbeben in der Finanzwelt seien die Fehler im Finanzsystem selbst, besonders in der Regulierung der Banken. Als regulatorischen „Sündenfall" bezeichnete Hellwig vor allem das Baseler Abkommen aus den neunziger Jahren, kurz Basel II, das den Banken erlaubte, ihre Kapitaldecke abzuschmelzen - weswegen, sie jetzt bei unvorhergesehen Verlusten dramatisch schnell in Solvenzprobleme kommen.
„Das Subprime-Problem war doch schon 2007 bekannt", erklärte Hellwig mit Blick auf den Beginn der Krise in den USA. Die zum Teil hohen Risiken aus der Expansion des Kreditgeschäfts mit US-Immobilien waren verbrieft, neu gebündelt und dann - ohne ausreichende Qualitätskontrolle - weiterverkauft worden. Doch das hätte nach Hellwigs Meinung noch keinen Flächenbrand ausgelöst, wären sie von Anlegern mit langfristigem Zeithorizont, also beispielsweise Pensionsfonds, gekauft worden. Stattdessen hatten Banken auf beiden Seiten des Atlantiks sogenannte Zweckgesellschaften gegründet, die diese riskanten Papiere in aufkauften, um sich dann kurzfristig am Geldmarkt zu refinanzieren. Banker nennen diese Methode Fristentransformation - ein einträgliches Geschäft für die Zweckgesellschaften und ihre Mutterhäuser, allerdings nur solange die Märkte ihnen Geld gaben.
Genau darin sieht Hellwig den Auslöser für die ungeahnte Ausbreitung der Krise: „Es hatte kaum noch jemand einen Überblick über das riesige Ausmaß dieser Fristentransformation." Seiner Rechnung zufolge belief sie sich auf eine Summe von 1000 Milliarden Dollar. Der Systemschock setzte ein, als Zweifel an der Qualität der riskanten Hypothekenpapiere aufkamen. Anleger wollten die Milliardensummen nicht länger zur Verfügung stellen, die die Zweckgesellschaften dringend benötigten. „Für 90 Prozent dieser Papiere brach die Finanzierung zusammen", erklärte der Volkswirtschaftler, der auch dem wissenschaftlichen Beirat des Wirtschaftsministeriums angehört.
Das Ergebnis seien nun die enormen Finanzlücken, für die die Banken hätten gerade stehen müssen, es aber nicht konnten, weil es ihnen an Eigenkapital fehlte. Grund genug für Hellwig, den Finger in die Wunde zu legen: „Wenn die Banken sagen, sie haben eine Kernkapitalquote von zehn Prozent, heißt das oft nur zwei bis drei Prozent der Bilanzsumme, so viel wird vom Regulierer gefordert. Das freie Eigenkapital, das als Puffer in einer solchen Krise dienen könnte, liegt praktisch bei null."
Basel II schreibt weiterhin vor, dass die Finanzinstitute ihre Risikopapiere zum Marktwert in den Büchern führen müssen, was die Abwärtsspirale beschleunigt: Denn die Marktpreise für Kreditderivate und andere Wertpapiere kamen ins Rutschen, die Banken mussten immer mehr Abschreibungen vornehmen. Die Buchverluste ließen das ohnehin knappe Eigenkapital weiter schmelzen. Gleichzeitig leiteten die Banken Notverkäufe ihrer Papiere ein, was den Marktwert abermals drückte. Deshalb hält Hellwig die Forderung, Papiere immer zum aktuellen Marktpreis zu bewerten, für fatal - denn die Kernschmelze in den Bankbilanzen hält dadurch weiter an. „Basel II ist Teufelszeug. Wenn es nicht ausgesetzt wird, wird sich die wirtschaftliche Abwärtsspirale mit dramatischen Konsequenzen fortsetzen", sagte er. Etwas mehr Ermessensspielraum bei den Bilanzierungsregeln, könnte laut Hellwig die Probleme zumindest mildern.
Die enormen Garantie- und Rekapitalisierungsbeträge, die der Staat jetzt infolge der Finanzkrise den Banken zuschießt, um den Brand zu löschen, sieht Hellwig durchaus skeptisch: „Man muss auch in einem Wahljahr 2009 sehen, was das politische System überhaupt verkraften kann. Die Summen, um die es hier geht, sprengen nicht nur die Vorstellungen des Normalbürgers", sagte er. In der aktuellen Verstaatlichungsdiskussion im Zusammenhang mit der Hypo Real Estate vertritt Hellwig die Meinung, wenn der Staat interveniere, solle er auch Mitspracherechte bekommen - schließlich sei er ja auch Risiken eingegangen, die am Ende die Steuerzahler tragen müssten. Außerdem solle der Staat hinterher ebenfalls an den Erträgen beteiligt sein. „Es darf nicht so sein wie bei manchen Aufkauf-Lösungen, wo der Staat die Risiken nach unten trägt und an den Chancen nach oben nicht teilhat."
Von Petra Blum
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