Süddeutsche Zeitung, 13.06.2007, Nr. 133, S. 18
München - Neulich hat sich Sabine Werth wieder auf den, Pausenhof einer Berliner Schule gestellt/um Frühstücksbeutel zu verkaufen. Ein Käsebrot, ein Wurstbrot und ein Apfel stecken dann in jeder Tüte, Schüler bezahlen dafür 20 Cent. „Es ist eine Frage der Menschenwürde, ob ich etwas dafür bezahle oder ob ich ein Almosen bekomme", sägt die 50-jährige Berlinerin. Einmal pro Woche stehen Werth oder ihre Kollegen von der Berliner Tafel auf zwölf Pausenhöfen von Kreuzberg bis .Schöneberg und verkaufen solche Beutel. Die Nachfrage von Bedürftigen ist groß: „Viele Kinder kommen hungrig zur Schule."
Der Verkauf der Frühstücksbeutel ist eine der jüngeren Aktionen der Berliner Tafel. Sabine Werth hat den gemeinnützigen Verein vor 14 Jahren mit einigen Freundinnen gegründet, noch heute ist sie dessen Chefin. Mittlerweile ist aus einer Idee eine große Organisation entstanden, von, der Sabine Werth im Rahmen der Münchner Seminare von Ifo Institut und Süddeutscher Zeitung berichtet hat. Die Berliner Tafel sammelt Nahrungsmittel, die sonst weggeworfen werden, sortiert diese, bis sie einwandfrei sind und verteilt sie an Bedürftige. „In Deutschland gibt es Lebensmittel im Überfluss, und dennoch haben nicht alle Menschen ihr täglich Brot“ kritisiert Werth. „Das wollten wir ändern." Begonnen hat der Verein mit Nachfragen bei Super- und Großmärkten. „Wie, ihr wollt unseren Müll?", hieß es dort zunächst. Doch schon bald hätten sich viele an die ehrenamtlichen Abholer gewöhnt und diese unterstützt. Heute zapft die Tafel viele Quellen an: „Wenn auf der Autobahn ein Laster umkippt, dann werden wir angerufen." Verteilt werden die Lebensmittel an Bedürftige - immer gegen den symbolischen Beitrag von einer Münze. Und die Firmen erhalten eine Spendenquittung.
Was als kleine Umverteilung 1993 begann, ist eine professionelle Resteverwertung für den guten Zweck: 240 Tonnen Lebensmittel sammelt die Tafel regelmäßig ein. „Jeden Monat profitieren 125 000 Berliner davon", sagt Werth. Ein Viertel der Bedürftigen seien Kinder und Jugendliche. Längst hat die Diplom-Sozialpädagogin Werth nicht mehr nur einige Freundinnen um sich versammelt. Die Berliner Tafel beschäftigt acht Festangestellte und etwa 600 ehrenamtliche Helfer. Die Idee hat sich deutschlandweit durchgesetzt: Nach dem Vorbild aus Berlin wurden bislang 706 Tafeln gegründet. Sehr große wie die in München und kleinere, wie die in Starnberg. Als Vorbild hätten ähnliche Aktionen in den Vereinigten Staaten gedient, erzählt Werth. „Was dort klappt, funktioniert 10 bis 15 Jahre später auch bei uns."
Um die Idee am Leben zu erhalten, haben Werth und ihre Mitgründer das klassische Fundraising-Konzept „auf den Kopf gestellt", so Werth. Statt Geld von Spendern zu verlangen bittet die Tafel darum, dass „jeder gibt, was er kann". Das klappt gut: So versorgt der Autobauer DaimlerChrysler die Tafel mit etlichen Sprintern. Damit kann das Essen auch zu Bahnhofsmissionen, Suppenküchen, Frauenhäusern oder Grundschulen transportiert werden. Die Bäckerei Kamps liefert Brote, Vodafone stellt kostenlose Handys, das Kaufhaus Kadewe gibt Backwaren und Obst.
Ähnlich funktioniert auch das Ehrenamt. Jeder Freiwillige darf das machen, was er möchte und kann, sagt Werth. „Ehrenamt muss Freude machen." Anders als bei anderen gemeinnützigen Vereinen sind die Freiwilligen zu 41 Prozent Männer. Dabei beharrt Sabine Werth darauf, dass die Berliner Tafel nur wachsen konnte, weil sie von Frauen gegründet wurde. „Wir hatten kein Konzept und haben einfach mal angefangen."
Ein Problem etwa führte im Jahr 2005 zum Ausbau der Tafel. Viele Bedürftige kamen aus fernen Stadtteilen zu den Ausgabestellen. „Die fuhren aber immer schwarz mit der Bahn", sagt Werth. „Schließlich haben sie ja wenig Geld." An "dieser Stelle sprangen, unterstützt vom Radiosender Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), die Kirchen ein und errichteten in 43 Gemeinden der Hauptstadt eigene Essensausgaben. Die Aktion heißt „Laib und Seele": Hier bekommt jeder Essen, der weniger als 900 Euro im Monat zum Leben hat. Das mag viel anmuten, stimmt Sabine Werth zu, und sicherlich gebe es auch Missbrauch. „Doch wer sich mit ein paar hundert Menschen bei einer Ausgabestelle in die Schlange einreiht, der ist sicherlich bedürftig genug."
Das jüngste Projekt der Berliner Tafel sind Kinderrestaurants. Hier dürfen allerdings alle Kinder für wenig Geld essen, nicht nur die armen. „Wir wollen gesundes Mittagessen anbieten", sagt Werth. „Ohne Geschmacksverstärker." Geplant sei auch ein Imbiss in einer Markthalle, wo Kinder kochen lernen, als Beitrag zum gesunden Essverhalten.
Stolz ist Sabine Werth darauf, dass die Berliner Tafel ohne öffentliche Hilfe auskommt. „Wir finanzieren uns nur über Spenden und Mitgliedsbeiträge." Um dauerhaft zu überleben, wurde zuletzt eine Stiftung gegründet. Werth hofft, dass die Zinsen des dort eingezahlten Stiftungskapitals irgendwann einmal alle Aktionen der Tafel finanzieren. Doch bis es so weit ist, wirbt die Wohltäterin unermüdlich für ihre Ideen, ständig reist sie für die Tafel durch Deutschland. Eine hochrangige Anerkennung hat sie dafür schon erhalten. Im Jahr 2003 bekam Sabine Werth das Bundesverdienstkreuz.
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